Jesiden und Kurden im Irak:Richten sich westliche Waffen gegen Minderheiten?

Lesezeit: 4 min

Der kurdische General, der diesen Rückzug befahl, ist zwar mittlerweile entlassen, doch sehen die Jesiden darin nur ein Bauernopfer. Sie hatten darauf vertraut, dass die Peschmerga sie verteidigen würden; ihnen selbst war eine Bewaffnung vorher verweigert worden. Den plötzlichen Rückzug der Peschmerga aus der Sindschar-Region sehen sie nun als vorläufigen Höhepunkt einer Politik in der Autonomieregion, die auf ihre Marginalisierung und Vernichtung ausgerichtet ist.

Auch der zweite Teil der Geschichte, die Rettung der Jesiden vom Berg Sindschar, wird von jesidischer Seite anders erzählt, als in den deutschen Medien üblich. Nicht die Peschmerga der irakischen KDP, die zukünftig aus Deutschland mit Waffen beliefert werden sollen, haben den von der IS eingeschlossenen Jesiden den Fluchtweg freigekämpft, sondern die Volksverteidigungseinheiten der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) aus dem benachbarten Syrien. An der Rettungsaktion waren auch viele weibliche Kämpfer beteiligt. Mehrere von ihnen sind im Kampf gegen die IS-Terroristen gefallen.

Zur Person

Patrick Franke, 47, ist Inhaber des Lehrstuhls für Islamwissenschaft und Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Interreligiöse Studien der Universität Bamberg.

Die Einheiten der PYD sind zurzeit auch die einzige Kraft, die ernsthafte Anstrengungen zur Rückeroberung der Sindschar-Region aus der Hand der IS-Terroristen unternimmt. Eine Zusammenarbeit des Westens mit ihnen gilt wegen der ideologischen Nähe der PYD zur Untergrund-Organisation PKK derzeit jedoch als Tabu. Angesichts des heldenhaften Einsatzes ihrer Einheiten bei der Rettung der Jesiden und ihrer Unterstützung auch für die christlichen Minderheiten in Nordsyrien im Kampf gegen die IS sollte der Westen diese Position jedoch überdenken.

Angespanntes Verhältnis

Den westlichen Waffenlieferungen an die kurdische Autonomieregierung stehen die Jesiden äußerst skeptisch gegenüber. Ist gesichert, dass diese Waffen nicht irgendwann gegen sie gerichtet werden? Auch in der kurdischen Autonomieregion gibt es viele Sympathien mit dem Islamischen Staat, 700 junge Kurden sollen schon auf ihre Seite übergelaufen sein. Muslimische Geistliche predigen in der Autonomieregion ungehindert gegen die jesidischen "Ungläubigen". Die Jesiden haben das Vertrauen in die kurdische Autonomieregierung verloren, das ist überall zu hören. Politische Rechte haben sie in der Autonomieregion ohnehin kaum. Im kurdischen Regionalparlament werden die 600 000 irakischen Jesiden nur durch einen einzigen Abgeordneten vertreten, und dieser gilt als geschmiert. Weder in der Regierung noch in den Behörden oder in den Peschmerga-Einheiten sind den Jesiden höhere Posten übertragen.

Das Verhältnis zwischen Jesiden und kurdischer Autonomieregierung ist zur Zeit äußerst angespannt. Nach den Ereignissen von Sindschar kann nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass die Peschmerga den Schutz dieser religiösen Minderheit gewährleisten. Waffenlieferungen an diese Seite müssen deshalb unbedingt mit der Auflage verbunden werden, dass sich die Empfänger zum Schutz der religiösen Minderheiten verpflichten und ihnen in ausreichender Weise politische Rechte gewähren. Eine neutrale Seite sollte regelmäßig überprüfen, ob diese Verpflichtung auch eingehalten wird. Nur dann schützen die Waffen aus dem Westen auch die irakischen Jesiden.

Vorerst können sie sich eine Zukunft in der Region nicht vorstellen. Dafür erscheint ihnen die Umgebung im Nordirak zu feindlich. Viele werden versuchen, nach Europa auszuwandern. Allen bleibt die Sorge um die vielen Frauen und Kinder, die sich noch in IS-Gefangenschaft befinden, und um die notleidenden Verwandten in der kurdischen Autonomieregion. Die internationale Hilfe kommt bei den meisten von ihnen offenbar noch nicht an.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB