Unterhaltungsfernsehen:Die Show muss weitergehen

Unterhaltungsfernsehen: Denn sie sehen nicht, was sie tun: Bei der Erstausgabe von Denn sie wissen nicht, was passiert standen am Samstagabend Axel Prahl, Jan-Josef Liefers, Barbara Schöneberger und Thomas Gottschalk (von links) auf der RTL-Bühne.

Denn sie sehen nicht, was sie tun: Bei der Erstausgabe von Denn sie wissen nicht, was passiert standen am Samstagabend Axel Prahl, Jan-Josef Liefers, Barbara Schöneberger und Thomas Gottschalk (von links) auf der RTL-Bühne.

(Foto: Mediengruppe RTL)

Wie kann es sein, dass am Samstagabend ausgerechnet das TV-Format den besten Eindruck hinterlässt, das am wenigsten wagt? Ein Streifzug mit der Fernbedienung.

Von David Denk

Stell dir vor, Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Barbara Schöneberger haben eine neue Show - und kaum einen interessiert's. Lediglich 2,61 Millionen Zuschauer verfolgten im Schnitt die Premiere von Denn sie wissen nicht, was passiert - ein Format kaum schmissiger als sein biederer Titel. Es sagt viel aus über das deutsche Fernsehen, dass noch nicht mal diese Supergroup der TV-Unterhaltung, unterstützt von den Tatort-Quotenkönigen Axel Prahl und Jan Josef Liefers, es vermochte, mehr Interesse zu wecken als etwa die Wiederholung eines Krimis aus der Reihe Ein starkes Team im ZDF mit 4,16 Millionen Zuschauern.

Und trotzdem dürfte man bei RTL recht zufrieden sein mit der ersten "Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show" (Untertitel), reichte es doch - und das ist die eigentlich relevante Währung im Fernsehgeschäft - für einen Gesamt-Marktanteil von 12,5 Prozent, mehr als den dreien zuletzt mit dem von Schöneberger moderierten Gottschalk-Jauch-Duell Die 2 gelang - in einem zunehmend fragmentierten Markt ein zumindest ordentlicher Wert.

Folge dieser Fragmentierung ist es, dass es im Programm von öffentlich-rechtlichen wie privaten Sendern vor Shows wimmelt. Wie der teurer herzustellende Krimi gehören sie zur TV-Grundversorgung - auch wenn sie bei den Zuschauerzahlen mittlerweile deutlich hinterherhinken und in immer kürzeren Zyklen durch immer neue Formate ersetzt werden: The Show Must Go On. Pro-Sieben-Sprecher Christoph Körfer erklärt auf Nachfrage, dass sein Sender "bis zum Jahresende an jedem Samstag eine frische Show" sendet. "Da kommt es an vielen Samstagen dazu, dass auch auf anderen Sendern Shows laufen." Die Programmplaner vertrauen darauf, dass jedes Format, vor allem aber natürlich ihr eigenes, sein Publikum findet und programmierten am Samstag Gefragt - gejagt im Ersten sowie die Pro-Sieben-Spielshow Schlag den Henssler gegen das neue RTL-Format. Von der Konkurrenzsituation gibt sich der Sender unbeeindruckt: "Aufwendige Shows planen wir bei RTL langfristig und lassen uns dabei nicht von den Angeboten unserer Wettbewerber leiten", sagt ein Sprecher. Der Samstagabend sei nun mal "ein beliebter und wettbewerbsintensiver Unterhaltungsplatz".

Früher überzog Gottschalk, weil er sich zu viel vorgenommen hatte. Heute ist Länge Selbstzweck

Ach, der Samstagabend - was, so die aus dieser Gemengelage erwachsene Idee, erfährt man beim Zappen über den Zustand des einst wichtigsten Sendeplatzes der Woche? Den Geist der großen Show für die ganze Familie atmet noch am ehesten der bunte Wechsel von sehr aufwendigen und sehr reduzierten Spielen, von körperlichen und geistigen Herausforderungen bei Schlag den Henssler - nicht zu vergessen die Auftritte internationaler Musiker wie Aloe Blacc. Doch dieser Mix zieht nicht mehr: Der Durchmarsch von Kandidat Chris interessierte im Schnitt 960 000 Zuschauer, was einem Marktanteil von kaum mehr als fünf Prozent entsprach - ein neuer Tiefstwert nach der Übernahme des einstigen Stefan-Raab-Formats durch den TV-Koch Steffen Henssler. Auch diesmal war erst weit nach Mitternacht Schluss, aber ohne die Intensität des Duells, die Unbedingtheit, mit der Raab das Preisgeld verteidigte, als wäre es sein eigenes.

