Politifact:"So gelogen, dass die Hose brennt"

Aaron Sharockman

Aaron Sharockman, 36, ist Geschäftsführer von Politifact. Er arbeitet seit 2003 für die Tampa Bay Times, unter deren Dach die Factchecking-Seite vor zehn Jahren entstand. 2009 wurde Politifact mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

(Foto: PolitiFact)

Aaron Sharockman ist der Geschäftsführer von Politifact, der wichtigsten Factchecking-Webseite der USA. Seit Donald Trump im Amt ist, hat sein Team viel zu tun.

Interview von Jannis Brühl

Gerade erst hat Aaron Sharockman mit seinem Team die "Lüge des Jahres" gekürt: Die Redaktion von Politifact, der wichtigsten Factchecking-Webseite der USA, entschied sich für eine Behauptung Donald Trumps: Die Einmischung Russlands in den US-Wahlkampf sei erfunden. Sharockman ist Geschäftsführer der Seite und hat unter Trump noch mehr zu tun als vorher.

SZ: Herr Sharockman, nach mittlerweile sieben Jahren bei Politifact: Was ist Ihre Lieblingslüge?

Aaron Sharockman: Es gibt mehrere, etwa eine von Ben Carson (Republikaner, der 2016 Präsidentschaftskandidat war und nun Wohnungsbauminister ist; Anm d. Red.). Er behauptete, Ali Chamenei, Mahmud Abbas und Wladimir Putin hätten 1968 alle dieselbe Uni in der Sowjetunion besucht. Wir fragten Carsons Wahlkampfteam: "Woher habt ihr das?" Die sagten: "Googelt es." Das taten wir, recherchierten, aber fanden nichts. Wir vergaben unsere schlechteste Wertung: "Pants on Fire" - so gelogen, dass die Hose brennt. Daraufhin kamen Carsons Leute wieder zu uns und sagten: "Wir haben die Information von der CIA." Sie änderten ihre Story einfach!

Gibt es unter Trump wirklich einen Paradigmenwechsel? Politische Lügen gab es schon immer, wie die über irakische Massenvernichtungswaffen.

Ja, aber die Schamlosigkeit, mit der man bei der Lüge bleibt, selbst nachdem man mit den Fakten konfrontiert worden ist, beunruhigt. Wenn über eine Grenzmauer zu Mexiko geredet wird, sind die Fakten folgende: Seit mehreren Jahren verlassen mehr Menschen die USA Richtung Mexiko als andersrum. Es gibt Probleme, aber alles, was Trump sagt, soll den Eindruck erwecken, die Lage an der Grenze sei schrecklich. Politiker überall haben seinen Erfolg beobachtet und versuchen, ihn in Teilen zu wiederholen. Sie sagen: "Du verkaufst keine Fakten, sondern eine Botschaft."

Sie selbst arbeiten als eines von fünf US-Factchecking-Teams mit Facebook zusammen und vergeben das Label "umstritten" für unseriöse Beiträge.

Viele standen unserer Kooperation mit Facebook skeptisch gegenüber, aber ich glaube, wir haben Fortschritte gemacht. Wir haben Inhalte hinter mehr als 2000 Links auf Facebook als falsch entlarvt. Aber wir prüfen nur einen kleinen Teil der Behauptungen, die Menschen als möglicherweise "fake" melden.

Tut Facebook genug?

Wir alle sollten härter daran arbeiten, wahre Informationen zu verbreiten. Wenn wir derzeit eine erfundene Story widerlegen, bekommt sie ein "Disputed"-Label unter dem Link. Umgekehrt sollten wir für korrekte Artikel und zuverlässige Nachrichtenseiten ein "Verifiziert"-Label einführen. Da würde ich gern mehr von Facebook sehen.

Was müssen die Medien selbst tun?

Wir müssen transparenter in unseren Artikeln werden, Quellen angeben, wann und wo immer es möglich ist. Links auf Primärquellen setzen, damit Leser online alles nachvollziehen können. Und wir müssen transparent machen, wer uns finanziert.

© SZ vom 18.12.2017
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