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Johann Huber vergisst, wo er wohnt, wer er ist - seine Frau kann ihn nie alleine lassen

Markt Schwaben- "Man weiß ja nicht, wie schnell es schlimmer wird." Elisabeth Huber (Name von der Red. geändert) sitzt an ihrem kleinen Küchentisch und erzählt von ihrem Mann. Dass der gerade im Nebenzimmer liegt und vielleicht zuhört, ist kein Problem. Was er noch mitbekommt von Gesprächen wie diesem, ist nicht sicher. Klar aber ist, dass er sich immer weiter vom Leben entfernt. "Wenn er fernschaut, verwechselt er das was ist und das, was er gesehen hat", erzählt seine Frau. "Krimis schalte ich keine mehr an, das regt ihn viel zu sehr auf."

Wann Johann Huber, 81 ist er, an Demenz erkrankt ist, weiß man nicht, die Krankheit könne schon 20 Jahre lang in einem drin sein, bevor sie ausbreche, erklärt seine Frau. Bei ihrem Mann habe man es vor sechs, sieben Jahren gemerkt, dass er sich Dinge nicht mehr gut merken konnte. Deutlich schlimmer sei es vor drei Jahren geworden. Seit eineinhalb Jahren hat Johann Huber Pflegestufe eins - vom Bundesgesundheitsministerium definiert als erhebliche Pflegebedürftigkeit. Das heißt, mindestens einmal täglich müsse der Betroffene bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität hilfebedürftig sein. Außerdem muss er mehrfach in der Woche Hilfe bei der Hauswirtschaft benötigen, und der Zeitaufwand dafür mindestens 90 Minuten am Tag betragen.

235 Euro bekommt die 76-jährige Elisabeth Huber von der Pflegekasse dafür, dass sie die Pflege selbst übernimmt - nicht 90 Minuten sondern 24 Stunden am Tag. Die Leistungen eines Pflegedienstes würden ihr wenig helfen. Aber schließlich ist sie mit Johann seit 56 Jahren verheiratet, "da hat man sich aneinander gewöhnt, ich muss mich doch um ihn kümmern." Das ganze Leben haben sie zusammen verbracht, zwei Kinder groß gezogen mit den üblichen Höhen und Tiefen. Johann war Stuckateur und sein Beruf brachte es mit sich, dass er oft unterwegs war, in Kirchen weit weg von zu Hause gearbeitet hat. Mit 62 musste er in Rente gehen und zu der Zeit, sagt Elisabeth, waren vielleicht die ersten Vorboten der Krankheit schon da. Johann wollte unbedingt aufs Land, weg aus der lauten Stadtwohnung in München, "er hat damals schon die Ruhe gesucht." Also zog das Paar nach Niederbayern, wo es sich eine Eigentumswohnung kaufen konnte mit kleinem Garten. Sie pendelte eineinhalb Jahre lang nach München an ihre Arbeitsstelle, bis sie ganz nach Niederbayern zog und auch ihren alten Vater mitnahm.

Johann liebte es, sich um den Garten zu kümmern, Spaziergänge mit dem Hund zu unternehmen, den das Paar damals noch hatte, er war gerne in Gesellschaft, begeisterte sich für die Sportfischerei, genoss Würfelspiele mit Bekannten und Freunden. Heute muss Elisabeth ihm jedes Mal sagen, dass er den Becher schütteln muss. "Es hat damit angefangen, dass er keine Lust mehr hatte, im Garten etwas zu tun." Die Sportfischerei, die Besuche, Johann verlor an allem die Freude. Irgendwann beschloss Elisabeth Huber, die Wohnung draußen auf dem Land aufzugeben und nach Markt Schwaben zu ziehen, wo ihre Tochter zu Hause ist. Heute braucht sie die Unterstützung der Tochter dringend, sie kann Johann nicht mehr alleine lassen, auch nicht, wenn sie selbst zum Arzt muss oder auch mal zum Friseur. Es könne schon sein, dass er sich anzieht in der Früh, "aber wie halt". Die Zähne putzt er sich zwar, aber nur, wenn sie ihm sagt, dass er es tun soll. Manchmal nachts, wenn er aufstehe, um zur Toilette zu gehen, finde er danach nicht zurück ins Schlafzimmer. "Er macht dann alle Lichter an, schaut hinter jede Tür, vergisst die Toilettenspülung." Eine Zeitlang sei das mehrmals in der Nacht passiert, "ich kann dann nicht mehr einschlafen, bin am nächsten Tag nur noch todmüde." Eine Zeitlang habe er dauernd versucht, wegzulaufen, habe sich hinter ihrem Rücken hinaus geschlichen, "die Polizei hat ihn mir dann wieder gebracht", erzählt sie und fügt hinzu: "Manchmal habe ich gedacht, ich schaffe das nicht mehr."

Dass sie für ihren Mann nun einen Platz in der betreuten Gruppe der Caritas-Fachstation (siehe oben) in Markt Schwaben bekommen hat, ist eine große Erleichterung - und eigentlich wünscht sie sich vor allem, dass es eine solche Gruppe wenigstens zweimal in der Woche gäbe. In den vier Stunden hat sie die Gewissheit, dass ihr Mann versorgt ist, dass sich jemand um ihn kümmert und dass es vier Stunden lang nicht sie ist, die das tun muss. "Er liest ja nicht mehr, er schreibt nicht, hat seine Kreuzworträtsel aufgegeben." Ob er sich langweile, könne sie nicht sagen, "er will immer nur, dass ich mich zu ihm setze. Aber ich kann das doch nicht dauernd, ich muss doch weitermachen."

Früher sei sie gern ins Theater gegangen, sei viel draußen gewesen mit dem Hund, den es nicht mehr gibt. Heute kommt sie kaum mehr aus dem Haus, höchstens zum Einkaufen, manchmal ein wenig spazieren, so weit Johann halt mit dem Rollator kommt. Die Nachbarn, denen sie dabei begegnen, erkennt er längst nicht mehr, Fremde kann er nicht einordnen. Immerhin noch die Ehefrau, die Tochter und den Enkel. Mit dem übt er sogar das Einmaleins - Erinnerungsreste aus seiner eigenen Jugend. Manchmal bringt er seine Frau am kleinen Frühstückstisch zum Lachen, wenn er zu ihr sagt: "Du verstehst ja gar nichts mehr von der Welt." Manchmal aber sagt er: "Du, ich glaub, ich schnapp' über." Die Ärzte sagen, es wird schlimmer werden.