Kuratorin Bärbel Kopplin Bilder, die zum Reden reizen

Bärbel Kopplin betreut die Kunstsammlung der Hypovereinsbank - und erfüllt schon einmal den ein oder anderen Sonderwunsch eines Bankmitarbeiters.

Von Judith Liere

Wenn ein Mitarbeiter der Hypovereinsbank gerne einen Rupprecht Geiger oder einen Georg Baselitz in seinem Büro hängen haben möchte, muss er kein Kunstdruckposter kaufen oder Kalenderblätter ausschneiden und rahmen. Er muss Bärbel Kopplin eine Mail schicken. Mit ein bisschen Glück hat er einige Zeit später das gewünschte Werk hinterm Schreibtisch. Und zwar das Original.

Bärbel Kopplin, Kuratorin der HVB-Sammlung, vor der mehr als sechs Meter langen Fotoarbeit "Armee, 23.7.1997" des chinesischen Künstlers Zhuang Hui.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bärbel Kopplin erfüllt gerne solche Wünsche. Sie ist die Kuratorin der Kunstsammlung der Bank und damit zuständig dafür, dass der größte Teil der mehr als 20.000 Werke umfassenden Sammlung auch wirklich zu sehen ist und nicht in Depots versteckt bleibt. Denn wenn Unternehmen Kunst ankaufen, dann, weil sie sie zeigen möchten.

"In erster Linie geht es um Ausstattung und Repräsentation", sagt Kopplin. Betritt also ein Kunde die Bank, soll er nicht nur schöne Bilder sehen, die die Wände zieren, sondern gleichzeitig denken: Hier arbeiten kultivierte Menschen, die nicht nur an Profit interessiert sind, sondern sich auch der Kunst widmen und Künstler fördern. Menschen wie Bärbel Kopplin.

"Ich bin ein Exot im Haus", sagt die lebhafte, zierliche Frau und lacht. "Als ich vor 24 Jahren hier angefangen habe, dachte ich erst: Oh Gott, was mache ich als Kunsthistorikerin in dieser Bank?" Sie landete durch einen Zufall dort. Nach ihrer Promotion an der Münchner Uni kuratierte die gebürtige Rheinländerin eine Barock-Ausstellung für das Museum Regensburg im Kloster Aldersbach, die von der Bank gesponsert wurde und so erfolgreich lief, dass Bärbel Kopplin danach ein Jobangebot von der Bank bekam.

Mittlerweile schmückt sich fast jedes größere Unternehmen mit einer Abteilung für kulturelles Management. Kunst und Kultur gelten als wichtig für ein positives Image und werden stark nach außen präsentiert. Kommunizieren mit und über Kunst - das ist Bärbel Kopplins Hauptaufgabe.

An diesem Tag sitzt sie seit acht Uhr zwischen großen Rollen mit Ploppfolie und Klebeband im neuen Kunstraum der Hypovereinsbank (HVB) in der Reichenbachstraße. Dort wird gerade die erste Ausstellung wieder abgebaut. In der Woche davor war sie in Istanbul, wo eine große Präsentation von Werken aus der Sammlung der Unicredit Group, zu der die HVB gehört, zu sehen war; in ein paar Tagen fliegt sie nach Bologna.

Neben der Betreuung der bankeigenen Projekte schaut sich Kopplin viele andere Ausstellungen weltweit an, geht auf Kunstmessen, trifft Galeristen, andere Kuratoren und natürlich Künstler. "Man muss da sein, wo die Kunst ist", sagt sie. Der Fokus der HVB-Sammlung liegt auf Gegenwartskunst, auf Werken, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. Das ist allerdings erst seit den achtziger Jahren so.

Als die Bank vor rund 60 Jahren begann, Kunst anzukaufen, war das breiter gefächert. Und so gehören der HVB nun ägyptische Skulpturen aus der Zeit um 1000 vor Christus und kunsthistorisch bedeutende Werke wie die "Madame de Pompadour" von François Boucher, die "Comtesse de Sorcy" von Jacques-Louis David und die "Marquesa de Caballero" von Francisco de Goya, die alle als Dauerleihgaben in der Neuen Pinakothek hängen. "Das sind unsere drei Millionenfrauen", sagt Kopplin, "jetzt fehlt uns nur noch eine Frau im Vorstand."

Vielleicht kann auch da die Kunst helfen - Kopplin setzt Künstler schließlich auch als Think Tank ein, die Österreicherin Maria Lassnig zum Beispiel zum Thema mehr Frauen in Führungspositionen. Denn Kopplins Anspruch, was Kunst im Unternehmen bewirken soll, geht weit über das bloße Schmücken weißer Wände hinaus. "Schöne Kunst ist gut, aber wir sammeln kommunikative Sachen", erklärt sie. "Nicht das Gefällige, sondern das, was zum Diskurs reizt."

Besonders die Werke, die in den Kundenbereichen der Bank gezeigt werden, sollen zum Dialog anregen. "Dafür dürfen sie auch ein bisschen provokant sein, dazu animieren, dass ein Kunde ins Zimmer kommt und sagt: Oh mein Gott, was ist das denn, erklären Sie das mal." Schon ergebe sich so ein persönliches Gespräch, bei dem sich Kunde und Berater besser kennenlernen, meint Kopplin.

Zu provokant geht natürlich auch nicht, nackte Körper sind beispielsweise tabu. "Das bringt nichts, das setzt nicht den richtigen Akzent." Kunstwerke müssen für die Kuratorin ein Konzept, eine Geschichte dahinter haben. Sie kann zu jedem Werk, an dem sie beim Rundgang durch die Konzernzentrale vorbei kommt, so begeistert und mitreißend etwas zu dessen Entstehung oder Bedeutung sagen, dass man sie sofort als persönliche Museumsführerin mitnehmen möchte.

Bis zu 5000 Mal pro Jahr werden in den Filialen der Bank Kunstwerke neu, auf- oder umgehängt. Was wo landet, entscheidet Kopplin auch nach Hierarchie. Gute Chancen auf teure und bekannte Namen haben die Vorstandbüros und Konferenzräume und der Private-Banking-Bereich, der Kunden ab einem Vermögen von einer halben Million Euro betreut. "Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass die Gebäude besonders gesichert sind", erklärt Kopplin.

Den rund sieben Millionen teuren Gerhard Richter hängt man halt nicht gerne neben den Geldautomaten in der Bahnhofsviertel-Filiale. Ein Schwammrelief von Yves Klein verkaufte die Bank 2010 sogar, weil durch die Hängung im halböffentlichen Raum die Wertminderung kaum zu verhindern war. Nun schmückt ein Neo Rauch die Wand, und Kopplin freut sich über den Verkaufspreis von 7,6 Millionen Euro, den sie nun wieder in neue, junge Kunst investieren kann.

Bleibt die Frage: Was hängt im Büro der Frau, die verantwortlich ist für mehr als 20.000 Kunstwerke mit einem Wert im dreistelligen Millionenbereich? Die Antwort: Nichts. Bärbel Kopplin lacht. "Ich sitze derzeit in einem Großraumbüro mit einer großen Glasfront, da gibt es keine Möglichkeiten zum Hängen. Aber ich habe die Kunst ja im Kopf."