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Sportfernsehen:Fertig, los!

Eurosport, bislang eher ein Nischensender, darf sich jetzt "Heimat der Olympischen Spiele" nennen. Chef Peter Hutton will besser sein als ARD und ZDF - und glaubt an Fair Play bei allen Sportarten.

Der Sender Eurosport hat den nächsten olympischen Gewinner schon gefunden und ihm auch gleich ein Siegertreppchen gebaut. Zum Jahreswechsel hat sich der Kanal ein neues Logo geschenkt - mit einem stilisierten Siegerpodium als Erkennungszeichen. Und auf dem steht ganz oben: Eurosport.

Seit Anfang Januar darf der Sportkanal den vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) verliehenen Namenszusatz "Home of the Olympic Games" tragen, denn der kleine Sender hat im Fernsehjahr 2016 für eine der größten Überraschungen gesorgt: Ausgerechnet die Senderfamilie rund um den Nischenkanal Eurosport, den selbst treue Anhänger von "Tour de France"-Übertragungen oder Motorradrennen der MotoGP-Serie oft in den Tiefen ihrer Senderliste mit der Fernbedienung suchen müssen, erhielt den Zuschlag für die Ausstrahlung der weltweit wichtigsten Sportereignisse der nächsten Jahre. Eurosport wird bei den kommenden vier Olympischen Spielen exklusiv die Livebilder in deutsche Wohnzimmer liefern. Und ARD und ZDF, die Olympia-Sender der vergangenen Jahrzehnte, konnten sich nicht einmal die erhofften Sublizenzen sichern.

"Wir wollen aus Eurosport einen bedeutsamen deutschen Sportsender machen."

Der Herr der Ringe heißt nun Peter Hutton und ist CEO von Eurosport. Wer ihn trifft, lernt einen Mann kennen, der durchaus stolz ist auf die Aufmerksamkeit, die seinem Sender nun plötzlich von überall zuteil wird. Er sagt: "Wir wollen Olympia zu einem Thema machen, welches das gesamte Jahr über bei uns präsent ist."

Hutton hat jetzt die Chance, ein Publikum zu erreichen, das sich TV-Ausdauersitzungen ohne die Begleitung durch Moderatoren wie Gerhard Delling (ARD) oder Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) kaum vorstellen mag - und Eurosport womöglich nur aus der Fernsehzeitung kennt. Der bereits im Februar 1989 ursprünglich als Gemeinschaftsunternehmen einiger europäischer Fernsehhäuser gegründete Sender hat seinen Hauptsitz in Paris, die Deutschlandzentrale ist in München. Bei den deutschen Zuschauern ist er nie wirklich in die erste Liga aufgestiegen.

Der Marktanteil von Eurosport war lange im unteren einstelligen Bereich. Die relative Bedeutungslosigkeit für viele Zuschauer lag auch daran, dass die hierzulande entscheidenden Programmrechte - etwa für die Fußball-Bundesliga - bislang fehlten. Seit vor zwei Jahren der US-Konzern Discovery Communications die Eurosport-Gruppe übernahm, gehört der Sender zu einem der größten Medienunternehmen der Welt. Discovery hat Geld und ist gewillt, es auch auszugeben.

Als das IOC im vergangenen Jahr die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2018 bis 2024 neu ausschrieb, war für den Eurosport-Eigner Discovery die Gelegenheit gekommen: 1,3 Milliarden Euro machte man für die weltweiten Exklusivrechte locker - und übertrumpfte damit die Angebote von ARD und ZDF, die sich regelrecht überrollt sahen. "Es hat uns viel Energie und Geld gekostet, aber es hat sich gelohnt: Es war ein wirklich aufregendes Jahr", sagt Peter Hutton.

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Das weiße Band: Bei den kommenden Olympischen Spielen muss der Sender beweisen, dass er nicht nur über das Gute am Sport berichtet.

