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Zeitungen und Leser:Unabhängigkeitserklärer

Ombudsleute bei Zeitungen vermitteln zwischen Leser und Redaktion und können so Qualität sichern. Nur wenige Verlage leisten sich ein solches Korrektiv - seit Kurzem ausgerechnet auch Springers "Bild".

Wenn Joachim Hempel morgens seine Heimatzeitung aufschlägt, schaut er sich dabei gewissermaßen selbst über die Schulter. Er überprüft seine Reaktionen als Leser. Wurde sorgfältig recherchiert, angemessen gewichtet, begründet argumentiert? Hempel, früher Braunschweiger Domprediger, ist ehrenamtlicher Leseranwalt der Braunschweiger Zeitung. Gemeinsam mit Thomas Roth, dem stellvertretenden Chefredakteur, bildet er den sogenannten Ombudsrat. Die Aufgabe der beiden: Sie vermitteln zwischen Lesern und Redaktion. Als Ansprechpartner stehen sie mit Foto und E-Mail-Adresse in der Zeitung - offen für Beschwerden aller Art. "Das ist wie bei der Sendung mit der Maus: Es gibt keine dummen Fragen", sagt Joachim Hempel.

Viele Fragen sind sogar ausgesprochen klug. "Warum gibt Ihre Zeitung diesem Mörder eine Plattform?", fragte eine Leserin. Sie stieß sich an einem Foto, das den Attentäter des russischen Botschafters in der Türkei mit Waffe und Grußzeichen des "Islamischen Staates" zeigt. In der Kolumne des Ombudsrats antworteten ihr nicht nur Roth und Hempel, sondern auch Chefredakteur Achim Maus. Sie zeigten Verständnis, wiesen aber auch auf den dokumentarischen Charakter des Bildes hin. Ein anderes Mal kritisierte ein Leser einen Kommentar zum Burka-Verbot. Dessen Autor räumte Ungenauigkeiten ein. In Meinungsstücken polemisiere er jedoch bewusst.

Zwei Beispiele von vielen. Es geht um journalistische Gratwanderungen, Einblicke in redaktionelle Entscheidungen oder den Unterschied zwischen Bericht und Kommentar. "Wir haben einen hohen Erklärungsbedarf", sagt Hempel. Viele Leser wüssten gar nicht, wie Zeitung gemacht wird. Oft kann der Ombudsrat auch helfen, die Wogen zu glätten. "Der Tonfall wird deutlich angemessener, wenn man sich mit den Leuten persönlich unterhält", sagt Thomas Roth. Doch das ist nur die eine Seite. "Joachim Hempel und Thomas Roth sind auch Berater der Redaktion, damit wir unsere blinden Flecke besser erkennen", erläutert Chefredakteur Armin Maus. "Im Grunde ist es ein Instrument der journalistischen Qualitätssicherung."

Leseranwalt Anton Sahlender erhofft sich Unterstützung vom Deutschen Presserat

Die Braunschweiger haben ihren Ombudsrat vor etwa zehn Jahren eingerichtet. In der Frühphase, erzählt Maus, sei es durchaus vorgekommen, dass Redakteure sich öffentlich bloßgestellt fühlten. "Doch inzwischen sehen die Kollegen, dass es allen dient, wenn uns dieses Korrektiv begleitet." Maus selbst liest die Kolumne aus Prinzip erst nach Erscheinen.

Rund 350 Tageszeitungen erscheinen in Deutschland. Leserbriefe drucken sie alle, doch nur etwa ein Dutzend von ihnen unterhält Ombudsstellen. Ein festes Modell oder auch nur eine einheitliche Bezeichnung dieser Leser-Redaktions-Schnittstellen gibt es nicht. In Würzburg, Coburg und Kiel nennen sie sich "Leseranwälte", in Chemnitz und Magdeburg "Obmänner", in Hameln "Kümmerer". Meist sind es Einzelkämpfer, manchmal auch Externe wie etwa ein Rechtsanwalt bei der Zeitungsgruppe Lahn-Dill. Ein mehrköpfiger Ombudsrat wie in Braunschweig ist bislang wohl einmalig. Die Süddeutsche Zeitung beschäftigt mehrere Leser-Redakteure, besonders auf lokaler Ebene ähnelt deren Arbeit der von offiziellen Ombudsmännern.

Kaum einer ist in der Szene so gut vernetzt wie Anton Sahlender, seit 2004 Leseranwalt bei der Würzburger Main-Post und damit einer der dienstältesten Ombudsmänner in Deutschland. Im Hauptjob war Sahlender bis zur Rente vor zwei Jahren stellvertretender Chefredakteur der Main-Post. Wie viele Kolumnen er als Leseranwalt bislang gefüllt hat, weiß er selbst nicht so genau - mehr als 700, schätzt er. Der Stoff geht ihm nicht aus.

Vor fünf Jahren hat Sahlender die "Vereinigung der Medien-Ombudsleute" mitgegründet. Stets um Austausch und neue Impulse bemüht, organisiert er regelmäßige Treffen und Redaktionsbesuche. Dass nur so wenige Titel mit Ombudsleuten arbeiten, ärgert ihn. "Im Laufe der Jahre haben sich etliche Chefredaktionen bei mir erkundigt, aber passiert ist kaum etwas." Deshalb wünscht sich Sahlender eine Empfehlung vom Deutschen Presserat. Die hätte gleich mehrere Vorteile: Zum einen würde, so hofft er, die Zahl der Ombudsleute ansteigen, zum anderen sei ihre Unabhängigkeit noch stärker verankert. Und es würde den Presserat selbst entlasten, wenn Ombudsleute einen Teil der Beschwerden schon vor Ort klären.

Doch eine solche Empfehlung ist bislang ausgeblieben - warum? Über diese Frage muss Janina Führ, Referentin beim Deutschen Presserat, erst einmal nachdenken. Der Presserat, sagt sie dann, sei dazu da, die Pressefreiheit zu verteidigen und Beschwerden nachzugehen - Verlagskonzepte zu bewerten, gehöre nicht zum Aufgabenspektrum. Fest steht aber, dass das Gremium die Arbeit der Medien-Ombudsleute mit großem Wohlwollen begleitet: Führ spricht von "regem und gutem Austausch".

Vielleicht braucht es auch ein prominentes Zugpferd - wie Ernst Elitz. Im Februar verpflichtete ausgerechnet die Bild-Zeitung den früheren Intendanten des Deutschlandradios als Ombudsmann. Bislang hat Elitz, zuvor schon Bild-Kolumnist, erst zu wenigen Fällen Stellung bezogen. In der Vergangenheit jedoch hat er mehrfach öffentlich die Arbeitsweise des Springer-Boulevardblatts verteidigt, weswegen einige Medienkritiker seine Unabhängigkeit bezweifeln. Für Stephan Ruß-Mohl von der Universität Lugano ist die Berufung trotzdem ein gutes Zeichen. Ruß-Mohl, einer der wenigen Forscher zu dem Thema, versteht das Zögern der Verlage nicht: "Ombudsleute sind eine preiswerte Möglichkeit, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, beim Publikum mehr Verständnis für den Medienbetrieb zu wecken und Qualitätsbewusstsein zu befördern."

Im Sommer wechselt der Braunschweiger Leseranwalt Thomas Roth als Chefredakteur zum Trierischen Volksfreund. Die Chancen stehen gut, dass er an der Mosel eine neue, eine weitere Ombudsstelle einrichtet - und die Idee vorantreibt.