"Drei Schwestern" In Sehnsucht verbunden

Die drei Schwestern (v.l.: Valerie Pachner, Hanna Scheibe, Juliane Köhler) vereint in Misstrauen gegen die glitzernde Schwägerin Natascha.

(Foto: Thomas Dashuber)

Anton Tschechows Stück ist eines über das Nichtankommen im Glück. Drei sehr unterschiedliche Schauspielerinnen verkörpern sie nun im Residenztheater

Interview von Christiane Lutz

Juliane Köhler, Hanna Scheibe und Valerie Pachner sind sehr unterschiedliche Schauspielerinnen. Dennoch verstehen sie sich offensichtlich bestens und spielen jetzt in Tina Laniks Inszenierung die "Drei Schwestern".

SZ: Sie spielen alle in Tschechows "Drei Schwestern". Sagen Sie, haben Sie selbst Schwestern?

Juliane Köhler: Ich hab eine!

Hanna Scheibe: Ich hab drei!

Valerie Pachner: Ich hab' auch eine.

Wie beschreiben Sie eine Schwesternbeziehung?

Köhler: Wir haben in den Proben gemerkt, dass man zu seinen Schwestern eine ganz große Nähe hat. Aber auch eine Distanz oder eine Art Konkurrenz. Antipathie sogar, wenn man eine der Schwestern nicht so leiden kann wie die andere. Doch da ist ein Verbund, der ist untrennbar. Diese Blutsverwandtschaft. Die kann sich, wie bei den "Drei Schwestern", in allen möglichen Facetten zeigen, aber sie bleiben immer Schwestern.

Wie ist das bei Ihnen, Valerie Pachner?

Pachner: Ich kann mich mit meiner Schwester richtig streiten und mich auf eine ganz andere Art der Auseinandersetzung einlassen, weil ich weiß: Ganz verloren wird dieser Mensch niemals sein.

Die Schwestern Olga, Mascha und Irina leben zusammen auf dem Land und wollen unbedingt nach Moskau. Das gelingt nicht, sie stecken gemeinsam fest. Besteht eine richtig liebevolle Verbindung zwischen den drei?

Köhler: Eher nicht. Sie sind sehr verschieden. Ich bin als Olga die Älteste und denke immer, alles im Griff haben zu müssen. Die Schwestern zusammenhalten und sie dahin lenken, wo es richtig ist. Und das ist bei euch beiden überhaupt nicht der Fall.

Pachner: Ich habe mal gelesen, dass Olga am häufigsten über die Vergangenheit nachdenkt, Mascha in der Gegenwart lebt und Irina sich auf die Zukunft ausrichtet. Wir haben tatsächlich gar nicht so viel miteinander zu tun in dem Stück, trotzdem sind wir verbunden.

Köhler: Die entscheiden ja nichts allein.

Scheibe: Und dann haben wir noch einen Bruder. Der ist auch da. Wir sind alle voneinander abhängig.

Auch von diesem Bruder, Andrej, mit dessen Professorenstelle in Moskau scheinbar alles steht und fällt und der schließlich das ganze Geld verspielt. Wie selbstbestimmt sind diese drei Schwestern?

Scheibe: Es besteht eine innere Struktur, durch die sie die Schuld auch gerne nach außen abgeben. Dabei stehen sie sich oft selbst im Weg. Es hat mit ihrem Wesen zu tun, nicht nur mit den äußeren Umständen, dass sie von da, wo sie sind, nicht wegkommen nach Moskau.

Pachner: Ihre Art der Selbstbestimmung besteht auch darin, dass sie letztendlich nicht weggehen.

Warum ist der Bruder ausgenommen aus dem Titel?

Pachner: Schon durch das Geschlecht ist er der Außenseiter.

Köhler: Wir haben so eine Art Frauending. Das hat Tschechow auch interessiert, glaube ich. Es ging nicht darum, Geschwister zu zeigen, sondern Frauen. Die Frauen sind ja alle stark. Wie Hanna gerade sagte: Wir sind nicht durch die Schuld von irgendwem nicht nach Moskau gekommen. Für das, was wir tun, sind wir selbst verantwortlich und machen was aus unserem Leben. Alle drei.