(Foto: Jean-Christophe Bott/dpa)

Noch dauert es aber eine ganze Weile, bis Eurosport seine erhoffte Breitenwirksamkeit testen kann, die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang werden erst am 8. Februar nächsten Jahres eröffnet, weshalb nun ein ganzes Jahr lang auf das große Ereignis eingestimmt werden soll: "Wir wollen, dass die Leute schon viel früher an Olympia denken, als das bislang der Fall war", sagt Hutton. Deswegen wird das Programm nun rund um die Uhr mehr oder weniger "olympisch" eingefärbt - etwa im Umfeld der noch bis lange ins Frühjahr laufenden Wintersport-Übertragungen. So dürfte deutschen Sportfans schon bald deutlich werden, wie ernst Eurosport seine Olympia-Leidenschaft nimmt - und wie ernst man den Sender nehmen kann. Immerhin muss Discovery die teueren Rechte-Investitionen - anders als die gebührenfinanzierten Sender ARD und ZDF - im großen Stil durch Werbung und eine zumindest zu unterstellende Nähe zu namhaften Programmsponsoren finanzieren. Ganz grundsätzlich steht die Frage im Raum, ob Eurosport seinen Zuschauern lediglich Hochglanz-Jubelprogramm bietet - und wie viel Raum für kritische Distanz bleibt.

Wenn man den ersten Ankündigungen von Peter Hutton zum künftigen Kurs folgt, darf Skepsis zumindest erlaubt sein. Inhaltlich soll sich 2017 das Eurosport-Programm um die sogenannte "Reise nach Olympia" drehen - mit vielen Heldengeschichten, die dann auch auf den Schwestersendern wie dem Free-TV-Männersender DMAX ausgewalzt werden. "Wenn man einen olympischen Athlet bei einem Wettkampf sieht", so Hutton, "wird man bei uns eine Verbindung zu seinem Weg nach Pyeongchang schaffen. Oder zu seinem Weg nach Tokio."

Das internationale Vorbild für diese Strategie ist der Ski-Star Lindsey Vonn, die Discovery in den USA zu einem der Sendergesichter gemacht hat. "Wir haben mit ihr Verträge für diverse Programme und digitale Inhalte geschlossen und werden sie auf ihrem Weg nach Pyeongchang begleiten", sagt Peter Hutton. Deutsche Namen für ähnliche TV-Projekte will er in den nächsten Wochen bekannt geben.

Peter Hutton hat seinen Job als Verantwortlicher für die Sportsenderfamilie erst im Januar 2015 angetreten und muss bei deutschen Zuschauern bis heute viel Überzeugungsarbeit leisten, um dem zuvor oft als etwas trutschig wahrgenommenen Spartenkanal Aufmerksamkeit zu verschaffen. Erfolge wie die in der Spitze 2,6 Millionen Zuschauer beim Australian-Open-Sieg von Angelique Kerber im vergangenen Januar ragten aus viel Einerlei heraus. Geholfen hat ihm, dass er 2016 oft teure Schecks unterschreiben durfte - etwa bei der Verpflichtung namhafter Experten wie Boris Becker, Martin Schmitt und Sven Hannawald.

Noch wichtiger als prominente Experten sind für einen Sportsender aber natürlich die Ausstrahlungsrechte, weshalb in den vergangenen Monaten bei allen größeren Ausschreibungen von Wintersport bis Fußball plötzlich der zuvor lediglich Branchen-Insidern bekannte Bieter Discovery und damit mittelbar Eurosport als Schreckgespenst auftauchte. Sobald Hutton die Rechte an neuen Sportereignissen eingekauft hatte, ging es darum, sie deutschen Zuschauern - anders als das in der Vergangenheit beim europaweit gleichförmigen Eurosport-Programm der Fall war - mit heimischen Experten und deutschen Wettkampf-Bezügen näherzubringen. "Anfangs wurden wir für dieses Vorhaben oft ein wenig belächelt", gesteht er ein. Doch sein Ziel steht fest. "Wir wollen aus Eurosport einen bedeutsamen deutschen Sportsender machen." Auch bei der Fußballbundesliga konnte sich Hutton attraktive Lizenzen sichern. Erstmalig von Sommer 2017 an wird er über den Pay-Sender Eurosport 2 und über den digitalen Eurosport-Player jeweils 40 Live-Bundesligapartien pro Saison zeigen können. Derzeit überträgt Eurosport, gleichzeitig mit ARD und ZDF, die Vierschanzentournee.

