bedeckt München 20°

Heimkehr an Heiligabend:Gefühle am Telefon

Urlaub, Studium oder Arbeit: Viele Menschen verbringen das Fest der Liebe nicht im Kreise der Familie. Andere kommen regelmäßig an Weihnachten zurück nach Hause

- Weihnachten ist die klassische Zeit, um nach Hause zur Familie zu kommen - aus der Ferne, wo die Härten der Arbeitswelt den Alltag bestimmen oder das Leben in der Fremde die Persönlichkeit formt. Auch Vielbeschäftigte oder Weitgereiste sitzen dann im heimischen Wohnzimmer beim Christbaum. Die Heimkehr ist für manche unverzichtbar und ein fester Anker im Jahresverlauf. Doch nicht alle können kommen - was die Besinnlichkeit für manchen trübt. Besonders eng ist der Begriff des "Heimkehrers" wohl noch immer mit dem Soldaten verknüpft, der aus dem Einsatz oder aus der Kaserne nach Hause kommt. Gregor Schmidt weiß, wie das ist. "Wenn man gerade im Wald im Schnee gelegen, gefroren hat und die Panzerfaust schießt, dann ist die Weihnachtsstimmung mehr oder minder nicht vorhanden", erzählt der bald 21-jährige Offiziersanwärter.

Im vergangenen Jahr kam er von der Abschlussübung seiner Grundausbildung für die Festtage nach Aßling in den Kreis der Familie - im Dienstanzug. "Es gab ein großes Hallo. Aber besinnliches Runterkommen gab es nicht", zumindest nicht für ihn, der die beiden Wochen zuvor bei der Truppenübung war. Der junge Soldat hat sich für die Offizierslaufbahn und ein Studium der Staats- und Sozialwissenschaften an der Universität der Bundeswehr in München entschieden. Gregor Schmidts Beruf wird ihn in Zukunft immer wieder für längere Zeit von den wichtigen Menschen in seinem Leben trennen. "Es ist wesentlich belastender, als ich mir das vorgestellt hatte", sagt Schmidt. "Man weiß erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat." Er schätze jetzt München und sein Zuhause viel mehr, da er viel in Deutschland herumgekommen sei. Im Auslandseinsatz war er noch nicht, dennoch ist die Biografie des Offiziersanwärters gespickt mit Erfahrungen in anderen Ländern. Drei Jahre lebte er als Kind mit seinen Eltern in Bangkok, einmal verbrachte er Weihnachten bei seiner Gastfamilie in New York, ein anderes Mal feierte er mit Eltern und Bruder im Camper in Australien. Gregor Schmidt ist also "nicht so an die Konventionen gebunden", wie er sagt, und auch in diesem Jahr ist für den jungen Soldaten Weihnachten ungewöhnlich.

Die Prüfungsvorbereitung ließ bei ihm keine weihnachtlichen Gefühle aufkommen, und da seine Eltern in Slowenien leben, hat sich die Familie eine Alternative ausgedacht: Sie verlegten Weihnachten einfach eine Woche vor. Aber an Heiligabend selbst sind die Eltern im Urlaub und Gregor Schmidt mit seiner Freundin bei seinen Großeltern. Er ist kein gläubiger Christ, an Weihnachten geht es ihm "mehr um das Gesellschaftliche, insofern ist es verschmerzbar", dass die Familie nicht an genau jenen Tagen zusammenkommt, auf die sich bei so vielen alles konzentriert.

Auch für Catherina Lugauer ist inzwischen Weihnachten nicht mehr der verbindliche Fixpunkt, der es früher einmal war. Die 23 Jahre alte Psychologie-Studentin wird in diesem Jahr nicht wie alle Jahre zuvor mit ihrer Familie in Eglharting feiern. Sie hat gerade einige Monate in Toronto verbracht, um an der Clarkson University, Upstate New York, zu studieren. Catherina wollte schon immer einmal längere Zeit im englischsprachigen Ausland verbringen. Da der Aufenthalt aber gerade auf die Weihnachtszeit fiel und ihr Freund Franzose ist, musste sie sich entscheiden: Reist sie wie manche ihrer Kommilitonen noch durch die USA, fliegt sie zu ihren Eltern - oder will sie ihren Freund sehen? Die Entscheidung fiel zugunsten des Freundes und so wird Catherina die Festtage bei dessen Familie in der Nähe von Lyon sein. "Meine Familie war schon enttäuscht, vor allem meine Mama", sagt sie, die eigentlich in Berlin studiert und deshalb auch sonst selten bei ihren Eltern ist. Für sie ist Weihnachten allerdings ebenfalls, wie für den Soldaten Georg Schmidt, nicht von religiöser Bedeutung, sondern eine Zeit, in der die Familie zusammenkommt. Und das könne man auch ein bisschen später, meint Catherina Lugauer. Gerade an den Festtagen aber wird für manche etwas spürbar, was ein bisschen später oder das ganze Jahr über verdeckt durch den Alltag ist: Ruhe, Zusammensein.

