"Mother Jones" Mutter Courage

Das preisgekrönte US-Magazin kann seit Jahren seine Redaktion ausbauen. Das liegt auch am Präsidenten, an der Chefredakteurin aus Deutschland und den speziellen Geschichten.

Von Walter Niederberger

Am 31. Oktober 2016, eine Woche vor den US-Wahlen, wartete das Magazin Mother Jones mit einer brisanten Enthüllung auf: Seit mindestens fünf Jahren pflege Russland enge Beziehungen zu Donald Trump, habe ihm belastendes Material über Hillary Clinton zugespielt und verfolge generell das Ziel, den demokratischen Prozess in den USA zu unterwandern. Obwohl die Zeit nicht reichte, all das abschließend mithilfe weiterer Quellen und Beweise zu erhärten, entschieden sich die Chefredakteurinnen des US-Magazins zur Publikation der Schlussfolgerungen des früheren britischen Agenten Christopher Steele. Übermütig? Wagemutig? Andere US-Medien wussten seit Wochen vom Steele-Dossier und den Verdachtsmomenten für eine Kollusion zwischen Trump und Moskau. Aber sie schwiegen, womöglich ein wahlentscheidendes Schweigen.

Die riskant frühen Enthüllungen von Mother Jones ließ die New York Times noch am gleichen Tag ins Leere laufen, indem sie vermeldete, die FBI sehe keine direkten Beziehungen zwischen Trump und Russland. Vorschnell, wie sich später herausstellen sollte. Anfang 2017, als Trump bereits gewählt war, machte Konkurrent Buzzfeed das gesamte Dossier öffentlich, die Geschichte erregte weltweit Aufsehen.

Heute sagt Monika Bäuerlein, eine der zwei Chefredakteurinnen von Mother Jones über die riskante Veröffentlichung damals: "Die Wähler hatten das Recht zu wissen, dass das FBI die Russland-Papiere ernst nimmt und sie untersucht. Deshalb haben wir berichtet, obwohl wir den Inhalt vorher nicht restlos überprüfen konnten."

Ein Rückschlag für die Blattmacherinnen Monika Bäuerlein und Clara Jeffery, aber einer, der viel über das Magazin Mother Jones erzählt. Und schon gar kein Grund nachzulassen, im Gegenteil: Die Trump-Wahl verhieß für Mother Jones zusätzliches Geschäft: in den vergangenen zwei Jahren legte die Reichweite des von der Foundation for National Progress in San Francisco herausgegebenen Magazins deutlich zu, es wurden mehr Journalisten eingestellt, das Angebot vor allem im Digitalbereich stark erweitert. Neben dem Trump-Effekt, der auch anderen Zeitschriften und Zeitungen Zuwächse in Zeiten einer turbulenten Präsidentschaft beschafft hat, ist dafür ist auch Monika Bäuerlein verantwortlich, die 54 Jahre alte Deutsche, die das linksliberale Magazin leitet.

„Möchten Sie Trump einen Tritt verpassen?“: Mother Jones druckt knallige Titel – seit 1976. Collage: Mother Jones/SZ

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Sie wuchs in München auf, ihre Jugend verbrachte sie in Rom, wo ihr Vater, Heinz Bäuerlein, als Korrespondent für den Bayrischen Rundfunk und das Erste Deutsche Fernsehen arbeitete. Nach einer ersten Zeit als freie Journalistin ging sie mit einem Stipendium in die USA und schrieb in Minnesota für eine Studentenzeitung. Diese Zeit habe sie nicht mehr losgelassen, sagt sie heute. Vor 15 Jahren stieß sie in San Francisco zu Mother Jones und arbeitete dort als investigative Reporterin.

Der europäische Hintergrund helfe ihr heute, Trumps Präsidentschaft einzuordnen, sagt sie. "Die Rahmenbedingungen hier sind anders als im Nationalsozialismus in Deutschland und Faschismus in Italien. Die zivile Gesellschaft ist stärker. Wir haben das gesehen, als die Wahl von Trump viel demokratische Energie freigesetzt hat, unter anderem bei den Märschen der Frauen." Absolut resistent sei aber auch die US-Demokratie nicht. Sie glaubt, eine Amtszeit Donald Trump könne das System verkraften, doch mit einer zweiten sei das nicht mehr so sicher.

Sie sagt, in der Redaktion versuche man, sich aus dem täglichen Twitter-Sturm um den US-Präsidenten herauszuhalten. "Wir berichten lieber gezielt über konstruktive, engagierte Bürgerbewegungen. Wir wollen den demokratischen Aufbruch fördern und stellen Trump in einem breiteren, über die Politik hinausreichenden Umfeld des Machtmissbrauchs dar."

