Ambulanz für Schreibabys:Gegen die Hilflosigkeit

Was tun, wenn man ein Schreibaby hat? In Grafing eröffnet ab Januar eine Beratungsstelle für Eltern. Der Jugendhilfeausschuss hat nun über die Förderung des Projekts beraten.

Martin Mühlfenzl

Viele Eltern kennen jene Hilflosigkeit, die um sich greift, wenn das eigene Kind nicht aufhört zu schreien - vor allem in den ersten Lebensmonaten. Den betroffenen Kindern und Eltern - rund zehn Prozent aller Babys sind Schreibabys - soll künftig mit der ersten Schreibaby-Ambulanz des Kreises geholfen werden: Diese wird von Januar 2011 an von der Caritas Erziehungsberatung in Grafing betrieben und ist Teil der vom bayerischen Sozialministerium geforderten und geförderten, flächendeckenden Ausweitung von Beratungsstellen.

Babyboom an Universitätsfrauenklinik in Leipzig

Weint ein Baby  drei Mal am Tag jeweils mehr als drei Stunden und das über drei Monate hinweg, handelt es sich um ein Schreibaby. In Grafing wird im Januar 2011 eine Schreibaby-Ambulanz eröffnet.

(Foto: dpa)

In seiner jüngsten Sitzung verständigte sich der Jugendhilfeausschuss des Landkreises darauf, das Projekt mit jährlich 7000 Euro zu fördern - diese Summe ist für Personalkosten vorgesehen. Das Gremium unterstützte den Antrag von Regine Brückner, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle, einstimmig. Darüber hinaus erhält die Schreibaby-Ambulanz einen staatlichen Zuschuss in Höhe von jährlich 3000 Euro pro Fachkraft.

Brückner unterrichtete den Ausschuss über die Notwendigkeit einer Ambulanz für Schreibabys und deren Eltern und eröffnete ihren Vortrag mit einem mehrere Minuten anhaltenden Audio-Hörbeispiel eines brüllenden Säuglings. "Es gibt noch Schlimmeres. Man kann aber deutlich die Hilflosigkeit hören", sagte Brückner angesichts der beklommenen Blicke der Ausschussmitglieder. "Die Hilflosigkeit überträgt sich auch auf die Eltern."

Nach Schätzungen des Sozialministeriums, erläuterte Brückner, müssten rund zehn Prozent der Babys bis zwei Jahre zu den Schreibabys gezählt werden. Eine eindeutige Klassifizierung sei allerdings schwierig: "Die Faustregel lautet: Schreit ein Kind drei Mal am Tag jeweils mehr als drei Stunden und das über drei Monate hinweg, ist es ein Schreibaby."

Die Ursachen seien vielfältig: "Grundsätzlich ist es immer eine Wesensäußerung des Kindes. Die Babys sind sehr leicht zu irritieren." In der Regel, so Brückner, lasse sich ein Baby von den Eltern trösten - jede Mutter und jeder Vater besitze ein ausgeprägtes Bedürfnis zu helfen, auch Eltern von Schreibabys", erläuterte die Erziehungsberaterin. "Aber bei Schreibabys droht diese Fähigkeit verloren zu gehen - eine Störung der Eltern-Kind-Beziehung kann die Folge sein." Darüber hinaus gefährde der Zustand die Entwicklung eines Babys: Kindesmisshandlung könne ebenso eine Folge sein wie Entwicklungsstörungen.

"Dies wollen wir mit einer fachlich qualifizierten Beratung verhindern", erläuterte Brückner. In der Schreibaby-Ambulanz werden sich zunächst zwei Fachkräfte, ein Psychologe und eine Sozialpädagogin sowohl um das Wohl der Kinder als auch um die Eltern kümmern. Diese Fachleute erhalten im Rahmen der Förderung der deutschen Akademie für Entwicklungsförderung und Gesundheit in München eine eigens auf Schreibaby-Ambulanzen ausgerichtete Fortbildung.

"Ausgelegt ist die Ambulanz zunächst auf 86 Fälle im Landkreis", sagte Regine Brückner. Diese Zahl richte sich nach den Schätzungen des Ministeriums. In der Startphase stehen die beiden Fachkräfte vier Stunden pro Woche zur Verfügung. "In der Beratung gibt es zunächst eine Kennenlernphase. Danach wird versucht, gemeinsam nach den Ursachen zu suchen und in der Beziehung wieder Vertrauen herzustellen."

Die bisherigen Erfahrungen anderer Beratungsstellen hätten überwiegend positive Ergebnisse hervor gebracht, sagte Brückner: "In 80 Prozent der Fälle reichen fünf Sitzungen für eine Besserung - 90 Prozent der Eltern sind mit der Beratung zufrieden."

© SZ vom 26.10.2010/isa
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