"Baby Schimmerlos" - Franz Xaver Kroetz "Bauerntheater ist wie Porno"

Franz Xaver Kroetz hat keine Ahnung, wie er im Jahr 2010 Ruhm aushält - dann werde er wieder Baby Schimmerlos aus "Kir Royal" sein. Erst einmal aber müsse er, im Volksstück "Gwissenswurm" ein giftiges Luder zähmen.

Von Christina Maria Berr

Franz Xaver Kroetz hat ein Problem: Der Gwissenswurm will kein Feuer speien - und das kurz vor der Premiere seiner neuen Inszenierung. Der Dramatiker und Regisseur sitzt im Wintergarten des Residenztheaters und schaut auf sein München. In den 80er Jahren trieb er hier in der TV-Kultserie "Kir Royal" als Gesellschaftsreporter "Baby Schimmerlos" sein Unwesen.

Der Gwissenswurm

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Nun sind die 80er Jahre zurück - und Kroetz wird in einem Film um "Kir Royal" wieder Baby Schimmerlos spielen: "Aber nur, wenn das eine ganz tolle Rolle ist!" Vor ein paar Jahren noch wär ihm das vielleicht zu nah gewesen, meint er. Außerdem konnte er als Schimmerlos nicht mehr S-Bahn fahren, weil immer alle "Hallo Baby" gerufen hätten. Das scheint ihn nun nicht mehr zu beunruhigen: "Schau ma mal, wo ich 2010 bin. Ob ich dann Ruhm ertragen kann."

"Du kannst sagen: Ich liebe Dich - und an Schweinsbraten denken."

Erst einmal will er - ganz 80er Jahre - vor allem eines: Spaß. Deswegen inszeniert er, wie er sagt: "Bauerntheater ist wie Porno, es geht immer gleich zur Sache". Mit Psyche, so meint er, habe das nichts zu tun: "Du kannst sagen: Ich liebe Dich - und an Schweinsbraten denken."

Von Interpretationen will Kroetz nichts wissen: "Das ist ein großer, herrlicher Schwank" mit dem er unterhalten wolle: "Wir lassen den Wurm raus."

Und so ungefähr ist es dann auch bei der Premiere am Samstagabend: Ein bisweilen amüsantes, humorvolles, bisweilen plattpolterndes, gar zähes Bauerntheater ohne scharfen, hintergründigen Witz, das in der zweiten Hälfte zulegt. Dazu ein lustigleuchtendes Bühnenbild von Stefan Hageneier. Mit rotem Himmel, gelbem Haus und einem neongrünen Wurm auf pinkem Grund.

Das Stück heißt: "Der Gwissenswurm" und ist in einem eigenwilligen Tiroler Dialekt geschrieben mit vielen "vokallosen Eruptionen", meint Kroetz. Er selbst ist wegen seines Dialekts von der Schauspielschule, dem Max-Reinhardt-Seminar, geflogen.

Ein feuerspuckendes Höllentier

Einst von Ludwig Anzensgruber geschrieben, hat Kroetz nun ein Bauernmusical daraus gemacht. Und das heißt: Ein bisschen Kitsch, ein bisschen Slapstik, ein bisschen Heidi von der Alm. Dazwischen Alpenrock und Westernschnulze - hätte ruhig ein bisschen fetziger sein können.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Da ist Grillhofer, ein reicher Bauer, und sein Schwager, der den Hof erben will. Dazu benutzt er Grillhofers schlechtes Gewissen. Der hatte nämlich einst seine Frau mit einer Magd betrogen. Doch weil's ein Bauerntheater ist, stammt aus diesem Fehltritt ein wunderschönes Mädchen, die den Grillhofer auch alsbald kennenlernt.

Der Gwissenswurm ist immer und überall: So groß wie die Frauenkirche, sei er, meint der Regisseur. Ein Höllentier mit langen Krallen, ein "richtiges, giftiges Luder". Er kommt aus Grillhofers Kopfkissen raus, windet sich um sein Gehwägelchen und schwebt über der Szene - mal rot, mal rosa. Und bei der Premiere spuckt er sogar ein bisschen Feuer. Gottseidank.

Papagena und der Alpenschreck

Kroetz spielt mit den Bühnenmöglichkeiten: Modellierte Pferde, ein leuchtender Blitzpfeil, ein wackelndes Haus. Dazwischen die Schauspieler: Jennifer Minetti als einstiges Techtelmechtel des Bauern und trillerpeifender Alpenschreck und eine bezaubernde Anna Riedl als seine uneheliche Tochter:

Mit Kräusellocken, Ringelstrümpfen und kruzem Dirndl (Kostüme: Ann Poppel) springt sie wie eine Papagena über die Bühne und lockt den Knecht mit beständiger Enthaltsamkeit, rollenden Augen und Blockflötenspiel. Den Bauern freut's, den Schwager erzürnt's. Könnte doch das Mädchen ihm sein Erbe entreißen.

Alfred Kleinheinz ist der Schwager Dusterer. Mit schwarzem Mützchen, stets gebeugten Knien und einem Pfeiferl im Mund schleicht er um den Bauern, gespielt von Lorenz Gutmann, herum. Das erinnert an die legendäre Darstellung des Boandlkramers von Toni Berger im Brandner Kaspar. Vielleicht hat Kroetz da auch schon an sein neues Filmprojekt gedacht: Im Herbst will er selbst den Brandner Kaspar in der Verfilmung von Joseph Vilsmaier spielen. Das Drehbuch schreiben die beiden gemeinsam.

Baby ist ein alter Sack

Bei dem geplanten Kinofilm von Helmut Dietl zur TV-Serie ist das anders: "Kein Mensch kennt das Drehbuch." Momentan, so Kroetz, schrieben Dietl und Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre in Berlin daran. Er selbst hält da lieber Abstand. Der Dietl, so meint er, "der ist ja dann sehr anstrengend. Bei dem muss jedes Komma stimmen."

Klar ist: Baby ist "ein alter Sack geworden." Die Leute werden erschrecken, wenn sie sehen, wie alt er geworden sei, meinte Kroetzs Tochter Josephine. Die ist Praktikantin in der Inszenierung am Residenztheater und will auch Schauspielerin werden. Kroetz findet das gut. Er selbst würde nicht mehr auf der Bühne stehen wollen: "Ich könnt mir gar nicht mehr die Texte merken." Außerdem sei er ein guter Regisseur - und davon gebe es nicht so viele.

Und weil er ja eigentlich ein sozialkritischer Dramatiker ist, bemüht sich Kroetz doch noch zumindest um einen kleinen Skandal: Der Dusterer reißt die Jesusfigur vom Kreuz und da bläst sich gleich ein Luftjesus auf. Mit ausgebreiteten Händen schwebt er über der Szene: "Heil Jesus" ruft der Dusterer. Dann schreien alle und das Stück ist rum.

Kroetz verbeugt sich fast gschamig vor dem Publikum - hinter ihm das Bild vom Wurm - da sieht es so aus, als wüde ihm der Gwissenswurm direkt ins Genick beißen.

Kir Royal

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