Täuschungsmanöver Operation Juri

"Bild" berichtete ausführlich über eine angebliche Schmutzkampagne um Juso-Chef Kevin Kühnert. Jetzt erklärt die "Titanic", sie stecke hinter der Aktion. Die Sache beschäftigt nun auch den Presserat.

Von David Denk

Es gibt Geschichten, die sind zu schön, um wahr zu sein. Aber sie sich von Fakten kaputtmachen zu lassen, bringt man bei Bild offenbar nicht übers Herz. Vorigen Freitag titelte das Springer-Boulevardblatt "Neue Schmutzkampagne bei der SPD" und zitierte ausgiebig aus Mails, die belegen sollen, dass Juso-Chef Kevin Kühnert mit einem russischen Hacker namens Juri über eine Unterstützung seiner "NoGroKo"-Kampagne verhandelt haben soll. Diesen Dienstag nahm die Geschichte eine überraschende Wendung: Das Satiremagazin Titanic erklärte, den Mailverkehr fingiert und dem Blatt zugespielt zu haben: "Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe - und Bild druckt alles, was ihnen in die Agenda passt."

Wenn das stimmt, wie Titanic beteuert, und es sich nicht um einen "Fake-Fake" handelt, wäre es ein Scoop für die Satiriker - und eine Schmach für Bild. "Ich glaube, ich würde heute nicht so gerne mit Julian Reichelt im Schützengraben liegen", twitterte Jan Böhmermann Mittwochfrüh. Der frühere Kriegsreporter Reichelt ist seit dem Weggang von Print-Chefredakteurin Tanit Koch unumstrittener Herrscher im Bild-Reich - und die Aufmerksamkeit entsprechend groß: Wohin steuert Deutschlands auflagenstärkste Zeitung unter seiner Führung? Entwickelt sich Bild zum politischen Kampfblatt zurück?

Wir waren’s: Ein Titanic-Mitarbeiter posiert mit der Bild-Zeitung von Freitag und einem Ausdruck des fingierten Mailverkehrs.

(Foto: Thomas Hintner/TITANIC)

Wer den Artikel über die "Schmutzkampagne" aufmerksam liest, stolpert über eine auffällige, beinahe skurril anmutende Häufung des Adjektivs "angeblich": "Der Beginn der angeblichen E-Mail-Kommunikation: Der Schreiber (...) kontaktiert angeblich den Juso-Chef, bezieht sich auf einen 'J.' aus Münster, den der 'liebe Kevin' angeblich kenne", heißt es in der Bildunterschrift. Der letzte Satz des Textes lautet: "Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis." Unter diesen Umständen bis zur Klärung des Sachverhalts auf eine Berichterstattung zu verzichten, kam aber nicht in Frage. Auf SZ-Anfrage teilt ein Bild-Sprecher mit: "Die Echtheit der anonym zugestellten E-Mails haben wir immer deutlich in Frage gestellt und journalistisch eingeordnet."Die nichtsdestotrotz umfangreiche Berichterstattung begründet er mit der Ankündigung der SPD, Strafanzeige gegen unbekannt zu stellen, die "Auslöser" des Berichts gewesen sei. "Wir sind gespannt, ob die SPD diese nun gegen Titanic richten wird", so der Bild-Sprecher. Der Parteivorstand bestätigte am Mittwoch die Strafanzeige gegen Unbekannt wegen des vermeintlichen E-Mail-Wechsels. "Das weitere Verfahren ist damit nun Sache der Ermittlungsbehörden."

Parallel beschäftigt den Presserat die Frage, ob Bild gegen die im Pressekodex festgeschriebene journalistische Sorgfaltspflicht verstoßen hat. Bis Mittwochnachmittag gab es vier Beschwerden. "Wir prüfen, ob der Artikel dem Leser suggeriert hat, dass der angebliche Mailverkehr zwischen Juso-Chef Kevin Kühnert und einem vermeintlichen 'Russentroll' echt war - obwohl es für die Echtheit der Mails keine Belege gab", sagte eine Sprecherin.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt verteidigte die Berichterstattung am Mittwoch erst bei Twitter, dann auch in einem Artikel auf bild.de: "Wenn bei Bild ein Fehler passiert ist, dann, dass wir den angeblichen Informanten nicht als Titanic-Mitarbeiter enttarnen konnten, obwohl wir mehrfach versucht haben, seine Identität festzustellen." Sein Mitarbeiter sei "aufgrund seiner Erfahrung von Beginn an skeptisch" gewesen. "Deswegen haben wir uns erst zu Berichterstattung entschieden, als die SPD Anzeige geprüft hat." Die Verteidigungslinie ist durchsichtig: Die SPD hat uns eine Berichterstattung geradezu aufgezwungen. Eine eigene Agenda wird geleugnet - was nach der von Bild angefachten und angeführten Aufregung um den fristgerecht zum Mitgliedervotum in die SPD eingetretenen Hund Lima von bestenfalls begrenzter Glaubwürdigkeit ist.

Unumstrittener Herrscher im Bild-Reich: Julian Reichelt.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Die Tatsache, dass ein Hund Parteimitglied werden könne, zeige, "was die Mitgliederbefragung in Wahrheit ist: hochgradig anfällig für Manipulationen und nicht nur deshalb gefährlich für die Demokratie", kommentierte Bild-Vize Nikolaus Blome am Dienstag. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sein Chef auf den Titanic-Fake empfindlich reagiert: "Natürlich darf Satire so etwas, aber sie versucht sich hier zu profilieren, indem sie journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren versucht", so Reichelt bei Twitter. Veranlassung, an der Urheberschaft der Titanic zu zweifeln, sieht man bei Bild demnach keine.

Die Mailadresse des angeblichen Kühnert hatte eine Endung, die von der SPD nicht benutzt wird

Die Titanic hat den vorgeblichen Mailwechsel auf ihrer Website veröffentlicht. Der IT-Sicherheitsexperte Thorsten Schröder mahnt zwar zu einer gewissen Skepsis gegenüber Fälschungsbehauptungen, sagt aber, dass derartige Manipulationen grundsätzlich "keine Kunst" seien. Und weiter: "Wenn es sich um einen Fake handelt, dann ist es sehr sorgfältig gemacht." Und doch gab es Anlass zur Skepsis: Die Mailadresse des angeblichen Kevin Kühnert hatte mit @jusos.de eine Endung, die von der SPD nicht benutzt wird. Das steht auch im letzten Viertel des "Schmutzkampagne"-Artikels, in dem Bild Kühnert "zu den Vorwürfen" Stellung nehmen lässt.

Und wie reagiert der nun auf den Titanic-Fake? "Wir haben von Anfang an gesagt, dass das eine plumpe Fälschung ist. Jetzt ist es halt ein witziger Fake", erklärte Kühnert über seinen Sprecher. "Weniger witzig ist, dass Bild auf diese fragwürdigen Informationen eine mehrtägige Berichterstattung aufgebaut hat, die jeder Grundlage entbehrte." Bei Twitter verbreitete Kühnert das Bild eines mit Cocktail im Swimmingpool planschenden Homer Simpson mit der Bemerkung "Einfach genießen".