bedeckt München 18°
vgwortpixel

Radio:Die Unzufriedenen

Die einen sind arbeitslos und haben zu viel Zeit, die anderen zu wenig, weil sie mehrere Jobs machen müssen: Ein Hörspiel erzählt von Leuten, die sich auf die Nerven gehen.

Im Januar ist es besonders schlimm. Denn dann ist es draußen so kalt, dass sich alle Menschen, die es zu Hause alleine nicht aushalten, in den öffentlich zugänglichen beheizten Innenräumen drängeln. In den Kaufhausrestaurants, in den Bibliotheken, in den Museen. Sie wissen nicht recht, was sie dort wollen und sollen. Und so wenig, wie sie die Einsamkeit ertragen, können sie andere Menschen leiden. Zumal, wenn die aufdringlich werden, also mitteilsam. Oder, schlimmer noch, belehrend, besserwisserisch.

In seinem Hörspiel Der Monat Januar lässt Karl-Heinz Bölling einen Menschen los in die Unwirtlichkeit einer wenig attraktiven Großstadt. Und egal, wohin er sich wendet: Die anderen, immer gleichen, sind ebenfalls da. Die Frau an der Kasse im Kaufhausrestaurant ist zugleich die Bibliothekarin, am Einlass des Museums sitzt sie ebenfalls. Und der Mann, mit dem sich die namenlose Hauptfigur am Getränkeautomaten in die Wolle kriegt, fällt ihm später immer aufs Neue lästig.

Bölling erzählt aus prekären Milieus, seine Figuren haben entweder entschieden zu viel Zeit (wenn sie keine Arbeit haben) oder gar keine (wenn sie arbeiten, also zwei, drei, vier Jobs erledigen). Ohne zu psychologisieren, erzählt Der Monat Januar jedoch vor allem in knapper Klarheit und mit einem starken Sog von Menschen unter Druck. Als menschliche Zeitbomben stromern sie durch den Alltag, immer in Gefahr, zu zerbersten. Böllings Hörspiel, von Heike Tauch subtil inszeniert, ist ein Stück über die verbreitete latente Aggression und Intoleranz, über eine grundsätzliche Unzufriedenheit.

Der Monat Januar, DLF Kultur, 21.30 Uhr.

© SZ vom 09.01.2019
Zur SZ-Startseite