Doch selbst gegen den Schlagabtausch mit Steffen Henssler kam Denn sie wissen nicht, was passiert reichlich hüftlahm daher. In zwei Teams spielten Liefers und Prahl gegen Gottschalk und Schöneberger für "ihren" vor der Aufzeichnung ausgelosten Zuschauerkandidaten um 50 000 Euro. Das Format wirbt mit Spontaneität, die darin bestand, dass zu Beginn Günther Jauch von einem sprechenden Hut in einem länglich-unlustigen Ritual zum Moderator des Abends bestimmt wurde. Zwei weitere Sendungen sind vorerst geplant - wer die wohl moderieren darf? Anarchisch wäre es gewesen, den Zufall entscheiden zu lassen, aber das Risiko, dass Thomas Gottschalk in drei Sendungen als Mitspieler vor sich hin döst, wollte man bei RTL offenbar nicht eingehen. Endgültig perdu war das Ungeplant-Improvisierte des Titels, als Thorsten Schorn als Spielleiter eingeführt wurde, der Jauch per Mini-Seilbahn von seinem Wachturm aus mit Instruktionen und Requisiten für allerlei hausbackene Spielchen versorgte.

Knapp vier Stunden - reichlich Werbung inklusive - dauerte die Premiere. Zeugte es früher von der Fülle des Ablaufplans und der Ausnahmestellung Gottschalks, dass er bei Wetten dass..? gottgleich überziehen durfte, ist Länge im Showfernsehen längst zum Selbstzweck geworden. Um bis Mitternacht senden zu dürfen, muss noch nicht mal viel passieren. Etwa eine halbe Stunde dauerte etwa alleine das Finale von Denn sie wissen nicht, was passiert, das Sinnbild war für den Nervelkitzel-Faktor des Formats: Ein überdimensionierter Ballon sollte so lange mit Stück für Stück, Runde für Runde vorgeschobenen Stangen eingezwängt werden, bis er platzt. Doch das störrische Biest platzte einfach nicht. Welch Ironie: Weil sich der Ballon weigerte, in sich zusammenzufallen, passierte das mit der ganzen Sendung. Und das Merkwürdigste daran: Dieser Fehlschlag schien niemandem peinlich zu sein. Moderator Jauch verfügte, dass die Gewinnsumme zwischen den Zuschauerkandidaten geteilt wird. Und Abspann.

Sogar ein Format, das Spontaneität verspricht, kommt heute aus der Konserve

Den besten Eindruck hinterließ am Samstagabend bezeichnenderweise das Format, das am wenigsten riskierte. Gefragt - gejagt ist weder neu noch aufwendig, aber es funktioniert und steht für den Trend, auf ihrem Stammplatz - im Fall von Gefragt - gejagt der Vorabend - erfolgreiche Sendungen in der Regel durch Beigabe von Promis Primetime-kompatibel zu machen. Die große Show ist tot - es lebe die aufgeblähte. Der "Quiz-Marathon" (Untertitel) war also eine XXL-Ausgabe von Gefragt - gejagt, in der in vier Runden nun eben keine Normalos, sondern bekannte Gesichter wie Ex-Fußballer Mario Basler, Moderatorin Ruth Moschner oder Comedian Thomas Hermanns gegen die "Jäger" genannten Quizprofis antraten. Am Ende erspielte Hermanns 50 000 Euro. Auch aus Quotensicht war der Abend ein Erfolg: Mit 3,82 Millionen Zuschauern und 17,6 Marktanteil musste sich das von Alexander Bommes moderierte Format nur dem schon erwähnten ZDF-Krimi geschlagen geben.

Live gesendet wurde von den drei Shows übrigens nur Schlag den Henssler. Der Reiz der Gleichzeitigkeit scheint sich mit der Bedeutung der Samstagabendshow verflüchtigt zu haben. Sogar ein Format, das Spontaneität verspricht wie Denn sie wissen nicht, was passiert, kommt aus der Konserve. "Produktionstechnische Gründe" gibt der RTL-Sprecher an. Nur so ein Verdacht: Kann es sein, dass mittlerweile sogar Fernsehmoderatoren am Samstagabend Besseres zu tun haben als Fernsehen zu machen?

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