TV-Exporte Andere Länder haben auch schöne Köche

Die Sendung "Kitchen Impossible" wurde in die Niederlande und nach Frankreich verkauft - obwohl sich deutsche Shows schwer tun im Ausland.

Von David Denk

Um ein Großmaul kleinzukriegen, reicht es mitunter schon, dieses Großmaul in eine Backstube zu schicken. "Backen ist nicht Kochen", hat Tim Mälzer in seiner Vox-Show Kitchen Impossible schon oft klargestellt und Kochkollegen verwünscht, die es wagten, ihm eine Aufgabe mit Mehl zu stellen. Und was macht Ali Güngörmüş? Schickt Mälzer in eine Backstube, nach Griechenland, wo der daran verzweifelt, hauchdünnen Filoteig zu machen, Grundlage fürs Süßgebäck Baklava.

Der backt das: In Slowenien bekommt Tim Mälzer es mit der regionalen Spezialität "Prekmurska Gibanica" zu tun - mit überraschendem Ergebnis.

(Foto: Vox/tvnow/EndemolShine)

Mit dem Wettstreit des Fernsehkochs gegen den Sternekoch hat vergangene Woche die vierte Staffel von Kitchen Impossible begonnen. 1,91 Millionen Zuschauer sahen den Auftakt, das entspricht einem Marktanteil von 6,6 Prozent am Tatort-dominierten Sonntagabend, bei den 14- bis 49-Jährigen waren es sogar 12,7 Prozent.

Gabi Abegg-Karmalker

"Die Sender sind offener geworden für eigene Ideen deutscher Produzenten. Ein Format muss nicht mehr unbedingt schon im Ausland funktioniert haben, um als attraktiv zu gelten."

Wie jedes gute TV-Konzept ist auch das von Kitchen Impossible schnell erklärt: Zwei Köche stellen sich der Herausforderung, in jeweils zwei Ländern eine nur einmal probierte und ohne Wissen um die Zutaten analysierte Spezialität eines einheimischen Spitzenkochs, seltener Hobbykochs, möglichst perfekt nachzukochen. Dann bewerten Stammgäste, wie nah die Kopie dem Original kommt. Der Koch mit der nach zwei Runden besseren Bewertung gewinnt. In fast allen bisherigen Folgen hieß der eine Duellant Tim Mälzer. "Tim ist Kitchen Impossible", sagt Executive Producer Sven Steffensmeier, "und Kitchen Impossible ist Tim."

Steffensmeier arbeitet für die Produktionsfirma Endemol Shine Germany, die das Grimme-Preis-nominierte und Deutscher-Fernsehpreis-prämierte Erfolgsformat entwickelt hat und nun auch exportiert. Wenn es sein muss, geht es also auch ohne Tim Mälzer. Am 29. Januar startete beim niederländischen Privatsender RTL 4 Herman Tegen De Rest, die Pilotfolge der französischen Adaption Cuisine Impossible wartet noch auf ihre Ausstrahlung. "Wir freuen uns natürlich riesig, dass so eine Perle aus Deutschland jetzt ins Ausland reist", sagt Magnus Kastner, CEO Endemol Shine Germany.

So ein Export ist, vorsichtig formuliert, eher die Ausnahme - kein Vergleich zu Formaten wie Who Wants To Be A Millionaire? oder The Voice, die in 102 beziehungsweise 67 Länder verkauft wurden. Unter den Top 100 der Exporte 2018 findet sich kein einziger deutscher, dafür kaufte man hierzulande seit 2010 die meisten Unterhaltungsformate ein. Fragt man Markus Schäfer nach den Gründen, schickt der Vorsitzende der Sektion Entertainment in der Produzentenallianz eine lange Antwort-mail: Es ist also kompliziert.

Eine wesentliche Bremse ist aus Schäfers Sicht, dass in Deutschland die Rechte zumeist im Rahmen von "Total-Buy-Out-Deals" an den Sender übertragen werden, der Produzent also anders als etwa in Großbritannien, Schweden oder den Niederlanden gar keine Möglichkeit hat, sein Format ins Ausland zu verkaufen. Hinzu komme, dass die vorhandenen Sendeplätze "sehr oft mit international erprobten Entertainment-Formaten besetzt" werden. Das habe dazu geführt, dass Deutschland im internationalen Vergleich bei der Entwicklung neuer Konzepte hinterherhinkt.

Die von Schäfer skizzierte Sicher-ist-sicher-Mentalität der Sender sieht Gabi Abegg-Karmalker, Head of Strategic Development bei Endemol Shine Germany, auf dem Rückzug - weil der dringend benötigte Nachschub an Formaten ausbleibt. Auf den internationalen Programm-Messen beobachtet sie, dass die Branche viel seltener fündig wird als vor ein paar Jahren. "Alle profitieren immer noch von Riesen-Brands wie Wer wird Millionär?, die teilweise 15 oder 20 Jahre alt sind, aber es hat ein Umdenken eingesetzt: Die Sender sind offener geworden für eigene Ideen deutscher Produzenten. Ein Format muss nicht mehr unbedingt schon in England oder den USA funktioniert haben, um als attraktiv zu gelten."

