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Neue Bühne:Drachen fürs Volk

Ob Wulff, Kohl oder Zweiter Weltkrieg - vor Fernsehproduzent Nico Hofmann ist kein historischer Stoff sicher. Als Festspielintendant in Worms wagt er sich jetzt an einen deutschen Mythos.

Von David Denk

Nico Hofmann ist ein Meister des polnischen Abgangs. Womöglich hat er ihn sogar erfunden, so formvollendet beherrscht er das grußlose Davonstehlen. Es ist 21 Uhr am vergangenen Donnerstag, als Hofmann, gerade noch im angeregten Plausch mit diesem und jener, plötzlich verschwunden ist, mit der Bahn ins Hotel nach Mainz - ein bisschen Abstand nach dem Nahkampf eines langen Beziehungsarbeitstages. Wer Hofmann nicht kennt, könnte das als unhöflich empfinden. Hier, auf der Dachterrasse des Wormser Kultur- und Tagungszentrums, käme niemand auf die Idee, das gegen ihn auszulegen. Man ist so froh, dass er überhaupt da ist, dass man es auch verschmerzen kann, wenn er ein bisschen früher geht.

Seit dieser Spielzeit ist Hofmann Intendant der Wormser Nibelungenfestspiele - ein Job, zu dessen wichtigeren Qualifikationen Medienprominenz gehört: Sein Vorgänger Dieter Wedel ist Fernsehregisseur, Hofmann selbst Fernsehproduzent, der wohl bekannteste des Landes. Das Kalkül ist klar: Mit dem Intendant kauft das Festival auch dessen Verbindungen, holt die große Welt in die idyllische Stadt am Rhein. Das diesjährige Stück Gemetzel schrieb der Dramatiker Albert Ostermaier, Regie führt Thomas Schadt, der für Hofmann schon Der Rücktritt inszenierte und Der Mann aus der Pfalz. Wulff, Kohl und nun Siegfried - es gibt offenbar keinen deutschen Stoff, der vor dem Gespann Hofmann/Schadt sicher ist.

Mit dem Altkanzler aus Oggersheim ist Hofmann gut bekannt. Als Sohn zweier Journalisten - der Vater war Bonner Parlamentskorrespondent der Rheinpfalz und Kohl-Biograf, er selbst hat beim Mannheimer Morgen volontiert - ist er in der Rhein-Neckar-Region ähnlich gut vernetzt wie in Berlin. Auf Hofmanns überregionale Strahlkraft vertraut die Wormser Kommunalpolitik. Für Oberbürgermeister Michael Kissel, der "Kultur als Motor der Stadtentwicklung" begreift, ist es nicht weniger als "ein neues Kapitel, vielleicht sogar ein neues Buch, das mit Nico Hofmann aufgeschlagen wird", sagt er bei der "Kuratoriums-Gala" der Nibelungenfestspiele. Und was ist es für Nico Hofmann?

Nico Hofmann

Wormser Held Nummer eins: Fernsehproduzent und Festspielintendant Nico Hofmann.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Worms erinnere ihn an Mannheim, wo er aufgewachsen ist, erklärt Hofmann, eine vom Strukturwandel ähnlich gebeutelte Stadt. Sein Engagement sei "ein lokalpatriotischer Akt": "Ab einem gewissen Alter hast du den Wunsch, etwas an die Region zurückzugeben, wo du herkommst." Der gebürtige Heidelberger Hofmann hat es weit gebracht: Die von seiner Firma Ufa Fiction produzierte Serie Deutschland 83, ab Herbst bei RTL, läuft bereits im US-Pay-TV, begleitet von viel Kritikerlob. Seinen Stolz darauf kann und will der in Deutschland für seine Historiendramen wie Unsere Mütter, unsere Väter bisweilen Gescholtene nicht verbergen. In Worms kritisiert ihn niemand, hier wird er wie ein verlorener Sohn aufgenommen.

Kürzlich hat Hofmann Deutschland 83 in New York vorgestellt. Er ist ständig unterwegs, und vielleicht gerade deshalb so interessiert daran, seine Wurzeln zu pflegen. Dass er den heimischen Dialekt nie abgelegt hat, ist der augenfälligste Ausdruck für diese Verbundenheit. Aber auch sein Engagement an der Ludwigsburger Filmhochschule, die Autoren, Regisseure und Produzenten ausbildet, welche Hofmann anschließend für seine Firma rekrutiert.