"Den Gedanken, an Weihnachten nicht zu Hause zu sein, finde ich nach wie vor komisch", sagt Hannah Moersberger. Die 24-Jährige ist im Oktober erst aus Uganda zurückgekommen. Die Grafingerin studiert in Bayreuth die Kultur und Gesellschaft Afrikas und empfindet Weihnachten heute sogar intensiver als Familienfest als noch in ihrer Schulzeit. "Als Teenager ist man da eher genervt davon, heute schätze ich das schon ein bisschen mehr, obwohl ich immer wieder viel im Ausland war." Gleich nach dem Abitur ging Hannah Moersberger nach Ghana - wo sie dann auch Weihnachten verbrachte. In einem kleinen Dorf, in einer Gastfamilie, drei Wochen nach ihrer Ankunft im Dezember 2008. "Das war schon verrückt, zu dem Zeitpunkt war ich noch in der Heimweh-Verwirrtheitsphase. Am 24. Dezember abends hat meine Gastfamilie gar nichts gemacht, da habe ich mit Zuhause telefoniert, ich war völlig ab vom Schuss und allein." Am Tag darauf allerdings erlebt das junge Mädchen Weihnachten in Ghana als ein sehr gesellschaftliches Ereignis. Jeder läuft durch das Dorf, die Menschen besuchen sich gegenseitig, man wird überall zum Essen eingeladen und schwatzt dort ein bisschen, geht zum Nächsten und empfängt dann daheim auch wieder Nachbarn. Aber es gibt keine Geschenke, keine besonderen Lieder - in die Kirche gingen die Menschen dort allerdings auch, erzählt die Afrika-Kennerin. Jetzt erst schwappe es ein bisschen rüber, erzählt sie, aus Europa und Amerika, dass manche Tannenbäume und Glitzerschmuck haben, "was natürlich völlig fehl am Platze ist in so einem tropischen Land". In Kampala, Uganda, wo Hannah gerade neun Monate als Praktikantin gearbeitet hat, sei die Bevölkerung zu 20 Prozent muslimisch, der Rest christlich. "Dort gibt es Weihnachten, aber es steht bei Weitem nicht so im Mittelpunkt wie bei uns."

Ihre Aufenthalte in Afrika haben Hannah verändert: "Nach dem Zurückkommen hat man dann so einen ganz anderen Blick auf die Gesellschaft hier. Klingt so übertrieben, aber darauf, wie hier die Dinge ablaufen und die Leute miteinander umgehen", versucht die Studentin ihre Worte zu erklären. Gerade nach ihrer Rückkehr aus Uganda im Oktober dieses Jahres habe sie stark das Gefühl gehabt, die Menschen hier seien ichbezogener. "Viele hier schauen viel mehr darauf, dass sie ihr Zeug zusammenkriegen, dass sie machen, worauf sie Lust haben." In Uganda nähmen sich die Leute viel mehr Zeit. Dadurch habe man viele sehr schöne Momente, könne das Leben ganz anders genießen und gewinne Freiheit. Diese Erfahrungen in der Distanz machen für die junge Grafingern Weihnachten zu Hause wertvoller: "Weihnachten gibt die Gewissheit, dass man ein paar Tage wirklich die Zeit hat, in Ruhe zu quatschen, und dass man die Familie sieht, die man sonst nicht sieht."

Genau diese Gewissheit hat Ernst Stöckl nicht. "Im Moment weiß ich noch nicht, ob ich an Weihnachten zu Hause sein werde", sagt er eine Woche vor den Festtagen. Der 55 Jahre alte Speditionsfahrer war gerade mehrere Tage lang zwischen Frankreich und Italien unterwegs, und nach nur einigen Stunden Schlaf bereits wieder auf dem Weg von München zum Flughafen Frankfurt. Er wird von dem Ebersberger Unternehmen, bei dem er arbeitet, spontan eingesetzt. Vor ein paar Jahren hatte er Freunde eingeladen zu Weihnachten, er wollte kochen. "Aber dann habe ich drei Tage davor abgesagt", weil eine Fahrt zu machen war. Einen Tag vor Weihnachten hingegen erfuhr er dann, dass er doch da sein würde. "Wirklich verstehen tut's niemand", sagt Ernst Stöckl, der von sich sagt, "nicht so ein extremer Weihnachtsmensch" zu sein. Die Familie ist weit verstreut, alle seien es gewohnt, dass der Ernst nicht dabei ist", meint er. Dann schläft er auch an Heiligabend in seinem Lastkraftwagen. Ein Telefonat nach Hause - und das sei dann Weihnachten.