Das digitale Angebot lesen vier Mal mehr Leser als noch vor fünf Jahren. Und die sind spendabel

Das alle zwei Monate erscheinende Magazin, das sie seit 2015 leitet, ist nach der irisch-amerikanischen Gewerkschafterin Mary Harris Jones benannt, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit Vehemenz gegen Kinderarbeit gekämpft hat. Widerstand hat das Magazin bis heute in der DNA, die Schlagzeilen und Titelseiten provozieren gern (im September 2017 etwa titelten die Macher: "Möchten Sie Trump einen Tritt verpassen? Die Gute Nachricht: Texas könnte. Die schlechte: dasselbe").

"Die Leser, die es sich leisten können, sind sowieso gerne bereit, uns zu finanzieren": Monika Bäuerlein, geboren in München, leitet Mother Jones seit 2015.

(Foto: Walter Niederberger)

Als Monika Bäuerlein vor 15 Jahren bei Mother Jones zu arbeiten begann, bestand die Redaktion gerade mal aus sechs Journalisten. Heute beschäftigt das Magazin in San Francisco und Washington knapp 60 festangestellte Journalisten und verfügt über ein Jahresbudget von mehr als 17 Millionen Dollar. Das sind fast fünf Millionen Dollar mehr als vor drei Jahren. Die verkaufte Auflage liegt nach eigenen Angaben bei 233 000 Exemplaren, zwischen sechs und acht Millionen Menschen lesen jeden Monat die digitalen Angebote, viermal mehr als noch vor fünf Jahren.

Und dann ist da die publizistische Leistung. Mother Jones war 31 Mal im Finale für die Auszeichnung als "Magazins des Jahres" und gewann 2017 den begehrten Preis als bestes Magazin. Den "National Magazine Award", einen der bedeutendsten Branchenpreise der USA, hat das Magazin sechs Mal gewonnen. Vor allem für Reportagen, die aufs Ganze gehen.

Zum Beispiel war es die Redaktion von Mother Jones, die in einer 350 000 Dollar teuren Reportage die Missstände des privatisierten Strafvollzuges in den USA aufdeckte und den damaligen Präsidenten Barack Obama dazu bewog, die Verträge der Regierung mit den privaten Haftanstalten aufzulösen (- Trump hat die Entscheidung inzwischen rückgängig gemacht). Es war auch die Redaktion von Mother Jones, die 2012 einen Videomitschnitt vom früheren Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, publizierte, wie er sich vor seinen Geldgebern verächtlich über Obama-Wähler äußerte, das ihn womöglich einige Wahlchancen gekostet hat.

Leserinnen und Leser nennen das Magazin liebevoll MoJo und zeichnen sich laut Bäuerlein durch Treue und Großzügigkeit aus. Das Magazin finanziere sich zu 68 Prozent durch Spenden und Abonnements, nur 13 Prozent der Mittel kommen aus der Werbung, weshalb die sinkenden Einnahmen in diesem Bereich das Magazin nicht beschädigten, sagt Bäuerlein.

Während viele Medien weltweit zunehmend davon abrücken, ihre Produkte im Netz gratis zur Verfügung zu stellen, verzichtet Mother Jones auch bei den Digitalangeboten komplett auf eine Bezahlschranke. "Wir wollen unser tägliches Angebot an einer möglichst breiten Leserschaft zugänglich machen, nicht nur jenen, die bereits gut informiert sind", begründet Monika Bäuerlein die Entscheidung. "Die Leser, die es sich leisten können, sind sowieso gerne bereit, uns zu finanzieren." Auf der Webseite prangt ein "Spenden"-Button.

Viele große Zeitungen in den USA schlagen gerade einen ganz anderen Weg ein. Sie werden an schwerreiche Unternehmer verkauft. Die Washington Post, die Los Angeles Times oder der Boston Globe - sie alle hoffen, mit der Hilfe von Milliardären wie Jeff Bezos, Patrick Soon-Shiong oder John W. Henry bestehen zu können. Für Bäuerlein kommt dieser Weg nicht in Frage. "Als Grundlage der freien Medien kann man sich nicht auf eine Einzelperson verlassen. Die können ihre Meinung ändern oder das Interesse verlieren. Das ist zu riskant." In dieser Frage will man bei aller Bereitschaft zum Risiko keines eingehen.