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Neuer Moderator:Erlauben Sie mal!

Claus Strunz

Claus Strunz, 50, ist Journalist und Moderator. Der Ex-Chef von BamS und Hamburger Abendblatt talkte im Grünen Salon, bei Was erlauben Strunz!? und Eins gegen Eins.

(Foto: Karlheinz Schindler/dpa)

Nach 22 Jahren übernimmt Claus Strunz das Sat 1-Magazin "Akte". Auf Vorgänger Ulrich Meyer lässt er so wenig kommen wie auf "guten" Populismus.

Von David Denk

Auf das Netzwerk ist Verlass. An diesem Dienstag führt Claus Strunz zum ersten Mal durch die Sat-1 -Sendung Akte, und zwei Tage zuvor spendierte die Welt am Sonntag dem neuen Moderator des zumindest laut Vorspann "legendären Investigativmagazins" eine Seite, auf der sich der 50-Jährige an 17 ihn prägende TV-Momente erinnern durfte: Monaco Franze, der Pokalsieg des 1. FC Nürnberg 2007, House of Cards, der 11. September, so etwas. Strunz schickt unaufgefordert ein Handyfoto des Artikels: "Falls Sie mich vorm Schreiben noch ein bisschen besser kennenlernen wollen ... :-)."

Strunz ist eigentlich ein alter Bekannter in der Branche, den man nur ein wenig aus den Augen verloren hat, seit der ehemalige Bild am Sonntag-Chef als Programmgeschäftsführer der Springer-Tochter MAZ & More das Sat1-Frühstücksfernsehen verantwortet - Marktführer am Morgen, aber an der Peripherie der Aufmerksamkeit. Die Akte, beachtliche 22 Jahre von Ulrich Meyer moderiert, ist für Claus Strunz die Chance, sich in Erinnerung zu rufen. Vieles spricht dafür, dass er sie nutzen wird.

Cross-Promotion wie der WamS-Text spielt auch sonst eine große Rolle in Strunz' Welt. Im Frühstücksfernsehen werden ausgiebig andere Formate des Hauses beworben. Anders wären viereinhalb Stunden Programm an fünf Tagen pro Woche wohl kaum zu füllen. Dies fügt sich ein in einen boulevardigen Themenmix, der beim Besuch im Berliner Studio am vergangenen Freitag neben einem politischen Kommentar von Strunz unter anderem einen "Sauna-Knigge" bereithält und einen Talk zur Frage, was eine Tasse über den Besitzer aussagt. Strunz sagt, man dürfe diese eine Sendung "nicht zum Role Model für alle machen", Themenwochen zu Flüchtlingen und sozialer Gerechtigkeit seien geplant.

Auf seine politischen Kommentare, dargeboten in der Sendung sowie als komprimierte Facebook-Version, ist Strunz besonders stolz, sind sie doch etwa alle zwei Wochen, "immer wenn mich ein Thema so bewegt, dass ich dazu laut meine Meinung sagen möchte", ein journalistisches Lebenszeichen. "Meine Bild am Sonntag-Kommentare haben weniger Resonanz ausgelöst, als es nun - messbar - bei meinen Facebook-Kommentaren der Fall ist", sagt er und macht gleich die Rolle rückwärts: Die Masse an sich bedeute ihm nichts, "es geht mir darum, eine Debatte anzustoßen." Der Kommentar selbst sei nicht mehr als ein Startschuss.

An besagtem Freitag nimmt sich Strunz in seiner Eigenschaft als Sigmund Gottlieb des Frühstücksfernsehens die Pannen im Fall Anis Amri vor. Seine Kritik an Politik und Behörden verrührt er mit der Behauptung, Frauen würden sich nicht mehr auf die Straße trauen und Kritiker der Willkommenskultur würden "verbal niedergekeult". "Die Angst, bloß keinem einzigen Terrorverdächtigen oder Frauenbegrapscher Unrecht zu tun, schafft vielen anderen den Freiraum, ihre perversen Taten zu begehen", sagt Strunz. Und: "Deutschland, das Land der Wirklichkeitsverweigerer." Auf seiner Facebook-Seite schreibt einer: "Weiter so, Claus, bist das Sprachrohr der kleinen Leute." 6,6 Millionen Mal wurde das Facebook-Video bis Redaktionsschluss aufgerufen.

Mit Populismus hat Claus Strunz erkennbar keine Berührungsängste: "Ich habe eine Allergie dagegen, gewisse Dinge nicht auszusprechen, nur weil dann die falschen Kreise jubeln könnten." Er unterscheide zwischen gutem und schlechtem Populismus, "und ich bin ein Fan von gutem". Worin besteht der Unterschied? "Schlechter Populismus beruht auf Unwahrheiten, Lügen. Guter Populismus spricht - auch unangenehme - Wahrheiten deutlich, populär aus."

Einer von Strunz' 17 TV-Momenten aus der Welt am Sonntag ist Ulrich Meyers Akte-Vorläufer Einspruch, den Strunz, vermutlich weltexklusiv, als "Erweckungserlebnis" bezeichnet: "Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich einmal Nachfolger dieses sehr schlagfertigen, klugen, streitlustigen Mannes aus dem Fernsehen werde - ich hätte ihn für verrückt erklärt."

Strunz tut gut daran, den Vorgänger auf ein Podest zu heben, auch für den Fall, dass das Publikum ihn nicht annehmen sollte: "Ulrich Meyer ist die Akte, entsprechend groß sind die Fußstapfen." Er sehe sich als Diener des Formats, sagt Strunz: "Mir geht es bei der Akte nicht vorrangig darum, als Claus Strunz eine gute Figur zu machen; mir geht es darum, das einzige journalistische Format im Abendprogramm von Sat 1, das man mir anvertraut, nach vorne zu bringen."

Die berühmteste Geschichte ist inzwischen einige Jahre her: "Das letzte Mal, dass ganz Deutschland über die Akte geredet hat, war der Koksfund im Reichstag", erinnert Strunz an den Investigativ-Scoop aus dem Jahr 2000, als per Wischprobe Kokainspuren auf Bundestagstoiletten nachgewiesen wurden. In Strunz' erster Sendung soll die Sicherheitslage in Deutschland Thema sein - die wöchentliche Akte soll aktueller werden, relevanter. Und verlässlich bleiben: "Wir sind faktische News-Verbreiter und nicht postfaktische Fake-News-Verbreiter. In einer Zeit von Geblubber, Halbwahrheiten und Getwittere ist die Akte mit ihrem journalistischen Profil aktueller und wichtiger denn je."

Ein ehrenwerter Anspruch; jetzt muss Claus Strunz ihn nur noch gegen seine eigenen gefühlten Wahrheiten verteidigen.

Akte 2017, Sat 1, 22.15 Uhr.

© SZ vom 10.01.2017
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