Eurosport CEO Peter Hutton during a press conference PK Pressekonferenz announcing a new 10 year bro

Peter Hutton, seit 2015 CEO von Eurosport, war zuvor Mitgeschäftsführer bei der Rechteagentur Peter Hutton MP & Silva Group. Seine Laufbahn begann er als Sportjournalist.

(Foto: imago)

Das neue Jahr soll nun den Olympischen Spielen die Bahn bereiten. Und da gilt es erst einmal, die Bedenken vieler Sportfans zu zerstreuen. Vor allem weil sich die Hoffnungen der öffentlich-rechtlichen Sender, doch noch als Sub-Lizenznehmer mit von den Spielen zu berichten, vor einigen Wochen endgültig zerschlagen haben. Die Verhandlungen darüber scheiterten an einem offenbar inakzeptablen Preis. Aufgerufen waren dem Vernehmen nach von Eurosport-Seite allein für Pyeongchang und Tokio Summen um 150 Millionen Euro.

Wie wird man sich verhalten, wenn es um Doping oder Korruption bei den Spielen geht?

Die Debatte um den öffentlich-rechtlichen Abschied von Olympia dreht sich nicht nur um alte Zuschauergewohnheiten, sondern auch um die Frage nach kritischer Berichterstattung. Auch ARD und ZDF sahen sich stets in einer Doppelrolle: Sie zeigten einerseits die tollen Bilder der Olympischen Spiele und wollten damit Quote machen. Andererseits mussten sie über die weniger erfreulichen Seiten von Olympia berichten, über staatlich gelenktes Doping etwa. Wie wird sich Eurosport, das keinen öffentlich-rechtlichen Auftrag hat, hier positionieren? "ARD und ZDF haben die Latte bei der Produktionsqualität für uns hoch gelegt. Wir stehen vor der Herausforderung, mit einem Angebot herauszukommen, das besser ist als ihres", sagt Hutton. Auf Nachfrage, ob es - wie zum Teil bei ARD und ZDF - investigative sportjournalistische Formate geben wird, reagiert der Eurosport-Boss ausweichend. "Wir glauben fest an die Integrität und das Fair Play bei allen Sportarten", sagt Hutton. Gleichzeitig verweist er darauf, dass der Ermessensspielraum der eigenen Journalisten groß sei, was bei Olympia zum Thema in der Berichterstattung wird. Eher unwahrscheinlich, dass die Sendergruppe, die vertraglich eng an das IOC gebunden ist, freiwillig ihre Finger in die Wunden legt, wenn Zuschauer Fragen rund um korrupte Sport-Manager oder die Überkommerzialisierung von Olympia umtreiben.

Tatsächlich dürfte die Senderfamilie weniger in inhaltlichen Fragen, sondern eher in technischer Hinsicht für Aufmerksamkeit sorgen, um für eine möglichst breite Auswertung der teuer erstandenen Olympia-Rechte sorgen. Hutton beklagt, dass in der Vergangenheit bei ARD und ZDF angeblich zu wenige Inhalte online verfügbar waren. "Man muss nur an Sotschi zurückdenken. Wir können den Zuschauern viel mehr Live-Inhalte zur Verfügung stellen, indem wir auf vielfältige Bildschirme und Übertragungsmöglichkeiten setzen", kündigt er an. Er will "die Olympischen Spiele für ein Massenpublikum zugänglicher machen". Wie das Angebot konkret aussehen wird, will er nach und nach bekannt geben.

Peter Hutton, neuer Hausherr der Olympischen Spiele, versichert sich dann wie die Skiflieger seiner Vierschanzentournee noch einmal des eigenen Rückenwinds. "Wir haben einen großen Sprung nach vorne gemacht", sagt er. Jetzt muss nur noch die Landung gelingen.