Ortstermin Ende der Tonspur

Die Deutschen synchronisieren gern, so entstand in Berlin-Lankwitz nach dem Krieg ein ganzer Industriezweig.

(Foto: Berliner Synchron GmbH)

Abschied von einem Stück Filmgeschichte: Die Berliner Synchron zieht um, in wenigen Tagen steht den alten Studios der Abriss bevor. Der Betrieb geht weiter, aber alles wird anders.

Von Marc Hairapetian

Es gab Zeiten, da kamen echte Weltstars zum Arbeiten in den Berliner Stadtteil Lankwitz. Bei der Berliner Synchron GmbH Wenzel Lüdecke in der gestern wie heute sonst eher schlafmützigen Gegend sprachen sie die deutschen Fassungen ihrer englischsprachigen Filme selbst ein: 1964 stand die 25-jährige Romy Schneider für die Hollywood-Komödie Leih mir deinen Mann im Studio zusammen mit Georg Thomalla, dem Synchronsprecher von Jack Lemmon. Ein Jahr später nahm Oskar Werner die deutsche Tonspur für seine Rolle als DDR-Abwehrchef in dem beklemmend realistischen Anti-James-Bond-Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam auf. Dabei hatte das eigensinnige Wiener Schauspieler-Genie mit dem unverkennbar nuancenreich-melodischen Timbre zuvor Deutschland und vor allem die Berliner Synchron drei lange Jahre gemieden, weil man bei der Vertonung von François Truffauts Meisterwerk Jules und Jim aus Kostengründen den Berliner Sprecher Michael Chevalier ihm vorzog. Die Dialogregie führte bei beiden Filmen der bekannte Synchronregisseur Klaus von Wahl. Beim Spion, der aus der Kälte kam söhnte sich Oskar Werner mit ihm aus. Happy End in Lankwitz.

Zuletzt vertonten Schauspieler in den historischen Studios auch eine Menge Fernsehserien

Bis heute schwärmen Synchronsprecher von der guten Atmosphäre in den Ateliers. Natürlich wurde in der Ära von Oskar Werner und Romy Schneider auch noch nicht "ge-x-t", also mit separaten Stimm-Aufnahmen gearbeitet, die dann kombiniert werden, - sondern die Schauspieler sprachen die übersetzten Dialoge gemeinsam ein.

Es sind die letzten Tage des Gebäudes, das einen fast romantischen Charme ausstrahlt, der an Edgar-Wallace-Filme erinnert. Natürlich gibt es auch einen schicken Neubau auf dem Gelände, die Ateliers aber befinden sich in einem labyrinthischen Keller. Als Besucher spürt man, dass man sich an einem legendären Ort des Nachkriegsfilms befindet - der dabei außerdem unglaublich gemütlich ist. Oder besser gesagt war. In der kommenden Woche zieht der Betrieb um, anschließend werden die historischen Studios abgerissen, damit endet auch ein Stück Filmgeschichte. Die Berliner Synchron zieht auf einen modernen Campus nahe dem Gasometer in Schöneberg.

Ende Februar, eine der letzten Aufnahmen in Lankwitz: Der Schauspieler Raúl Richter (Gute Zeiten, schlechte Zeiten) spricht gerade eine Rolle für die Neuverfilmung der Sklaven-Miniserie Roots ein. Er steht nicht mit Kollegen im Dunkeln vor einer großen Filmleinwand, sondern blickt in einem hellen Raum allein auf einen kleinen Flatscreen. Die deutsche Fassung der Fernsehserie soll Ostern im Pay-Sender History ausgestrahlt werden. Mehr als fünfzig Jahre nach Leih mir deinen Mann vertonen Schauspieler bei der Berliner Synchron nicht mehr nur Kinofilme, sondern auch eine Menge Fernsehserien wie Death in Paradise, Kommissar Wallander, Supernatural oder Falling Water für Amazon Prime.

