ZDF-Doku Ohne Filter

Die Boygroup, von der sich Mädchen heutzutage Autogramme holen, heißt Y-Titty und verbindet auf Youtube Musik und Comedy.

(Foto: ZDF/AVE/Tim Klimes )

Zum Zehnjährigen von Youtube hat Tim Klimes einen Film über die Videoplattform als unterregulierte Goldmine gedreht.

Von Korbinian Eisenberger

Sie fühle sich nicht als Youtube-Star, sagt Michelle Burke. Eher als Mädchen von nebenan, das Tipps gibt. In ihren Kurzfilmen hält die 23-Jährige Lippenstifte in die Kamera. "Echt wahnsinnig" sei so ein Gratispaket, sagt sie dem ZDF-Team bei einem Besuch in ihrer Berliner Wohnung. "Ich weiß nicht, wer da jetzt mit wem gesprochen hat, dass ich es bekommen hab." Dass es sich um Werbung handelt, machen Youtuber nicht kenntlich. Warum auch? Zehn Jahre nach seiner Gründung gibt es auf dem weltgrößten Webportal für Videos nahezu keine Regeln. Die zweiteilige ZDF-Dokumentation "Die Youtube-Story" unternimmt einen Erklärungsversuch, wie Youtube das Internet seit seiner Gründung vor zehn Jahren verändert hat. Und zwar nicht nur zum Positiven.

Der Zweiteiler braucht Anlaufzeit: In den ersten 45 Minuten rekonstruiert Autor Tim Klimes den bekannten Aufstieg eines Start-ups hin zum Echtzeitarchiv einer neuen digitalen Popkultur. Deren Stars nennen sich hierzulande Y-Titty und Dagi Bee. Oder LeFloid, der drei Monate nachdem sich US-Präsident Barack Obama heimischen Youtube-Stars stellte, Bundeskanzlerin Angela Merkel interviewte. Im Milliardengeschäft Youtube sind die USA der Bundesrepublik zwar voraus. Die Revolution, in der sich Menschen wie Mark Douglas vom kleinen Türsteher zum gefeierten US-Politparodisten mausern, geht aber auch hier vonstatten. Die Doku erzählt viele dieser Geschichten von Transparenz und Vernetzung. Ernsthaft diskutiert wird in der ZDF-Doku aber erst nach 21 Uhr - im zweiten Teil.

Mit einer Bandbreite an Medienwissenschaftlern und Journalisten bespricht der Film die Rolle von Youtube-Eigentümer Google, der bis heute seine Funktion als journalistisches Medium verleugnet. Die Kernfrage, ob Youtube wie bisher alles nahezu filterlos publizieren soll, beantwortet die Doku mit einer Tendenz. Die Experten sind sich einig, dass Youtube auswählen müsste. Ein Eingriff, bei dem die Plattform genau das verlieren würde, was sie bisher ausgemacht hat: ein Lautsprecher zu sein, von dessen Glaubwürdigkeit sich jeder selbst ein Bild machen kann. Der Zugang der Öffentlichkeit zu Clips von Wikileaks und dem Ferguson-Mord waren so möglich - aber auch zu den Hinrichtungsvideos der Terrormiliz Islamischer Staat. Ein schmaler Grat, den Youtube bisher kaum kontrolliert. Eine Glaubensfrage, wie auch die Vermischung von Inhalt und Werbung.

Die Doku zeigt, wie Youtube zu einer Goldmine für junge Künstler und die Werbewirtschaft geworden ist, in der sich dem Anschein nach Produzenten und Nutzer auf Augenhöhe begegnen können. Der Film rüttelt jedoch daran, dass die zensurfreie Transparenz die Identität von Youtube ausmachen soll. Vielleicht sind die Identitätsstifter ja längst solche, die Berliner Youtuberinnen mit Gratis-Lippenstift beliefern.

Die Youtube-Story, ZDF Info, Teil 1 um 20 Uhr, Teil 2 im Anschluss um 20.45 Uhr.