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Straßenzeitungen:Ohne Rettungsschirm

Obdachloser verkauft Straßenzeitung 'Biss' in München, 2015

Obdachlosenzeitungen wie die Münchner "Biss" leben vom Kontakt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie sind die letzten Zeitungsverkäufer auf der Straße und können oft nicht aufs Digitale umsteigen: Wie Obdachlosen-Zeitungen in der Corona-Pandemie durch die Krise kommen - fünf Beispiele aus deutschen Fußgängerzonen.

Dresden: "drobs"

In der neuen Ausgabe der Dresdner Straßenzeitung drobs sind mindestens drei Dinge anders als sonst. Statt mit 24 Seiten erscheint die Sonderausgabe auf 20, die Auflage liegt bei zunächst 3000 Exemplaren und nicht bei mehr als 7000. Und, drittens: "Wir machen natürlich mit Corona auf", sagt Jane Jannke, die leitende Redakteurin. Besonders wichtig sei ihr, über die Situation in den Obdachlosenunterkünften der Region zu berichten, die von der Krise besonders hart getroffen wurden. Mit in den Verkauf geht der noch nicht abverkaufte Teil der März-Ausgabe. Während die Verkäufer sonst die Hefte für einen Euro pro Stück übernehmen und für 1,70 Euro verkaufen, erhalten sie den März-Titel nun vergünstigt, um wenigstens einen Teil des Verdiensts aufholen zu können. Jannke hat aber registriert, dass es viele Hilfsangebote gab. Vertreter einer Kirchgemeinde standen auf einmal mit 50 Essensbeuteln vor der Tür. Projektkoordinator Sven Baumgarten sagt, "die Verkäufer wurden vermisst auf der Straße, Leute haben sich bei uns nach ihnen erkundigt". Manche dieser Verkäufer leben direkt vom Verkauf der Zeitung und setzen im Monat 300 bis 400 Stück ab. Üblicher aber seien 100 bis 150 Exemplare pro Verkäufer, sagt Baumgarten, "und dann kommt meistens noch Trinkgeld oben drauf". Neben den Verlusten sieht Baumgarten einen weiteren Nachteil: "Das Soziale, der Kontakt untereinander wie zu den Kunden, geht in einer solchen Zeit verloren, das ist das eigentlich Schlimme", sagt er. Cornelius pollmer

Berlin: "Kompass"

Den größten Einschnitt haben die Obdachlosenzeitungen in Berlin schon hinter sich: 2018 wurde der Straßenfeger aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt, eine Institution, die 24 Jahre lang vom Leben auf der Straße berichtet und mit Aktionen wie der symbolischen Besetzung von Luxushotels auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Lücke wurde vom Verein Karuna gefüllt, seither erscheint der Kompass fünf Mal im Jahr in einer Auflage von 30 000 Stück. Von den klassischen Straßenzeitungen unterscheidet er sich durch eine sehr opulente grafische Gestaltung und Schwerpunktthemen wie "Erfolg" oder "Self Care". Man wolle "ohne Mitleidsbonus" auskommen und "eine Stadtzeitung" machen, "die man gerne kauft und liest", sagt Jörg Richert, Geschäftsführer von Karuna. Durch die Corona-Krise habe sich dabei erstaunlich wenig verändert. Das Geschäft brach entgegen den Erwartungen nicht ein: "Die Menschen haben verstanden, dass es für Obdachlose jetzt besonders schwer ist und man sie unterstützen muss." 1,50 Euro kostet eine Ausgabe des Kompass, die Einnahmen dürfen die Verkäuferinnen und Verkäufer zur Gänze behalten. Richert schätzt, dass etwa 500 Menschen in Berlin den Kompass verkaufen. Das seien zunehmend Menschen, die mit dem klassischen Bild des Obdachlosen nicht viel gemeinsam hätten. Sondern die oft arbeiten, aber die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können. Verena Mayer

Hamburg: "Hintz und Kunzt"

