Abschied von Toni Berger Der Tod ist tot

Ein Handwerker alter Schule, so hat sich der Münchner Schauspieler gern gesehen und seinen knorrigen, komischen und liebenswerten Charakteren mit der ihm eigenen Präzision Leben verliehen.

Von Von Thomas Thieringer

Noch einmal der Boandlkramer: Zur Nachricht vom Tode Toni Bergers zeigte das Bayerische Fernsehen eine Szene aus dem ¸¸Brandner Kaspar". Geschminkt wie für eine Inszenierung des ¸¸Black Rider", Robert Wilsons Kult-Operette, verhandelt da der fiese Gevatter Tod mit dem barock als Rauschgoldengel ausstaffierten Petrus.

Jovial großspurig, mit einer gehörigen Portion beißender Ironie agiert der wunderbare Gustl Bayrhammer als ¸¸Herr". Und Toni Berger, untersetzt und gebeugt, setzt diesem Urbild des bayerischen Mannsbilds im Himmel mit schneidender Schärfe eine höllische Kreatur entgegen, die gelernt hat, sich zu ducken, und weiß, dass sie am Ende Sieger sein wird - über alle! Jede Bewegung dieses Boandlkramer ein Kalkül, jede Geste ein Triumph über eine unterdrückte Eruption.

Für einen kurzen Moment war da wieder, noch einmal der außergewöhnliche Schauspieler Toni Berger bei der Arbeit zu bestaunen: Er hatte eine volkstümliche, klar umrissene - unsympathische - Figur vorzustellen, setzte sie aber unter ungeheure innere Spannungen, die diese Figur fast zu zerreißen drohten.

Berger rückte diese Volkstheaterfigur des Meister Hein weit weg von jeder Tümelei, spielte sie als Robespierre. Eine große Leistung, die er mehr als tausend Mal auf die Bühne des Residenztheaters zauberte. Die Kritik nach der Premiere am 7.1. 1975 versprach dem ¸¸Brandner Kaspar" kein ¸¸ewig" Leben" und Berger als Boandlkramer folglich nicht diesen, sein Berufsleben bestimmenden Erfolg. Aber die Leute liebten diesen ¸¸aufgeblähten Schmarrn", und die Volksschauspieler, die darin mitverbraten waren, liebten ihn - der Kollegen wegen - auch.

Paraderolle als Last empfunden

Früh aber schon griff sich der Boandlkramer in diesem Ensemble seine Opfer; über die drei Jahrzehnte starben Hans Baur, Fritz Strassner, Ludwig Schmid-Wildy, Gustl Bayrhammer. Es wurde einsam um den Schauspieler Toni Berger. Am Schluss empfand er den Boandlkramer gar als Last, die sich allzu lange an ihn gehängt und ihm die Freiheit zu anderem geraubt hatte.

Als bayerischer Volksschauspieler abgestempelt, bekomme man, klagte er erst kürzlich, keine schönen, wichtigen, klassischen Altersrollen. Da hatte er, nach dem ihn überraschenden Erfolg in ¸¸Kein schöner Land" an den Kammerspielen, schon begonnen, seine Bilanz zu ziehen und sich an die früheren Jahre zu erinnern, als er, 1937 war's, mit sechzehn nur von einem beseelt war: Schauspieler zu werden.

Das Handwerk der Schauspielkunst hat sich der in der Münchner Au Aufgewachsene nebenher mit Privatunterricht beigebracht - und als Statist an den Kammerspielen. Aufgefallen ist er durch Präsenz und Präzision. Er war, so erzählte er, kein Kantinenschauspieler. Damit wollte er sagen, dass er die Karriere nicht Mauscheleien zu verdanken hatte, sondern allein seiner überzeugenden Arbeit.

1945, als Eintrittskarten für eine Theateraufführung mit Briketts und Lebensmitteln bezahlt wurden, trat Toni Berger, gemeinsam mit Gustl Bayrhammer, in Sigmaringen sein erstes Engagement an. Nach den Stationen in Bielefeld und Mannheim erreichte Berger zwei Jahrzehnte später Berlin und das dortige Schillertheater. Der Intendant Boreslav Barlog hatte damals ein Ensemble der besten Schauspieler um Martin Held und Berta Drews versammelt.

Toni Berger gehörte dazu, und das verstand er als Verpflichtung, sich ganz dem dortigen, hochdeutsch-preußischen Sprachduktus anzupassen und jegliche Dialektfärbung abzulegen. Als Barlog die Intendanz am Schillertheater aufgab, ließ Berger sich, weil er sich mit dessen Nachfolger Hans Lietzau nicht verstand, leicht überreden, nach München zurückzukehren.

Der berühmte Opernregisseur Walter Felsenstein inszenierte dort am Residenztheater mit Schillers ¸¸Wallenstein"-Trilogie 1972 erstmals wieder ein Schauspiel und wollte unbedingt Toni Berger dabei haben. Dort spielte er auch den Meister Anton in Hebbels ¸¸Maria Magdalena", den Famulus in Goethes ¸¸Faust", den Bürgermeister im ¸¸Hauptmann von Köpenick" und Rollen in Horváth-Stücken, Nestroy und und und. . .

Annäherung an den heimatlichen Dialekt

Als er sich so seinem heimatlichen Dialekt wieder angenähert hatte, kamen die wunderbaren Rollen knorriger, starker, herrlich komischer Charaktere im Fernsehen, die vor allem Franz Xaver Bogner ihm auf den Leib geschrieben hatte, Theaterrollen in Stücken des verehrten Ludwig Thoma - und dann der Boandlkramer. Immer bezahlte er mit barer Münze, spielte ¸¸so ehrlich, wie's nur geht". An diesem seinem Credo wollte er, so hat er ein wenig traurig gesagt, festhalten, ¸¸bis ich sterbe". Das war ihm wichtig, gerade auch nachdem er mit ¸¸Kein schöner Land" an den Kammerspielen wieder einmal vom Publikum gefeiert worden war.

Franz Wittenbrink hatte ihn für diesen Liederabend an einen Biertisch gesetzt. Der alte Mann als Grantler eroberte schnell die Herzen seiner Mitspieler und der Zuschauer. Einmal stimmte er da ¸¸Es steht ein Soldat am Wolgastrand" an und fragte im Takt: ¸¸Warum eigentlich?" Solche Pointen kamen bei ihm leicht daher, weil er so ganz bei sich und seiner Rolle war.

Nun sitzt er wohl neben Bayrhammer auf der Wolke und schaut hoffentlich glücklich auf die Bühne der Kammerspiele, wo er in seinen letzten Tagen angekommen und so sein Lebenskreis geschlossen war. Am Samstag wurde Toni Berger tot in seiner Wohnung gefunden.