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Schauspieler Adnan Maral:Los geht's!

In der Jugendgruppe des Schauspiel Frankfurt hat er noch mit hessischen Dialekt gesprochen: Adnan Maral in seiner Filmfirma Yalla Productions.

(Foto: Robert Haas)

Zwölf Mal hat Adnan Maral schon einen Mehmet gespielt - um Klischees zu entgehen, hat der deutsch-türkische Schauspieler eine eigene Produktionsfirma gegründet. Aber Migration bleibt sein Thema.

Das Haus, in dem Adnan Maral seine Produktionsfirma hat, könnte auch aus einem seiner Filme stammen: Es ist gebäudegewordene kulturelle Verständigung, oder, wie Maral sagen würde: Crösscültür. Nur wenige Gehminuten von der Theresienwiese liegt es entfernt, dem Ort, an dem jedes Jahr das wohl deutscheste aller Feste, das Oktoberfest, stattfindet. Vom Fenster aus kann Maral dann die Partypilger mit ihren Dirndln und Lederhosen beobachten. Im Erdgeschoss des Hauses: eine Dönerbude. Gegenüber: ein Asia-Imbiss.

Auch Adnan Maral hat eine Lederhose, seit acht Jahren schon, und sogar - "Wie heißen die noch mal?" - Haferlschuhe. An diesem Septembertag aber öffnet er in Jeans, Polo und Basecap die Tür zu seinem Büro. Die meisten kennen den Schauspieler wohl als Metin Öztürk, den ordnungsliebenden Polizisten und Patchwork-Familienvater aus Türkisch für Anfänger. Vor etwa zehn Jahren war die ARD-Serie ein Riesenerfolg und wurde in mehr als 70 Länder verkauft. Maral spielte aber auch schon den Michael Kohlhaas an einem Frankfurter Theater und einen libanesischen Botschafter in Homeland.

Trotzdem ist Multikulti sein Lebens- und immer wieder auch Leidensthema: Anders als "Toni" Freitag, die Figur, die er in seiner neuen Komödie spielt, ein Türke, der mit Spitzname und Schützenvereins-Mitgliedschaft seine Herkunft überspielen will, leugnet Maral seine Herkunft nicht. Der Schauspieler thematisiert sein Türkischsein selbst, engagiert sich an der Seite von Frank-Walter Steinmeier für den deutsch-türkischen Dialog und nennt seine Produktionsfirma "Yalla", was auf Türkisch und Arabisch so viel heißt wie "Los geht's!"

Gleichzeitig aber stört es Maral, dass er immer wieder auf seine Wurzeln angesprochen und reduziert wird, dass er ständig über Migration oder den Islam reden soll. Dann hebt er schon mal leicht genervt, leicht resigniert die Augenbraue und sagt: "Jetzt müssen wir aufpassen, jetzt machen wir genau das, was alle immer machen."

Für solche Fälle hat sich der Schauspieler eine Antwort zurechtgelegt, die, in leichten Abwandlungen, etwa so geht: "Ich stehe doch nicht als Türke oder als Deutscher hier, sondern als der Mensch Adnan Maral. Als Produzent, als Schauspieler, als Familienvater, als Ehemann." Es ist ihm anzuhören, dass er diese Sätze schon oft sagen musste.

Adnan Maral wurde 1968 geboren in einem kleinen Dorf im Nordosten der Türkei. Auf der Wikipediaseite des Ortes ist er unter "Söhne und Töchter der Stadt" aufgeführt, zusammen mit einer Folklore-Sängerin und zwei Fußballspielern. Mit zwei Jahren kam er nach Deutschland, sein Vater war Gastarbeiter in einer Frankfurter Baufirma. In der Jugendgruppe des Schauspiel Frankfurt machte er seine ersten Schritte auf der Bühne, damals noch mit breitem hessischen Dialekt, wie ein Mitschnitt zeigt, den der Bayerische Rundfunk für ein Porträt über Maral ausgegraben hat. Über die Jahre dann hat er sich hochgearbeitet.

Dass er insgesamt zwölf Mal den Mehmet spielen musste - Mehmet den Gemüsehändler, den Taxifahrer, den Drogendealer -, sagt wohl weniger über ihn aus als über die Gesellschaft, in der er lebt.

Heute sagt Maral: "Das ist ärgerlich, aber ich ärgere mich nicht gerne. Ich mache es lieber anders." Vor vier Jahren hat der Schauspieler deshalb seine eigene Produktionsfirma gegründet. "Unsere Figuren sollen zeigen, dass wir Deutschsein nicht nur über blonde Haare und blaue Augen definieren", sagt Maral. In der Ecke seines Büros baumelt ein Lebkuchenherz, an der Wand hängen Konzeptpapiere für "Süperopa", das nächste Filmprojekt.