Ein Altruist ist Hofmann sicher nicht, auch im Zusammenhang mit den Nibelungen-Festspielen ist von "Eigennutz" die Rede. So denke er etwa mit Autor Ostermaier über eine filmische Umsetzung des Nibelungen-Stoffes nach. Hofmann lebt mit einer Intensität und Unbedingtheit für seine Projekte, die Leute befremdet, die Wert darauf legen, ein Privatleben zu haben. "Manisch? Maybe! Aber die Abwechslung hält mich bei Laune", sagt er, aber auch: "Ich überlege mir schon gut, was ich mit meiner Lebenszeit anfange." Dabei kommt der 55-Jährige jedoch zu völlig anderen Schlüssen als die meisten Menschen.

Hofmanns Ehrgeiz kennt keinen Feierabend. Worms begreift er als "Abenteuer", schließlich sei so ein Festival neu für ihn. "Ich bin bei diesem Projekt viel verwundbarer als bei meinen Filmen." Aber gerade darin liege ja der Reiz. Eine Haltung, die ihn mit Regisseur Thomas Schadt verbindet: "Immer nur Sachen zu machen, die man schon kann, empfinde ich als langweilig", sagt Schadt beim Abendessen auf der Dachterrasse. Er trägt noch die kurzen Hosen vom langen Probentag mit den Schauspielern. Dass bekannte Gesichter wie Alina Levshin, Catrin Striebeck, Judith Rosmair und Markus Boysen den Weg nach Worms gefunden haben - im Rahmenprogramm kommen sogar Hannelore Elsner, Feridun Zaimoglu und PeterLicht - ist Nico Hofmanns Überredungskunst zuverdanken und ein Kapital des Festivals.

Paul Richter als Siegfried in dem Film "Siegfrieds Tod", 1924

Wormser Held Nummer zwei: Paul Richter als Siegfried in Fritz Langs Verfilmung Siegfrieds Tod aus dem Jahr 1924.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Ob der Theaterabend allerdings auch gut werde, so Hofmann, wisse er erst bei den Durchlaufproben. Für die Woche vor der Premiere am 31. Juli hat er Urlaub genommen - um zu arbeiten. Dann wird er in den Proben sitzen, wie sonst im Schneideraum, und nicht an Kommentaren und Ratschlägen sparen. Hofmann legt Wert darauf, dass das Leitungsteam gleichberechtigt arbeitet, "aber ich erwarte schon eine gemeinsame Auseinandersetzung über die Gesamtinszenierung". Und wenn ihm etwas nicht gefällt? "Ich habe keine Scheu, einzugreifen, wenn ich das Gefühl haben sollte, dass 1300 Zuschauer sich langweilen könnten." Hofmanns Ansatz ist - im Fernsehen wie im Theater - das Gegenteil von elitär: "Mir schwebt eine Inszenierung der Nibelungen-Saga vor, die jeder versteht, die ein möglichst breites, aber auch theateraffines Publikum anspricht."

Nico Hofmann hat einen Drei-Jahres-Vertrag in Worms und nach eigenem Bekunden "noch keine abschließende Meinung, ob ich ihn verlängere oder nicht, aber im Moment schlägt mein Herz für Worms". Seine Ideen und Pläne reichen aber jetzt schon für mindestens fünf Festival-Saisons. Der Konkurrenz immer drei Schritte voraus zu sein, zeichnet ihn auch als Fernsehproduzenten aus. Hofmann, der beim Deutschland 83-Trip nach New York auch noch Zeit fand, sich Broadway-Shows anzugucken, hätte mal Lust auf ein Musical. Bei den Nibelungenfestspielen wird das frühestens im übernächsten Jahr klappen - in der kommenden Saison inszeniert der junge Regisseur Nuran David Calis ein weiteres Ostermaier-Stück.

"Der Spagat zwischen New York und Worms ist groß, Nico", sagt der Bild-Reporter beim Smalltalk in Worms. "Eigentlich nicht", erwidert Hofmann.

© SZ vom 07.07.2015
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