Beate und Jutta Ilzhöfer Chic im Hinterhof

"Wir erkennen den Zeitgeschmack und setzen ihn auf unsere eigene Weise um - aber nicht so chichi", findet Ju. Allerdings "chichi" genug für MTV- und VIVA-Moderatorinnen wie Collien Fernandez. Die trüge eines ihrer Kleider nämlich ständig, behauptet Be. Anfangs nannten sie sich CCCP: Capitalistic Culture Control Program. Leider sei der Witz international nicht verstanden worden, erinnert sich Be. Niemand konnte sich vorstellen, dass Russland einmal modern werde.

Als sie das Label mit dem damals provokanten Namen beim Patentamt anmelden wollten, mussten sie sich durch 40 Seiten Widerrufs-Recht schlagen. Viele Namen hatte das Label schon, bis den Modeschöpferinnen klar wurde, dass sie sich endlich einmal festlegen müssten, wegen des Wiedererkennungseffekts. Mitte der Neunziger wollten sie aber doch wieder etwas Neues und warfen Ana Alcazar auf den Markt. Ana steht für "anarchistic neurotic alien" und Alcazar bedeutet "Königspalast" auf spanisch.

"Viel ensteht beim Wühlen in alten Sachen"

Anarchistisch sind die Geschwister allerdings schon lange nicht mehr, auch wenn sie den Lagerhallen-Charme ihres Ateliers lieben und "vorsintflutlich" auf dem Papier arbeiten. Im Gegensatz zu vielen anderen Designern, die in kalten Glashäusern sitzen, fühlen sich die Modeschöpferinnen in ihrem kreativen Chaos wohl: Schnittmuster, Stoffproben, Knöpfe, Bügeleisen und Collagen - und irgendwo darunter die altmodisch wirkenden Singer-Nähmaschinen.

"Viel ensteht beim Wühlen in alten Sachen", beschreibt Ju ihre Taktik, dem Angesammelten zu begegnen. "Wir machen alles selbst, uns dauert das sonst viel zu lange", meint auch ihre Schwester, zückt eine Nagelfeile und fährt sich ein paar Mal damit über die Nägel, als ob sie schon nicht mehr still sitzen könne und am liebsten gleich wieder damit anfinge - mit dem Wühlen, dem Entwerfen und manchmal auch Verwerfen.

Denn das Schlimmste ist für die Ilzhöfer-Schwestern die Langeweile: Praktisch solle die Kollektion zwar sein, aber viele edle Stoffe könne man ja inzwischen in die Waschmaschine schmeißen, freut sich Ju. Niemals würde sie nur Jeans und T-Shirt tragen und am liebsten möchte sie auch gar niemanden mehr sehen müssen, der sich fad und unisex kleidet. Grundvoraussetzung für die Ana-Alcazar-Kollektion sei aber trotzdem, dass sich das Material gut anfühle und die Trägerin darin keine Schweißflecken bekomme. Und trotz der teuren Stoffe befände sich Ana Alcazar preislich noch nicht im "Designer"-Segment, sagt Be. Solch überteuerte Klamotten wollte sie schließlich selbst nicht kaufen.

Gerade mögen die beiden Seidenstoffe: borkig oder glatt und gerne bunt, nach dem vielen Grau der letzten Saison. Viele Kleider und wenig Hosen sieht man an den langen Gaderobenstangen hängen. Die Muster erinnern oft an die Sechziger und Siebziger, die Schnitte sind manchmal klar und streng, meist aber sehr verspielt. Als Ju rüschige Blumenkleider zeigt, findet ihre Schwester sie eigentlich zu romantisch. Gut kann man sich jetzt vorstellen, wie sich mancher Entwurf der Modemacherinnen in Diskussionen um unterschiedliche Ideen allmählich zu einem Kleid entwickelt, das beiden gefällt - und die Widersprüche vereint.

Aber bei aller Angst vor Eintönigkeit, wird den zwei Ungeduldigen das Mode-Machen denn nie langweilig? Das kann sich Be nicht vorstellen: "Solange eine Rolle schwarzer Stoff vor mir liegt und mir was einfällt, mache ich weiter."

"Früher musste ich die Schrillste sein"

Aber Ju schränkt ein: "Wir sind fauler geworden." Sie seien nicht mehr so oft auf Events und auch im Münchner Nachtleben wenig aktiv. "Wenn, dann gehen wir lieber in Berlin weg." Sie hätten auch mal mehr gespielt, sich eher zwischen Kunst und Mode bewegt. Und früher musste sie die Schrillste sein, erklärt Be fast stolz. Inzwischen seien sie aber klassischer geworden, auch ihre Mode. Überhaupt sei es heute in München schwierig, innovative Materialien oder Ungewöhnliches zu verkaufen. Die Jungen wollen alle nicht mehr auffallen, sagt Ju beinahe enttäuscht.