Die internationale Endemol Shine Group (MasterChef, Big Brother, Deal or No Deal) rühmt sich damit, mehr Formate auf die Reise geschickt zu haben als jeder Mitbewerber. "Es wird in unserer immer noch angloamerikanisch dominierten Branche immer wichtiger, unser kreatives Netzwerk zu nutzen, um neue Produkte global zu entwickeln und zu vermarkten", sagt Deutschlandchef Kastner. Von Endemol-Shine-Ablegern für ihr Gebiet adaptierte Formate wie die deutsch-niederländische Trampolinshow Big Bounce, die Quizdoku Beat the Box oder eben Kitchen Impossible seien "eine schöne Bestätigung, dass unsere Eigenentwicklungen innerhalb der Gruppe durchaus respektiert werden", sagt Entwicklungschefin Abegg-Karmalker. Angesichts der Fülle von Kochshows weltweit habe es eine Weile gedauert, "bis wir die Aufmerksamkeit der Gruppe hatten", sagt sie. Doch ein so klar definiertes Format wie Kitchen Impossible sei für eine Reise um die Welt prädestiniert: "Jedes Land hat ehrgeizige Köche."

Für den niederländischen Gastgeber Herman den Blijker geht es darin um die "Kernqualitäten, die man als Koch zu entwickeln lernt: schmecken, analysieren, kreieren und nachbilden." Die Sendung sei nicht nur ein Duell gegen einen anderen Koch, "mehr als alles andere ist es ein Duell gegen mich selbst". Denn um das Ziel zu erreichen, ein Gericht bestmöglich nachzukochen, "musst du manchmal dein Ego zurückstellen und Entscheidungen treffen, die du normalerweise nicht treffen würdest". Den Blijker glaubt, dass es neben den schönen Drehorten und regionaltypischen Gerichten genau das ist, was die Zuschauer an dem Format mögen: "Es hat einen No-Nonsens-Charakter. Du siehst zwei Köche, die alles versuchen, das Beste aus der Aufgabe herauszuholen."

Wie für jede andere Eigenentwicklung gibt es bei Endemol Shine Germany auch für Kitchen Impossible eine "Bibel", etwa 50 Seiten dick, in der Details zu Produktionsplanung, Drehweise und Erscheinungsbild festgeschrieben sind. So muss die kulinarische Aufgabe dem Koch etwa zwingend in einer schwarzen Warmhaltebox mit dem Logo des Formats serviert werden, die zu einem Markenzeichen geworden ist. "Die aus Erfahrungswerten gespeiste 'Bibel' schützt vor Beliebigkeit", sagt CEO Magnus Kastner. Allerdings sagt er auch: "Eine Adaption ist keine Kopie, kein Klon."

Länderspezifische Anpassungen sind möglich und mitunter nötig. "Die Kunst ist es, die Architektur des Formats nicht aufzuweichen und den Partnern trotzdem freie Hand zu lassen." So liegen Budget und Sendezeit der niederländischen wie der französischen Adaption deutlich unter denen des deutschen Originals, weswegen in den Niederlanden etwa beide Köche in ein und derselben Küche gegeneinander antreten. "Du kannst Kitchen Impossible in 100 Varianten produzieren", sagt Executive Producer Steffensmeier, "und es ist immer ein geiles Format." Ziel in Deutschland sei es allerdings gewesen, "herauszustechen aus dem Factual-Brei".

Der dafür betriebene Aufwand ist enorm: 18 Dreh- und 100 Schnitttage sind pro Folge angesetzt, gedreht wird mit einem 18 Kilo schweren Kameraungetüm. Visuell ist Kitchen Impossible für Steffensmeier dadurch "einzigartig". Das Auge isst schließlich mit. Und die vergleichsweise hohen Produktionskosten seien dadurch gerechtfertigt, dass man bei Vox drei Stunden Programm füllt und auch die Wiederholungen noch ihre Zuschauer finden. Steffensmeier: "Kitchen Impossible ist gewissermaßen der kulinarische Tatort."

Auch in anderer Hinsicht hat die Krimireihe hier Vorbildcharakter: "Das Kalkül ist ja, ein Format verlässlich zu einem leistbaren Preis abzuliefern, sodass es zum Dauerbrenner wird", sagt Endemol-Shine-Deutschlandchef Kastner. Bislang geht dieses Kalkül auf: Eine fünfte Staffel ist in Vorbereitung.

In Staffel vier geht es diesen Sonntag erst mal etwa nach Slowenien. Und wieder muss Tim Mälzer backen. Doch der Kuchen "Prekmurska Gibanica" gelingt ihm so gut, dass die Jury Höchstnoten vergibt. "In dieser Staffel gibt es viele Einspieler, in denen Tim einfach nur sehr gut kocht", sagt Executive Producer Steffensmeier, dem es wichtig ist, den von Kollegen lange belächelten Fernsehkoch nicht nur als Underdog zu zeigen. Aber Mälzer wäre nicht Mälzer, nicht der Stefan Raab des Kochfernsehens, wenn er den Triumph still genießen würde. Nein, er ruft das neue Format "Baking Impossible" aus. Mit Kochen sei er durch - keine Herausforderung mehr. Geht's auch eine Nummer kleiner? Bei Mälzer eher nicht. Einmal Großmaul, immer Großmaul - ein äußerst unterhaltsames allerdings.

Kitchen Impossible, Vox, Sonntag, 20.15 Uhr.