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Satire über Missbrauch in der Kirche:18 Strafanzeigen gegen "Titanic"

Gotteslästerung vor Gericht: Ein Titelblatt der Satirezeitschrift spielt auf den Missbrauch in der Kirche an - und erregt die Gemüter.

Ron Steinke

Noch wächst beim Deutschen Presserat in Berlin der Stapel der Beschwerden über das aktuelle Titelbild der Satirezeitschrift Titanic, da hat der Streit um die auf dem Umschlag abgedruckte Karikatur bereits einen zweiten Anlaufpunkt erreicht: Bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main sind 18 Strafanzeigen gegen Titanic eingegangen, wie eine Sprecherin mitteilte. Ob daraus ein Strafverfahren wird, soll in der kommenden Woche entschieden werden.

Madonna, Foto: dpa

Madonna am Kreuz - bei ihrer

Confessions

-Welttournee.

(Foto: Foto: dpa)

Das April-Titelbild der Zeitschrift, eine Karikatur unter der Überschrift "Kirche heute", spielt auf die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche an: Der Hinterkopf eines Kirchenmannes befindet sich auf Höhe der Leistengegend eines heftig errötenden Jesus am Kreuz. "Nur ein sehr einfältiges Gemüt" könne dies anders deuten denn als Fellatio am Heiland, schrieb der CSU-Politiker Norbert Geis kürzlich in einem Zeitungsbeitrag, der für eine Bestrafung der Satiriker plädierte. Der Chefredakteur der Titanic, Leo Fischer, schlüpfte indessen bereitwillig in die von Geis umrissene Rolle. Man sei "erschrocken" über Versuche, die Karikatur sexuell zu interpretieren, ließ Fischer wissen.

Fellatio oder nicht? Um diese Frage wird die Frankfurter Staatsanwaltschaft, deren Umgang mit Satire seit langem als liberal gilt, nicht ganz herum kommen. Denn die Freiheit der Kunst gebietet es nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die Juristen stets die harmloseste aller denkbaren Interpretationen eines Kunstwerks zugrundelegen. Zugleich stellt sich in Frankfurt auch die Frage, ob der von Titanic geübten Kirchenkritik überhaupt bereits das scharfe Mittel des Strafrechts entgegengesetzt werden sollte.

Beurteilung von Moral

Juristisch steht der Vorwurf der "Beschimpfung von Bekenntnissen" im Raum. Zu Zeiten Kurt Tucholskys, der im Jahr 1928 wegen seines Gedichts "Gesang der englischen Chorknaben" angeklagt wurde, hieß der Paragraph noch "Gotteslästerung". Heute kommt er, in modernisierter Form, nur noch selten zur Anwendung. Nach der Vorschrift macht sich strafbar, wer "den Inhalt des religiösen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören".

Gegen das Fortbestehen der Strafvorschrift wachsen seit langem Bedenken. Wann Religionskritik den "öffentlichen Frieden" störe und wann sie vielmehr als freie Meinungsäußerung vor Angriffen zu schützen sei, das lasse sich mit einem Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit kaum bestimmen, argumentiert etwa die Berliner Rechtsprofessorin Tatjana Hörnle. Im Kern gehe es stets um eine Beurteilung von Moral und Gefühlen - "das Strafrecht sollte sich hier besser ganz enthalten". Auch der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Winfried Hassemer, lehnt einen besonderen strafrechtlichen Schutz von Religionen und Weltanschauungen ab.

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