Richter ist trotz seiner erst 30 Jahre schon lange im Geschäft: Mit seinem Bruder Ricardo synchronisierte er als Schüler schon Ende der 1990er Jahre Disney-Filme. Sie mussten damals öfter eine Rüge vom Synchronregisseur über sich ergehen lassen, "weil wir soviel Quatsch machten". In Roots spricht er den Sklaven, genannt Chicken George, der für seinen "Master" das Federvieh für Hahnenkämpfe trainiert. Zuerst synchronisiert er den britisch-simbabwischen Schauspieler Regé-Jean Page überdreht, hampelt viel herum. Als ihn der Dialogregisseur Frank Preissler ermuntert, einfach er selbst zu sein, passt seine Stimme plötzlich sehr gut zu Chicken George.

Seine Takes werden später mit den Aufnahmen der anderen Sprecher zusammengeschnitten. Das ist leichter als die frühere Methode, alle Schauspieler gleichzeitig ins Studio einzuladen - und natürlich auch billiger. Allerdings macht das viele Synchronisationen auch austauschbarer, weil ein echtes "Miteinander-Sprechen" wegfällt.

Die Berliner Synchron GmbH (kurz BSG) ist eines der ältesten und größten deutschen Synchronunternehmen: Seit der Gründung am 14. Oktober 1949 durch Wenzel Lüdecke - der mit seiner Filmproduktion Inter West Film auch eigene, moderne Teenagerdramen 1956 wie Die Halbstarken herstellte - entstanden hier insgesamt an die 8000 Sprachfassungen, mehr als 3000 Synchronschauspieler, Autoren und Regisseure waren beschäftigt. Eine eigene Industrie im Filmgeschäft.

Neben der ebenfalls in Berlin ansässigen Interopa Film und der aus München stammenden Film- und Fernsehsynchron GmbH FFS gehören die Studios nach wie vor zu den festen Größen innerhalb eines Metiers, das in den vergangenen Jahren von Billiganbietern überschwemmt wurde. Der Konkurrenzkampf ist hart: "Der heute allgemein herrschende Zeitdruck lässt kreative Entscheidungen schwieriger werden", sagt Tobias Jahn, seit einem Jahr Aufnahmeleiter bei der Berliner Synchron. Zudem seien die Budgets geringer, dennoch komme man dank der routinierten Mitarbeiter meist auf ein hörenswertes Resultat.

Die Liebe zur Synchronisation ist eine Besonderheit, die nicht in allen Ländern so wie in Deutschland gepflegt wird. Etwa in Skandinavien werden fremdsprachige Filme meist einfach untertitelt.

Herzulande erhalten etablierte Synchronsprecher laut Thomas Bräutigams Standardwerk Stars und ihre deutschen Stimmen - Lexikon der Synchronsprecher meist eine Grundgage von 60 Euro, dazu kommen zwischen drei und 3,50 Euro pro Take. Synchron-Größen wie Christian Brückner - unter anderem die deutsche Stimme für Robert de Niro - handeln hingegen individuelle Pauschalen aus. Erfolgreich kann in diesem Geschäft auf jeden Fall nur sein, wer auch auf Masse setzt. So inszenierte jemand wie Klaus von Wahl einst eben auch die von ihm selbst übersetzten Dialogbücher der amerikanischen Seifenoper Dallas für die Interopa.

Bei allen Meriten haben die Branchenriesen zu kämpfen. Das Grundstück in Lankwitz hat die Berliner Synchron bereits 2015 verkauft. Über die Mutterfirma Cinemedia AG musste im vergangenen Juli das Insolvenzverfahren eröffnet werden, die Berliner Synchron GmbH war als Tochter der AG davon allerdings nicht betroffen. Im August 2016 erwarb dann die Münchner S&L Medien Gruppe die traditionsreiche deutsche Synchron-GmbH. Der Umzug weg von Lankwitz soll nun, wie S&L mitteilt, die "umfassende Digitalisierung der Arbeitsabläufe" bringen und die Qualitätsstandards erhöhen. Vielleicht sieht man die Stars dann eben statt in Lankwitz in Schöneberg.