Webradio Rivalen mit Spielplan

Öffentlich-rechtliche und private Sender schließen sich im "Radioplayer" zusammen. An die 400 Streaming-Angebote stehen bald zur Verfügung. Die Allianz ist ungewöhnlich, aber vielleicht die letzte Chance auf den Zugang zum Markt Webradio.

Von Stefan Fischer

In der Hotellerie nennt man so etwas ein "Soft Opening": Die eigentliche Eröffnung steht noch aus, doch erste Gäste logieren bereits in dem neuen Haus. Und das Personal probt unter realen, aber vereinfachten Bedingungen, ob die Abläufe klappen.

Auch das Web-Portal "Radioplayer" ist offiziell noch nicht gestartet. Trotzdem funktionieren die App sowie die zugehörige Internetplattform (www.radioplayer.de) bereits. Beworben werden soll die Sache erst, wenn "der komplette deutsche Radiomarkt vertreten ist", sagt Hans-Dieter Hillmoth, Geschäftsführer des privaten Radio FFH und der im September gegründeten Radioplayer Deutschland GmbH. Etwa 300 Streams deutscher Sender sind aufgeschaltet. Nun zeichnet sich ab, dass der Radioplayer im Juli mit 400 Streams und etlichen Podcast-Angeboten vollständig sein könnte. "Wir sind auf einem guten Weg und fast am Ziel", sagt Joachim Knuth, Hörfunkdirektor des NDR und Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission.

Aggregatoren mit Livestreams Hunderter oder Tausender Hörfunkprogramme gibt es bereits einige, etwa Radio.de, Phonostar oder Tune In. Das sind Angebote, die sich der Kontrolle durch die Sender entziehen. Sie rechnen sich für die Betreiber über Werbeeinnahmen, die sie mit der Vermarktung fremder Inhalte generieren. Radio.de gehört zur Madsack-Gruppe. Tune In ist ein kalifornisches Unternehmen und weltweit tätig mit nach eigenen Angaben 50 Millionen Nutzern seiner App, in der 100 000 Sender und vier Millionen Podcasts verbreitet werden. "Online droht uns auf den letzten Metern der direkte Kontakt zu den Hörern verloren zu gehen", sagt Hans-Dieter Hillmoth, der sich nicht länger darauf verlassen will, dass jeder Sender für sich im Netz präsent ist und gefunden werden kann.

Und auch die Öffentlich-Rechtlichen, ARD und Deutschlandradio, werden sich am Radioplayer also nun beteiligen. In den kommenden Tagen werden die Verträge wohl unterzeichnet. Die ARD will ein Jahr lang dabei sein und dann über ein dauerhaftes Engagement entscheiden - die privaten Sender haben sich für drei Jahre verpflichtet. Die Radioplayer GmbH hält für die Öffentlich-Rechtlichen 50 Prozent der Gesellschafteranteile frei. Derzeit sind 17 Privatradio-Organisationen beteiligt, neben Hillmoths FFH auch Antenne Bayern, RTL Radio Deutschland und Radio NRJ.

400 Streams stehen bald bereit, dazu kommen Podcast-Angebote

Der Radioplayer ist eine lizenzrechtliche Übernahme des seit vier Jahren erfolgreich betriebenen britischen Radioplayers. Es handelt sich um eine werbefreie, nicht profitorientierte und vor allem rein technische Plattform, für deren Inhalte die Sender selbst verantwortlich sind. Das hat auch kartellrechtliche Gründe - die Sender haben aus den gescheiterten Versuchen, gemeinsame TV-on-Demand-Plattformen zu schaffen, gelernt. "Es ist die letzte Möglichkeit, in diesem Markt mitzuspielen", sagt Hillmoth. Zwar ist UKW nach wie vor der maßgebliche Verbreitungsweg von Radio, doch immerhin sieben Prozent des Radiokonsums läuft über das Web. Der Vorteil des Radioplayers im Wettbewerb um die Nutzer sei, so Hillmoth, dass die Sender ihn bewerben werden, was angesichts von täglich 60 Millionen Hörern nicht zu vernachlässigen ist. Auch wird er Standardplayer auf den Sender-Webseiten sein. Zudem wird die Plattform in vielen Autos verfügbar sein, etwa über Apples CarPlay.

Dass die ARD länger brauchte als die private Konkurrenz, um über eine Teilnahme an dem Projekt zu entscheiden, hat auch mit strukturellen Einwänden zu tun. "Es sind nicht alle Anstalten gleichermaßen euphorisiert", sagt Joachim Knuth. Debattiert worden sei vor allem die Frage, ob die Öffentlich-Rechtlichen mit einem Engagement ihre eigenen Absichten verwässern: dem digitalen Antennenradio DAB+ endgültig zum Durchbruch zu verhelfen. Es geht, so Knuth, aber nicht um ein Entweder-Oder: "Wir wollen grundsätzlich auf allen relevanten Ausspielwegen vertreten sein." Und man hofft wohl, dass die Privatradios durch die neue Zusammenarbeit auch ihre Skepsis gegenüber DAB+ überwinden könnten. Hans-Dieter Hillmoth seinerseits verweist auf den englischen Radiomarkt, wo BBC und die vier großen privaten Anbieter gemeinsam den Radioplayer betreiben - und wo man zum anderen "gut sieht, dass Online und DAB+ nebeneinander existieren können".