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Christian Ude über München und die SZ:"Endlich auf Höhe der Zeit!"

Oberbürgermeister Christian Ude setzt sich auf der SZ-Abschiedsparty satirisch mit dem Umzug nach Steinhausen auseinander.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) setzte sich auf der SZ-Abschiedsparty satirisch mit dem Umzug der Süddeutschen Zeitung in ein Hochhaus in Steinhausen am östlichen Stadtrand auseinander. Die Rede in Auszügen:

"Ich frage mich als Münchner Oberbürgermeister, ein wenig gekränkt wie ein zurückgewiesener Liebhaber: Was hat Steinhausen, was München nicht hat?"

(Foto: Foto: Heddergott)

"Eigentlich könnte ich meinen Kommentar zum Umzug ganz kurz fassen: Wer aus der Sendlinger Straße, dieser geschichtsträchtigen 1-a-Lage, nach Steinhausen, also in ein städtebauliches Wildschweingehege umzieht, muss ein ziemlicher Depp sein!

Aber das kann ich natürlich nicht sagen. Denn Journalisten sind ja so empfindlich! (...) Aber ich frage mich als Münchner Oberbürgermeister, ein wenig gekränkt wie ein zurückgewiesener Liebhaber: Was hat Steinhausen, was München nicht hat?

Die Antwort gibt, wie so oft, die SZ-Architekturkritik: Während München seit Jahrhunderten unaufhaltsam seinem endgültigen Niedergang entgegenmodert, kann Steinhausen mit einer faszinierenden Unfertigkeit aufwarten, ja sogar mit einer beflügelnden Unaufgeräumtheit. Man muss ja nur vor die Haustüre treten, und schon erlebt man die wirklich großen Themen der Gegenwart: die Einsamkeit des Großstadtmenschen, die Unwirtlichkeit der Städte, die Verödung großer Landstriche im Osten, das Fehlen öffentlicher Verkehrsmittel und ausreichender Kulturangebote in weiten Landesteilen.

Endlich ist die SZ-Redaktion mitten drin im Leben und auf der Höhe der Zeit! In der Sendlinger Straße sah man vor lauter Leuten die großen Themen nicht und versumpfte schnell im gastronomischen Überangebot der Umgebung. (...)

Immerhin bieten die neuen Amtsräume im Hochhaus doch auch die Chance, Themen von höherer Warte aus zu sehen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn der "Adventskalender der guten Taten" sich endlich einmal der unverschuldet in Not geratenen Verlegerfamilien annähme? Textprobe gefällig?

'Mit letzter Kraft stemmte der arme Erbe die viel zu schweren Hanteln in die Höhe, Schweißperlen stehen auf der Stirn, aber die Puste lässt halt mit dem Alter nach. Es ist schon eine Plackerei, sagt er, wenn man täglich im eigenen Fitnessstudio schuften muss, aber die Gewinnausschüttung im letzten Jahr reichte nicht einmal für das Nötigste. Dabei wäre etwas zum Anziehen wirklich überfällig, entfährt es ihm mit erstickender Stimme. Aber dank der Großzügigkeit der neuen Gesellschafter ist jetzt vielleicht sogar ein Urlaub drin, ganz ohne finanzielle Sorgen. Da leuchten die Augen des Erben voller Dankbarkeit und spiegeln feucht das Licht der Adventskerze.'

In Wirklichkeit ist mir ja zum Heulen zumute. Die SZ in der Sendlinger Straße war der tollste Abenteuerspielplatz meiner Kindheit. Wenn mein Vater seine Artikel im Feuilleton oder im Lokalteil abgab, durfte ich Paternoster fahren. Das waren Holzkabinen, in denen es nach Schmieröl und Druckerschwärze gleichermaßen roch, und es war eine tollkühne Mutprobe, in der Kabine auszuharren, wenn sie obenherum oder untenherum an den riesigen Zahnrädern vorbeigeschoben wurde.

Die Süddeutsche in der Sendlinger Straße war in meinem Verständnis so eine unverrückbare Größe der Altstadt wie der Dom, wie das Polizeipräsidium an der Löwengrube oder die Augustinerbrauerei. Was für ein schrecklicher Gedanke: Werden auch Präsidium und Brauerei mal an den Stadtrand ziehen, um einem Investoren-Modell Platz zu machen? Ich glaube nicht. Dafür haben die Polizei und die Bierbarone einfach zu viel Geschichtsverständnis und Kultur."

© SZ vom 26.09.2008/af

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