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Teletext:Ewige Pixel

Das Internet macht den guten alten Teletext überflüssig? Von wegen. Wie Redaktionen das Angebot mit Smartphone-Apps, Karaoke und Erotik fit für die Zukunft machen wollen.

Serienmarathon statt Samstagabendshow, Flachbild statt Röhre, Binge-Watching statt Familienabend: Die Welt des Fernsehens ist in den vergangenen Jahren komplett umgekrempelt worden. Aber eins ist über all die Jahre immer konstant geblieben: der gute alte Teletext.

Auch wenn heute jede Neuigkeit sofort durch soziale Netzwerke und Onlinemedien rauscht, auch wenn es bereits seit zehn Jahren einen neuen technologischen Standard namens HbbTV gibt, hat der 44 Jahre alte Teletext noch immer enorm viele Fans. Der ARD zufolge nutzen 15 Millionen Menschen in Deutschland einen Teletext mehrmals wöchentlich, 40 Prozent gelegentlich. Und Redaktionen im ganzen Land arbeiten mit ungewöhnlichen Mitteln daran, dass der Teletext weiterhin dem Angebot im Internet trotzen kann.

Aber erst mal von vorn. Der Teletext besetzt im Massenmedium Fernsehen eine Nische, publizistisch wie technisch. Dass es ihn gibt, auf deutschen Fernsehern seit 1980, ist der Trägheit analoger TV-Geräte zu verdanken: Im alten Röhrenfernsehen sendete man Teletext ursprünglich in der unsichtbaren Zeitspanne zwischen den Bildern, der sogenannten Austastlücke. Heute wirkt er wie die Antithese zur vernetzten Welt - und doch ist er dem Internet in einigen Dingen voraus.

Das beliebteste Teletext-Angebot, den ARD-Text, leitet seit zehn Jahren Frauke Langguth beim rbb. 16 Redakteure sind dort für den Text des Ersten, Tagesschau 24 und One zuständig. Auf Seite 100, der Startseite, ist Platz für drei allgemeine Meldungen und vier zum Sport, manchmal auch umgekehrt. Kompakter geht Tagesgeschehen kaum. "Ich denke, viele unserer Nutzer wählen gezielt, wie viel Zeit sie für welchen Medienkonsum verwenden", sagt Langguth.

Das Weltgeschehen in sieben Meldungen - knapper geht es kaum

Die Welt des Teletexts ist übersichtlich. Pro Seite gibt es 25 Zeilen mit je 40 Zeichen, 800 Seiten je Angebot.

Diesem Reiz der Reduktion ist es wohl geschuldet, dass Teletext inzwischen auch online funktioniert: Über 100 000 Mal wurde eine App alleine in Googles Play Store heruntergeladen, die den ARD-Teletext auf dem Smartphone anzeigt.

Organisation und Personalaufwand sind bei den einzelnen Anstalten sehr unterschiedlich. Beim NDR, WDR, SWR und Radio Bremen entsteht der Text dezentral oder in der Onlineredaktion. Bei NDR, BR, MDR, SWR, SR und HR sind zwischen fünf und zehn Schichten jeweils hauptsächlich mit dem Teletext beschäftigt. Einen Online-Teletext veröffentlichen auch die Privatsender, allerdings funktioniert der von RTL nicht mehr in jedem Browser, weil er auf die nach 15 Jahren inzwischen veraltete Flash-Technologie setzt.

Unter ARD-Teletextchefin Frauke Langguth hat der alte Teletext gelernt, mit dem Internet zu kommunizieren: Seite 777, Teletwitter. Etwa beim Tatort werden hier Tweets zur Sendung eingeblendet. Menschen sitzen also vor Fernsehern und verschicken Tweets, die dann auf dem Fernsehbildschirm auftauchen.

