bedeckt München
vgwortpixel

Ein Traum ist ausgeträumt:Der letzte Vorhang

Oliver Schell und seine Frau Andrea Glanz-Schell nehmen nicht nur Abschied von ihrer Bühne in Berganger, sondern vorläufig auch von ihrem Theaterengagement - "Unser Verdienst, das war der Applaus."

In Berganger wurden 30 bis 40 Vorstellungen im Jahr gespielt. Hier sind Oliver Schell und Andrea Glanz-Schell bei einer Aufführung eines Einakters von Curt Goetz im vergangenen Jahr zu sehen. Foto: Peter Hinz-Rosin

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Der Traum ist ausgeträumt, das Theater auf dem Lande Vergangenheit, Bühnenkunst von Schiller bis Mitterer, gepaart mit Voralpenland, sternklarem Himmel und regionaler Küche hat keine Zukunft mehr. Auf der Bühne Berganger ist Ende Mai 2013 der letzte Vorhang gefallen, der Schlussapplaus verklungen. Anlass, aber nicht Ursache für den Entschluss aufzuhören, war der Anfang dieses Jahres begonnene Umbau des alten Gasthofes, in dem die Bühne fast sechs Jahre lang zuhause war. In dieser Zeit gab es hier Bühnenkunst in seltener Vielfalt zu sehen. Die erste Spielzeit begann 2006 mit "Heilige Nacht" von Ludwig Thoma. Highlights waren auch das kaberettistische Stück "Gretchen 89 ff" von Lutz Hübner, "Kabale und Liebe" von Schiller, "Hotel zu den zwei Welten" von Eric-Emmanuel Schmitt, Goethes "Stella" und Mitterers "wilde Frau", um nur die wichtigsten Eigenproduktionen zu nennen. Was Oliver Schell und seine Frau, Andrea Glanz-Schell, in dem kleinen Dorf hinter Glonn aufgebaut hatten, war ein einzigartiges Projekt - künstlerisch wertvoll, familiär, erfolgreich. Das ist die Seite jener Zuschauer und Stammgäste, die jede Inszenierung und jedes Gastspiel mit Spannung verfolgt haben.

Die andere Seite, das waren die Kosten. "Wir haben für Null gearbeitet", sagt Oliver Schell. "Wir konnten zwar die Rechnungen bezahlen, aber unser Verdienst, das war der Applaus." Man habe eine Förderung des Landkreises bekommen sowie zweimal in den sechs Jahren eine kleine Förderung des Bezirks Oberbayern, sagt Schell, der Zuschuss sei jedoch zu niedrig gewesen. Etwa 50 000 Euro Kosten seien für das Theater im Jahr angefallen, die Künstler bekamen eine geringe Probenpauschale und - sofern finanziell möglich - eine kleine Abendgage. "Bei großen Produktionen haben wir sogar umsonst gearbeitet." Pech war auch, dass eine institutionelle Theaterförderung von Seiten des Staates nicht möglich war, weil, wie es in einem Schreiben des Verbandes "Freie Darstellende Künste Bayern" an die Schells heißt, diese Förderung vorrangig auf die Stadttheater ziele. "Für andere freie Gruppen mit geringeren Produktionsmöglichkeiten ist diese Förderung leider nicht konzipiert. Immerhin sind in erster Linie die Kommunen und Gemeinden gefordert, die Kultur am Ort zu fördern. Der Freistaat kann und wird nur etwas dazugeben", heißt es weiter. Das bedeutet: Wer viele eigene Inszenierungen herausbringt - die Rede ist von vier Neuproduktionen und hundert Aufführungen im Jahr - bekommt mehr Geld. Nur: Je geringer die Mittel sind, desto kleiner ist naturgemäß die Zahl der Produktionen, die ein Theater stemmen kann. Vor allem dann, wenn sich die Betreiber der Bühnen, so wie die Schells, ihren Lebensunterhalt anderswo verdienen müssen. In Berganger wurden 30 bis 40 Vorstellungen im Jahr gespielt. "Die Zuschauer konnten sich teilweise gar nicht vorstellen, dass wir von unserer Theaterarbeit nicht leben können", berichtet Andrea Glanz-Schell. Da half es auch nichts, dass die Pacht eher niedrig war. Das Geld reichte nicht um für Kulissen, Technik, Kostüme, Werbung, Tantiemen, und vor allem für angemessene Gagen zu bezahlen. Was für die Schells besonders enttäuschend ist: "Niemand hat gegen die Schließung unserer Bühne protestiert und Hilfe angeboten, man hat es einfach zur Kenntnis genommen."

Vielleicht hätte man es trotzdem geschafft, jedoch: Irgendwann, so Schell, sei der Ungeist ins Haus gekommen. Viermal habe in den vergangenen fünfeinhalb Jahren der Wirt gewechselt, außerdem fehlten Verkehrsverbindungen. "Die Leute wollen ein Vollwaschprogramm: schön essen, Theater gucken und dann den Abend an der Theaterbar ausklingen lassen", sagt Schell. "Das Experiment ist gescheitert", resümiert er und erinnert an die Vision, die am Anfang stand, eine "Dreifaltigkeit" aus Theaterspiel, Schauspielkursen und Erlebnisgastronomie. "Wenn alles stimmt, dann fahren die Leute auch auf den höchsten Berggipfel."

Für Oliver Schell erscheint die Zeit in Berganger heute als Ausnahmezustand. "Wir haben nicht gemerkt, wie viel Kraft das gekostet hat, momentan ist keine Energie mehr da", erklärt der Sohn von Maria Schell, der eigentlich Musiker werden wollte. Dennoch lernte er den Beruf von der Pike auf und machte Regieassistenz bei seinem Stiefvater Veit Relin sowie bei Heribert Sasse am Renaissance Theater Berlin, bevor er sich der Musik zuwandte. Erst durch seine Frau Andrea, die Schauspielerin und Regisseurin ist, sei er wieder zum Theater gekommen, erzählt Oliver Schell. In den vergangenen sechs Jahren hat das Paar zahlreiche Inszenierungen herausgebracht und viele Rollen gespielt. Freizeit war dabei knapp. Texte wurden beispielsweise häufig während der langen Autofahrten auf dem Weg ins Büro des Brotjobs gelernt.

Nun ist die Bühne abgebaut, Kulissen, Technik und Ausstattung sind eingelagert. Nach neuen Räumen suchen die Schells nicht, ein neues Projekt komme nur in Frage, wenn es bezahlbar sei, wenn sich ein Mäzen finde. Nur für eine warme Mahlzeit und den Applaus werde man nicht mehr arbeiten. Jetzt stehe erst einmal Erholung auf dem Spielplan. Der Abschied fällt den Schells trotzdem schwer, auch noch nach Monaten: "Es war doch eine schöne, tolle, wilde und aufregende Zeit."