bedeckt München 28°

Zeitungen:Paradox beim "Standard"

Stellen in unterschiedlichen Bereichen werden gestrichen und das Textarchiv wird wegrationalisiert: Warum bei dem österreichischen Blatt gerade eine drastische Sparrunde eingelegt wird.

Vor einem Jahr hat die rechtskonservative Koalition in Österreich die Regierungsgeschäfte aufgenommen. Eine der ersten Entscheidungen mancher FPÖ-Minister war eine medienpolitische: Einige Anzeigen im Standard solle es künftig nicht mehr geben. Die Zeitung hat damals wie heute kritisch über die rechten "Freiheitlichen" berichtet. Der Ausfall jener Anzeigeneinnahmen ist vielleicht ein kleiner von mehreren Faktoren, die dazu führten, dass die Wiener Tageszeitung 30 Jahre nach ihrer Gründung in einer paradoxen Situation ist: Einerseits verzeichnet der Standard 2018 eine Rekordreichweite. Andererseits muss das Blatt gerade ein schmerzhaftes Sparpaket schnüren.

Bis zu sechs Stellen sollen im redaktionellen Bereich gestrichen werden, betroffen sind die Ressorts Kultur, Chronik/Panorama und Wirtschaft, heißt es aus Redaktionskreisen. Der Zeitplan wurde bislang nicht kommuniziert. Zudem werde die Stelle der Korrespondentin in Vorarlberg, die aus Altersgründen aufhört, vorerst nicht nachbesetzt. Auch das Textarchiv soll geschlossen werden, drei Angestellte archivieren dort das Pressegeschehen und machen es für Recherchen zugänglich. Wo sie in Zukunft unterkommen sollen, sei bisher unklar. Vorab sei allen Kollegen angeboten worden, ihre bisherige Arbeitszeit um 20 Prozent bei Gehaltseinbußen von 12,5 Prozent zu reduzieren.

Nach einer Betriebsversammlung vergangene Woche hat die Redaktionsleitung den Mitarbeitern in einer separaten Sitzung die Spargründe erläutert: Neben dem Anzeigenwegfall wurde der Papierpreis angeführt, der um mehr als zehn Prozent gestiegen sei. Auch die Personalkosten für Festangestellte stiegen tarifbedingt.

Dabei verzeichnet der Standard Hinsichtlich seiner Reichweite sein bislang erfolgreichstes Jahr: Bei den gedruckten Zeitungen wuchs der Anteil österreichweit auf sieben Prozent. Online erhöhte sich der Wert um mehr als fünf Prozentpunkte auf 39 Prozent. Der Zahl der Abonnenten, die den vollen Abo-Preis von 47 Euro bezahlen, soll einigermaßen stabil sein. So will auch die Leitung die aktuellen Sparmaßnahmen nicht als publizistischen Teilrückbau verstanden wissen. "Das Redaktionsbudget steigt gegenüber 2018 um zwei Prozent", sagte Standard-Vorstand Alexander Mitteräcker auf Anfrage. "Aber es ist dennoch notwendig, gewissen Kostensteigerungen gegenzusteuern, die darüber hinausgehen." Die Chefredaktion ist übrigens im Mai von zwei auf vier Leute vergrößert worden.