Bildung Jeder Vierte schwänzt die Schule

Besonders in den Klassen der Münchner Volks- und Berufsschulen bleiben regelmäßig Stühle frei. 25 Prozent der Schüler fehlten laut einer Studie mehrmals im Halbjahr absichtlich. Um das Problem in den Griff zu bekommen, werden Bußgelder erhoben. Wenn das nicht nützt, bringen Polizisten die Schüler in den Unterricht.

Von Von Anja Burkel

Bei der "Pfeiffer"-Studie (siehe Link) hatten nur noch die Hannoveraner Lehrer einen derart hohen Anteil an Schwänzern unter ihren Schülern angegeben wie in München: 24,4 Prozent. Blau machen - besonders an Haupt-, Förder- und Berufsschulen ist das ein Problem, erklärt Schulreferatssprecherin Eva-Maria Volland.

Während man in Brandenburg gar nach Fußfesseln ruft und in Dortmund Eltern per SMS über Fehlzeiten benachrichtigt, versucht man es in München zunächst mit Pädagogik.

Führen Gespräche mit Lehrern und Schulpsychologen jedoch zu nichts, können schulpflichtige Schüler laut Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes (BayEug) für Absenzen belangt werden. Zum Beispiel durch Bußgeldbescheide für mehrfaches Schwänzen, von denen im vergangenen Schuljahr rund 2200 verschickt wurden.

Die meisten gingen an Haupt- und Berufsschüler, Gymnasien und Realschulen seien nur minimal vertreten. 15 bis 20Euro kostet ein Fehltag - der Bescheid geht an die Schüler selbst, wenn sie mindestens 14 Jahre alt sind, bei jüngeren an die Eltern. Ob es zum Bußgeldverfahren kommt, liegt im Ermessen des Schulleiters.

Wenn Bußgeldstrafen nicht fruchten, kann die Polizei den Jugendlichen der Schule "zwangszuführen". In Artikel 118 des BayEug heißt es dazu: "Zur Durchführung des Schulzwangs dürfen die Beauftragten (...) Wohnungen, Geschäftsräume und befriedetes Besitztum betreten und unmittelbaren Zwang ausüben." 159 Mal passierte das im vergangenen Schuljahr in München. Häufig wird aber zunächst der Hausmeister zur Adresse des säumigen Schülers geschickt.

In einer Variante des "Nürnberger Modells" streifen außerdem Zivilpolizisten durch Kaufhäuser, U-Bahnhöfe und öffentliche Plätze. Treffen sie vormittags einen vielleicht 13-Jährigen CD-testhörend in einem Kaufhaus an, wird er beobachtet und schließlich befragt. 49 Mal stellte sich dabei im vergangenen Jahr heraus: Das Kind fehlt im Unterricht. Viele Kaufhaus-Mitarbeiter, sagt Gerhard Stern von der Münchner Polizei, seien mittlerweile für das Problem sensibilisiert und sprächen Schüler vormittags schon mal von sich aus an.

Um Berufsschulschwänzer kümmert sich "ÜSA" (Übergang Schule - Arbeitswelt), ein Gemeinschaftsprojekt von Schulreferat und Volkshochschule. Rolf Leib, Abteilungsleiter "Grundbildung und Schulabschlüsse" der Münchner Volkshochschule, sagt aus Erfahrung: Es sind gerade die leistungsschwachen Jugendlichen, die - aus Frust und Versagensängsten - das Klassenzimmer meiden.

Häufig seien sie Ausländer oder kämen aus ärmeren oder zerrütteten Familien. "Diese Eltern interessieren sich häufig nicht dafür, ob ihr Kind regelmäßig die Schule besucht". Die Aktivitäten der Schwänzer teilten sich, so Leib, in zwei Kategorieen: "Die einen werden aggressiv und in extremen Fällen sogar kriminell. Die anderen bleiben zu Hause, lassen sich hängen, verfallen in Depressionen und entwickeln nicht selten Suchtprobleme."

Vormittags blieben die Jugendlichen oft zuhause - um auszuschlafen, aber auch aus Angst, erwischt zu werden. Ansonsten trieben sie sich, oft in ganzen "Schwänzercliquen", gerne in Kaufhäusern oder Einkaufszentren herum. Zwar seien die Jungen mit einem Anteil von etwa 60 zu 40 noch in der Überzahl beim Schulesäumen. "Aber die Mädchen holen auf."