Gerade die Einfachheit des Teletexts eröffnet viele Möglichkeiten für barrierefreie Angebote. Die Untertitel für Gehörlose auf Seite 150 sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil, neuerdings gibt es auch Untertitel, die bei Volksmusik-Sendungen zur Karaoke animieren. Aktuell experimentiert man mit Sprachassistenten, die den Teletext vorlesen, berichtet Frauke Langguth. In Zeiten digitaler Bilderfluten ist der Teletext also offenbar ein Erfolgsmodell, nicht obwohl, sondern weil er kurz, simpel und schnörkellos ist. Gerade dass Teletext ohne Emojis, Gifs, Fotos und Videos auskommt, spornt immer wieder Künstler an: Vor allem in Großbritannien, wo es schon länger keinen Teletext mehr gibt, ist eine Szene von Künstlern entstanden, die Teletext-Bilder erschaffen, es gibt ein internationales Teletext-Kunstfestival, das seine knallbunten Pixelwerke, klar, im Teletext zeigt. Die nächste Ausstellung soll es im September im ARD-Text geben.

Außerhalb solcher Aktionen ist der allerdings alles andere als knallig. Krawall ist wie im TV-Programm eher bei den Privaten zu finden. Im Konkurrenzkampf wurde der Teletext auch schon zur Waffe: Um RTL eins auszuwischen, spoilerte Sat 1 dort einst, wer der Täter in der David-Lynch-Serie Twin Peaks war. Im Vergleich zu dem Ton, der in sozialen Netzwerken heute herrscht, klingt das natürlich nach heiler Welt. Kürzlich aber, erzählt ARD-Teletextchefin Frauke Langguth, war die Teletextwelt kurz in Aufruhr.

Seite 786 des Sat -1-Texts zum Beispiel verspricht schlüpfrige Rollenspiele - per SMS

Als ihr Team anlässlich der Debatte um das Gendersternchen ebensolche in den Text einbaute und dem Zusatz "*Innen" also jeweils sechs wertvolle Zeichen spendierte, folgte ein Entrüstungssturm, die Mehrheit der Rückmeldungen sei nicht begeistert gewesen. "Unsere Zuschauer sind sehr sprachsensibel", sagt Frauke Langguth. Und dann wäre da noch der Sex.

In Zeiten allzeit verfügbarer Pornografie ist Teletext-Erotik, wie sie Privatsender in ihren Angeboten zeigen, schon fast romantisch. Seite 786 des Sat -1-Teletexts zum Beispiel. Da werden schlüpfrige Rollenspiele versprochen per SMS, wieder so eine antike Technologie, zu einem Preis aus Zeiten vor der Flatrate, 1,49 Euro pro Nachricht. Sauber nach Kategorien geordnet, von "Friseuse" bis "Sehr speziell". Seite 797 zeigt ein gelbes Hinterteil mit blauen halterlosen Strümpfen.

Es muss weit mehr teletextsexuelle Menschen geben, als man glauben mag. Denn natürlich sind diese Seiten beim Privatfernsehen Werbung - und die ist für den Werbetreibenden gar nicht mal so billig. Eine Anzeigenseite bei Sat 1 kostet 1400 Euro pro Woche. Der Hinweis auf der Startseite kostet knapp 8000 Euro für den prominentesten Platz pro Woche, 250 Euro pro Buchstabe.

Vielleicht ist der Teletext also nicht nur Kurzinformationsdienst, sondern eben auch eine besondere Fetischnische weit weg von den expliziten, allgegenwärtigen Darstellungen im Internet. Vor allem ist sie wirklich anonym. Zumindest solange man nicht die Nummer der Sexhotline wählt. Und Teletext ist vergänglich, anders als bei Internetinhalten gibt es kein Archiv über die gesetzliche Nachweispflicht von drei Monaten hinaus. Findige Fernseh-Archäologen haben allerdings herausgefunden, dass der Teletext in alten VHS-Aufzeichnungen von TV-Programmen mitkonserviert ist. So oder so: So schnell wird der gute alte Teletext erst mal nicht verschwinden.