Scheibe: Richtig. Und dass die Schwestern dabei mit sich selbst ringen, empfinde ich nicht als Schwäche. Mascha hat als unglücklich verheiratete Frau große Sehnsüchte und Erwartungen, dann kommt ein Mann und entfacht etwas in ihr, und sie klammert sich an das Neue. Das ist nicht schwach, im Gegenteil. Sie nimmt ihn sich einfach. Dann geht der Blödmann. Er hat nicht den Mut, das mit ihr durchzuziehen.

Sie reden so, als müssten Sie sich oft gegen das Vorurteil wehren, "Drei Schwestern" sei ein Stück über Schwäche und Resignation.

Köhler: Weil es bei Tschechow immer so ist, dass die Menschen herumsitzen und sagen, sie müssen dringend was tun. Tun aber nichts. Das wollen wir nicht so zeigen.

Pachner: Na, weil es auch nicht stimmt.

Köhler: Bei den Männern aber schon. Es gibt Szenen, in denen die Männer nur Scheiß reden. Sie müssten jetzt zugunsten der Kriegsgeschädigten ein Konzert organisieren! Die veranstalten ein unglaubliches Brimborium - und machen gar nichts. Ich glaube, dass es auch deswegen "Drei Schwestern" heißt, weil die Schwestern anders sind als diese Männer.

Welche Rolle spielt die Arbeit für die Schwestern?

Pachner: Für Irina scheint Arbeit die Rettung zu sein. Sinnstiftend, glückgebend, der einzige Ausweg aus der Misere. Als sie zu arbeiten beginnt, versteht sie, dass Arbeit nicht nur heiter ist, sondern auch anstrengend und öde sein kann. Aber Irina lebt in der Annahme, dass Arbeit, eine Veränderung, ein Umzug nach Moskau alle Probleme lösen würde. Das klappt nicht.

Dieser Wunsch nach erfüllender Arbeit, der perfekten Beziehung lässt sich doch am besten in dem Wunsch zusammenfassen, ein gutes Leben führen zu wollen.

Scheibe: Und das ist so heutig. Eine Lebensfrage.

Pachner: Nur: Wenn keine offensichtlichen Unterdrücker mehr da sind, fällst du auf dich zurück und hast die alleinige Verantwortung für dein Leben. Und fragst dich: Was hindert mich eigentlich daran, glücklich zu sein?

Und was hindert die Schwestern?

Pachner: Bei Irina ist es die übersteigerte Erwartung. Glück, so sagt man ja, ist Realität minus Erwartung.

Scheibe: Es ist ja so schwer, zufrieden zu sein mit dem Jetzt. Da zu sein. Das begleitet mich auch.

Pachner: Ich kann das auch nicht gut. Vielleicht hat das auch mit meiner Generation zu tun.

Inwiefern?

Pachner: Ich bin in der Annahme aufgewachsen, etwas Besonderes zu sein und dass mein Leben sowieso toll wird. Das führt dazu, dass man sich ständig optimieren will und man immer weitersucht. Das macht natürlich total unglücklich, weil man verlernt, da zu sein. Und das anzunehmen, was ist. Irina erlaubt sich auch nicht, sich in Tusenbach zu verlieben. Sie hat sich auferlegt, sich erst in Moskau zu verlieben.

Kommt daher auch die Ablehnung der Schwestern von Andrejs Ehefrau Natascha, die impulsiv macht, was sie will?

Pachner: Natascha ist wahnsinnig egoistisch und walzt da so herein. In unserer Welt geht man so nicht um miteinander. Für die Schwestern ist das ein Affront: Man darf so wie Natascha nicht sein, aber anscheinend kriegt man damit, was man will.

Am Ende bleiben die Schwestern, wo sie sind. Keiner geht nach Moskau. Ist das jetzt Zufriedenheit? Oder doch tragisch?

Scheibe: Es geht halt weiter. Ohne großen Ausschlag nach links oder rechts.

Köhler: Wir sind noch nicht ganz entschieden. (Das Gespräch fand am Freitag statt, d. Red.) Wir wollen keinen typischen Tschechow-Schluss à la: Oh Gott, wie geht's nur weiter? Alles ist ganz schrecklich! Wir sehen das Ende eher positiv.

Drei Schwestern, Mittwoch, 25. März, 19.30 Uhr, Residenztheater, Max-Joseph-Platz 1, 21 85 19 40