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Medienskandal:Schöne Bescherung

Hat Claas Relotius auch Spendengelder von Lesern veruntreut? Der "Spiegel" hat Strafanzeige gegen seinen Ex-Redakteur erstattet, der damit angeblich Waisenkindern helfen wollte.

Aus dem Medienskandal um den Reporter Claas Relotius, der bis vergangenen Montag für den Spiegel gearbeitet und seine knapp 60 seit 2011 veröffentlichten Texten massiv manipuliert und gefälscht hat, ist am Wochenende ein Kriminalfall geworden. Man habe Strafanzeige gegen Relotius gestellt, teilte das Hamburger Nachrichtenmagazin am Samstagabend mit, nicht wegen Betrugs, sondern wegen des Verdachts, Spendengelder veruntreut zu haben - ein weiterer Tiefschlag für den Spiegel und die gesamte Branche.

Leser hatten darauf aufmerksam gemacht, dass Relotius von seiner privaten E-Mail-Adresse aus Spendenaufrufe verschickt habe. Angeblich sollte damit syrischen Waisen in der Türkei geholfen werden, über die er eine Reportage geschrieben hatte, an deren Wahrheitsgehalt es inzwischen erhebliche Zweifel gibt. Das Geld sollten die Leser auf das private Bankkonto des Journalisten überweisen. Wie viel dort einging und was mit dem Geld passierte, sei noch unklar, heißt es vom Spiegel. Relotius sei derzeit für aktuelle Stellungnahmen nicht zu erreichen.

Aufmerksamkeit erregte am Wochenende auch ein bei Zeit Online veröffentlichter Text. Holger Stark, Zeit-Investigativchef und bis Ende 2017 Washington-Korrespondent des Spiegel, schreibt darin, Relotius hätte früher gestoppt werden können. So seien Redakteuren von Spiegel TV im ersten Halbjahr 2017 massive Widersprüche in einer Reportage von Relotius aus dem Nordirak aufgefallen. Die Fernsehkollegen hätten ihre Rechercheergebnisse bei Relotius' Vorgesetzten vorgetragen - ohne Konsequenzen. Mit wem sie gesprochen haben, ist unklar. Stark zitiert Relotius' Chef Matthias Geyer, Leiter des Ressorts Gesellschaft: "Mich hat zu keinem Zeitpunkt irgendwoher irgendein Hinweis erreicht, dass mit Claas Relotius' Geschichten etwas nicht stimmt."

"Zeit"-Chef Di Lorenzo kritisiert den "Kult der schön geschriebenen Reportage"

In einem Facebook-Post beklagte der frühere Spiegel-Großreporter Cordt Schnibben am Samstag die Instrumentalisierung des Betrugs "durch manche Journalisten". Relotius werde "benutzt, um alte Rechnungen zu begleichen". Schnibben erwähnt einen ehemaligen Kollegen namentlich, der ihn als "Wegbereiter von Relotius und solchen Leuten" bezeichnet habe, weil er auch mal das Gesellschaftsressort geleitet habe. Schnibben revanchiert sich, indem er schreibt, er wisse nicht mehr, ob sein Ressort die ihm von jenem Kollegen aufgedrängten Texte "nach diversen Redigierdurchgängen erschöpft gedruckt haben oder nicht". Er könnte "leider noch ein paar von diesen Trittbrettfahrern des Betruges auflisten". Als wäre der Schaden für den Journalismus nicht schon groß genug - derlei Nickeligkeiten haben der Branche gerade noch gefehlt.

Spiegel-Zentrale in Hamburg

Unter Druck: das Spiegel-Gebäude in Hamburg.

(Foto: Morris MacMatzen/Getty Images)

Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, nutzte den Fall Relotius zur Generalkritik an der Haltung des Spiegel gegenüber seinem Land. "Es ist eindeutig, dass wir Opfer einer Kampagne institutioneller Voreingenommenheit wurden", schrieb Grenell am Freitag an die Chefredaktion. Spiegel-Vize Dirk Kurbjuweit erwiderte: "Wir entschuldigen uns bei allen amerikanischen Bürgern", die durch Relotius' Reportagen beleidigt worden seien. Den Anti-Amerikanismus-Vorwurf wies er jedoch zurück.

Derweil setzt der Spiegel seinen Offensivkurs fort. "Ein Albtraum" ist die Titelgeschichte überschrieben, mit welcher in der aktuellen Ausgabe auf 23 Seiten die Berichterstattung in eigener Sache beginnt. Die Rekonstruktion der Ereignisse sei eine vorläufige, "weil Recherchen Zeit brauchen", schreibt Auslandsreporter Clemens Höges. "Sie werden Wochen oder eher Monate dauern." Und sie würden "ohne Rücksichten geführt". Gemeint sind offenbar personelle Konsequenzen, die der designierte Chefredakteur Steffen Klusmann schon nach Offenlegung des Falls vergangenen Mittwoch nicht ausschloss.

Für klare Worte wird auch die Konkurrenz eingespannt, die freilich mitbetroffen ist. Als freier Journalist hat Relotius auch fünf Texte für Zeit Online geschrieben, was im Spiegel-Gespräch mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo nicht unerwähnt bleibt. Der befürchtet, dass insbesondere ihr Leben riskierende Kriegsreporter nun "unter Generalverdacht" geraten, "weil es kaum möglich ist, ihre Recherchen vollständig nachzuvollziehen".

Spiegel

Auf 23 auch gratis im Netz lesbaren Seiten widmet sich der Spiegel dem Fall Relotius und seinem eigenen Versagen darin. Die Recherchen in eigener Sache würden „ohne Rücksichten geführt“.

(Foto: dpa)

Über den Spiegel sagt Di Lorenzo, das Magazin neige dazu, "einen Sachverhalt möglichst attraktiv zu dramatisieren". Und: "Es gibt Verselbstständigungen im Genre oder im Rechercheansatz, die spezifisch sind für bestimmte Häuser, bestimmte Medien." Es gebe "diesen Kult der schön geschriebenen Reportage, die allerdings "manchmal so schön geschrieben" sei, "dass in der Luft liegt, dass irgendetwas daran nicht stimmen kann." So habe es in der Jury des Nannen-Preises Zweifel an den nominierten Geschichten von Relotius gegeben. "Wenn es uns in der Jury so ging - gab es dann nie irgendeinen Zweifel in der Redaktion?", fragt Di Lorenzo, räumt aber ein: "Dass die Geschichten ganz erfunden sein könnte, darauf wäre auch ich im Traum nicht gekommen."

Ähnlich äußert sich im Spiegel auch Juan Moreno, der Kollege, der den Betrug aufgedeckt hat, anfangs aber gegen "dicke, solide Betonwände" gelaufen sei, "Spiegel-Qualität gewissermaßen": Dass Relotius so weit gehen würde, im Rahmen einer gemeinsamen Recherche über eine US-Bürgerwehr an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, auch E-Mails zu fälschen, "konnte nun wirklich keiner ahnen", schreibt Moreno. Sein versöhnliches Fazit: "Hätten meine Chefs anders reagieren müssen? Ja, vermutlich. Hätte ich an ihrer Stelle anders reagiert? Nein, vermutlich nicht."