Hintz und Kunzt ist mit gewöhnlich 60 000 Exemplaren die größte unter den deutschen Straßenzeitungen - und jetzt zwei Mal nicht erschienen. Typisch für Hamburg ist aber, dass die reiche Stadt in der Not zusammenhält, auch mit den Bedürftigen. Sybille Arendt von Hintz und Kunzt berichtet, dass es dem Blatt durch die vielen Spenden möglich war, Überlebenshilfen auszuzahlen, "jeweils 220 Euro im April und Mai für jeden unserer Verkäuferinnen und Verkäufer". Und das sind in Hamburg immerhin mehr als 500. Mehr Sorgen als das Geld macht Ahrendt derzeit der durch Corona bedingte Wegfall der sozialen Komponente. "Wir sind eine wichtige soziale Anlaufstelle", sagt sie, und sei es nur, um Zeitungen abzuholen und dabei einen Plausch zu halten. Derzeit tüfteln die Macher an den Verkaufsbedingungen, natürlich müssen die von der Kontaktaufnahme zum Straßenpublikum lebenden Verkäufer wie alle anderen künftig Distanz halten. Auch da aber wird schon geholfen: Die Initiative Moin Makers hat 1000 Plexiglas- Visiere im 3D-Drucker angefertigt und Hintz und Kunzt gespendet, auch Mund- und Nasenschutz liegen bereit. Für das kontaktlose Bezahlen wird an Heft- und Kleingeldboxen getüftelt. Die nächste Ausgabe erscheint am 27. Mai. ralf wiegand

Düsseldorf: "fiftyfifty"

Fiftyfifty setzte schon vor der Krise auf kluge Öffentlichkeitsarbeit. Anfang März machte das Düsseldorfer Magazin mit einer Tragetasche gegen Lars Eidinger auf sich aufmerksam. In der Krise ist der Verkauf eingebrochen, aber immerhin wurde verkauft. Fiftyfifty stellte im April eine Notausgabe auf die Beine. Hubert Ostendorf, leitender Redakteur, musste sich Vorwürfe anhören, weil er den Straßenverkauf weiterlaufen ließ. Doch Ostendorf bereitet die Situation der Wohnungslosen größere Sorgen. Denn für die brach neben den Einnahmen vielerorts auch die Versorgung durch Tafeln weg. Dass die einfach schlossen, "finden wir sehr unkreativ", sagt Ostendorf. Gemeinsam mit dem Kulturzentrum zakk organisierte fiftyfifty eine Not-Tafel. Damit die Verkäufer des Magazins nicht in Vorkasse gehen müssen, kostete fiftyfifty im April die Hälfte. Immerhin 15 000 Stück der Not-Ausgabe konnten in Städten in NRW und Frankfurt am Main verkauft werden. Normalerweise seien es bis zu 25 000. Im Mai kostet fiftyfifty wieder 2,40 Euro und die Verkäufer bieten für drei Euro auch Gesichtsmasken an. Das aktuelle Cover zeigt die Mona Lisa mit Mundschutz und den Claim: "Corona meiden: JA. Obdachlose meiden: NEIN". Aurelie von Blazekovic

München: "Biss"

In München wird Biss, Deutschlands älteste Straßenzeitung, seit Mai wieder angeboten. Mitte März war der Verkauf eingestellt worden, die April-Ausgabe wurde erst gar nicht gedruckt. 15.000 März-Hefte liegen noch im Lager, die Mai-Auflage habe man um fast die Hälfte auf 25.000 reduziert, sagt Geschäftsführerin Karin Lohr. Inzwischen seien mehr als 50 Verkäufer in Kurzarbeit, das Konzept der Festanstellung zahle sich jetzt besonders aus. Wer beispielsweise im Monat 600 Hefte verkaufe, verdiene regulär rund 1200 Euro brutto. Das Geld vom Staat wolle Biss ("Bürger in sozialen Schwierigkeiten") aufstocken. Als Digitalmagazin im Netz werde Biss weiterhin nicht erscheinen, sagt Lohr, schließlich basiere das Konzept darauf, dass die Mitarbeiter die Hefte auf der Straße verkaufen. Der soziale Kontakt zu den Kunden und das Rauskommen aus der eigenen Wohnung, soweit vorhanden, sei ein wichtiger Baustein, um die oft in prekären Verhältnissen lebenden Verkäufer zu stabilisieren. Biss bemühe sich, seine sozialen Angebote aufrechtzuerhalten, seien es Beratung oder Geld für eine Zahnbehandlung. Mit allen Verkäufern versuche man, Kontakt zu halten, um ihnen in einer akuten persönlichen Krise zu helfen. Bernd Kastner

© SZ vom 13.05.2020
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