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Porträt:Rushhour der Wahrheit

Dietrich Bruggemann Presents 'Stations of the Cross' in Madrid

Dietrich Brüggemann gehört zu den umtriebigsten deutschen Regisseuren. Krönung der Arbeit mit Schwester Anna war 2014 der Silberne Bär fürs Kreuzweg-Skript.

(Foto: Carlos Alvarez/Getty)

Filmemacher und Musikvideoregisseur Dietrich Brüggemann hat seinen ersten "Tatort" gedreht, ein Mädchen wurde totgefahren. Fast so wichtig wie die Frage nach dem Mörder ist Brüggemann, welche Musik darin zu hören ist.

Von David Denk

Musik ist die zweite große Leidenschaft im Leben von Dietrich Brüggemann. Neulich war er mit einer Freundin auf dem Balkan unterwegs, um mal wieder in Ruhe ein paar Songs zu schreiben - der Name ihres Duos: "Theodor Shitstorm". Eine Schnapsidee, sagt Brüggemann, aber "immerhin vereint es zwei meiner Lieblingsthemen: klassische Bildung und auf die Fresse." Der 41-Jährige spielt nach eigener Einschätzung "hinreichend gut Klavier und irrsinnig schlecht Gitarre" und wollte mal Filmmusik studieren, hat nicht geklappt, "was mir aber auch ganz recht war". Denn was wäre sonst aus seiner anderen großen Leidenschaft geworden, dem Filmemachen?

Manchmal profitiert die eine Leidenschaft von der anderen, etwa wenn Brüggemann, Absolvent des Regie-Studiengangs in Potsdam-Babelsberg, Musikvideos für Thees Uhlmann oder Kettcar dreht, oder wenn er die Protagonisten seines ersten Tatorts "Stau" anhand eines Songs charaktisiert, den sie im Auto hören: Metallica, Fatboy Slim, "Reality" aus dem Film La Boum, alles Hits in G-Dur.

Eine Spielerei, die zugleich mehr ist als das, die den Ton setzt für einen berührenden Tatort aus Stuttgart (Co-Autor: Daniel Bickermann), den Hauptdarsteller Richy Müller "einen der besten, die wir gemacht haben" genannt hat. "Stau" spielt im Feierabendverkehr: Ein Mädchen wurde totgefahren. Die Kommissare müssen den Täter überführen, bevor der Stau sich auflöst.

Der Tatort gilt, nicht immer, aber immer wieder, als experimentierfreudigstes Format der deutschen TV-Fiktion - und Brüggemann reiht sich ein in eine Riege jüngerer Filmemacher, die neben Kinoprojekten auch einen Sonntagabendkrimi gedreht haben: Axel Ranisch, David Wnendt, Christian Schwochow, Florian Schwarz, Anne Zohra Berrached, Robert Thalheim.

Brüggemann gehört zu den umtriebigsten deutschen Regisseuren und Drehbuchautoren, der mit Filmen wie Renn wenn du kannst und 3 Zimmer/Küche/Bad zunächst das Lebensgefühl seiner Generation ergründete, ehe er mit Kreuzweg und Heil religiösen, respektive politischen Fanatismus reflektierte. Bei fast allen bisherigen Projekten war seine jüngere Schwester Anna als Darstellerin und/oder Co-Autorin dabei - so auch bei Kreuzweg. Ihr Drehbuch wurde 2014 mit einem Silbernen Berlinale-Bären ausgezeichnet.

Nun also ein Tatort. Berührungsängste mit dem so populären Format sind Brüggemann und vielen Kollegen fremd. "Meine Generation ist mit dem Tatort aufgewachsen und ist entsprechend offen für Anfragen", sagt er. Immerhin werde man damit Teil einer "bundesdeutschen Erfolgsgeschichte". Diese Offenheit hat für ihn auch mit der Digitalisierung und Beschleunigung des Jobs zu tun: "Wenn es nicht mehr ewig dauert, einen Film zu drehen, dann kann man ja guten Gewissens zwischendurch mal einen Tatort machen."

Brüggemann hat schon zwei gedreht und erfahren, dass die Experimentierfreude in den Tatort-Redaktionen ungleich verteilt ist: Der zweite Film wurde erst gekippt und hat dann beim HR Asyl gefunden. "Murot und das Murmeltier" soll im Herbst 2018 laufen. "Es gibt so viele Krimis, in denen immer das Gleiche passiert", skizziert er die Idee. "Warum dann nicht mal ein Krimi, in dem immer dasselbe passiert?"

Für einen Tatort angefragt zu werden, sagt Brüggemann, sei "eine Ehre, ein Ritterschlag irgendwie". Dabei ist er kein großer Krimifan, guckt nur zu, wenn Freunde einen gedreht haben. Das Panoptikum seiner Figuren, all diese sich kurz überschneidenden Leben, ist ihm wichtiger: "Whodunit-Spannung hinterlässt bei mir immer einen schalen Nachgeschmack, dieses Mitfiebern, und am Ende war's halt irgendjemand." Brüggemann lädt den Zuschauer zur Identifikation ein mit den Wünschen und Nöten der Figuren: "Das platonische Ideal des Tatorts ist ja, bundesdeutsche Realität im Hier und Jetzt zu verhandeln."

Bedeutet ihm der Tatort genauso viel wie seine eigenen Projekte? "Meine Qualitätsansprüche sind identisch mit denen an einen Kinofilm", sagt Brüggemann, anders gehe das gar nicht, und trotzdem bleibe es ein Tatort, eine Auftragsarbeit und damit eine gewisse Distanz: "Man bespielt ein Spielfeld, das man nicht selbst gemalt hat."

Sein dritter Tatort, wieder Stuttgart, ist schon in Planung. Keine Zeit verlieren - oder: bloß nicht noch mehr. "Ich bin jetzt 41 und habe nur ein Zehntel von dem geschafft, was ich vorhatte", sagt er. Und zitiert Schnitzler: "Als Künstlernatur bezeichnen wir im Allgemeinen die Summe von Eigenschaften, die den Künstler am Produzieren behindert." Wenn das so ist, gibt Dietrich Brüggemann sich größte Mühe, seine Künstlernatur kleinzuhalten.

© SZ vom 08.09.2017
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