Dass er auch in seinen Filmen nach wie vor Männer mit türkischer Herkunft spielt, stört Maral nicht: "Ich habe nichts dagegen, einen Türken zu spielen. Ich habe etwas dagegen, den Klischee-Türken zu spielen, der keine eigene Geschichte hat." Der Schauspieler hat sich schon viele Gedanken zu diesem Thema gemacht: Er spricht von Migrationsvordergrund statt -hintergrund, von Akzeptanz statt Toleranz und eben von Crösskültür statt Culture Clash. Für ihn stehen Nationalitäten und Kulturen nicht in Konkurrenz oder Konfrontation zueinander. "Natürlich kann ich ein deutsches und ein türkisches Herz haben, und wenn Fußball-WM ist, habe ich mit drei Mannschaften höhere Gewinnchancen: die Türkei, Schweiz und Deutschland."

"Es geht darum zu sagen, dass ich mit meiner Geschichte ein Teil Deutschlands bin."

Maral ist mit einer Schweizerin verheiratet, die drei gemeinsamen Kinder lernen Deutsch, Schweizerdeutsch und Türkisch. Die Familie lebt am Ammersee. Seit Kurzem hat Maral neben dem türkischen auch einen Schweizer Pass. Einen deutschen hat er nicht. Darauf angesprochen, klatscht Maral wütend in die Hände: "Ich finde es schade, dass ich seit über 40 Jahren hier lebe, als Kulturschaffender arbeite, aber nicht gleichzeitig einen deutschen und einen türkischen Pass haben darf." Die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein Thema, das ihm am Herzen liegt. Immer wieder plädiert er auch öffentlich dafür.

Über seine Arbeit sagt Maral: "Es geht nicht um Migration. Es geht darum zu sagen, dass ich mit meiner Geschichte ein Teil Deutschlands bin." In den beiden 20.15-Uhr-Komödien, die Maral bisher für die ARD produziert hat, scheint er sich seine ganz eigene Rolle geschaffen zu haben, zugegebenermaßen auch nicht ganz frei von Klischees: Hier ist er der Spießer-Türke, der deutscheste aller Deutschen. Als Heizungsinstallateur Toni ist er stets überpünktlich auf der Baustelle, als Familienvater Kenan poliert er den Wasserhahn und reichert seine Blumenerde mit Bananenschalen an, damit die Rosen besser wachsen.

Es geht aber auch anders. Für Tele 5 hat Maral eine kleine Reihe gedreht, in der man den Gute-Laune-Schauspieler nochmal ganz neu kennenlernt: Yalla-Style - Die fättesten Crösscültür-Filme. Zusammen mit seiner 78-jährigen Mutter guckt er für dieses Format Filmklassiker an - von Kick it like Beckham bis Kebab Connection. Vor einer zum jeweiligen Film passenden Kulisse (bei Kick it like Beckham in einer Fußballhalle) philosophieren die beiden in einer Art deutsch-türkischer Fantasiesprache. Das Ganze ist wild zusammengeschnitten, immer sehr liebevoll und sehr echt. "Warst du in der Schule?", fragt der Sohn die Mutter in einer Folge. "Alles Männer Schule", antwortet die, und erzählt dann, wie sie als Kind mit Streichhölzern geschrieben hat, weil Stifte zu teuer waren.

Er selbst sei mit sehr viel Freiheit aufgewachsen, erzählt Maral. Seine Eltern hätten ihm nie etwas aufgezwungen, weder bei der Berufswahl noch im Umgang mit dem Islam. Er bezeichnet sich selbst als gläubig, aber nicht als religiös. "Ich esse kaum Schweinefleisch, kein Schnitzel. Das schmeckt mir einfach nicht. Aber Parmaschinken ist schon super lecker." Maral muss selbst ein bisschen lachen und schiebt hinterher: "Yalla-Style!"

Das ist auch so ein typischer Maral-Ausdruck. Ein Prinzip, das bei ihm nicht nur für die Erziehung, sondern auch fürs Filmedrehen gilt: Sich frei machen von Begrenzungen, Sachen ausprobieren und anders machen. Fragt man ihn danach, was bei all den Multikulti-Migrations-Fragen immer hinten runterfällt, antwortet Maral übrigens: "Ich könnte ja auch mal über Erziehung, mein Haus oder meinen Garten sprechen." Rasen mähen zum Beispiel mache ihm wahnsinnig Spaß. Oder Hecke schneiden. "Ich bin da nicht so penibel, das darf auch wild sein. Man muss nur gucken, dass alles gut wächst."

Vielleicht ist er wirklich ein bisschen spießig. Aber eben auch Yalla-Style.

Servus Schwiegersohn, Das Erste, Freitag, 20.15 Uhr.