"Kontrakt 18" Zweisamkeit bis zur Schmerzgrenze

Regisseure und Drehbuchautoren ringen um die Deutungshoheit am Filmset. Mit "Kontrakt 18" fordern letztere die Anerkennung ihrer Arbeit. Der wahre Konflikt aber ist ein ganz anderer.

Gastbeitrag von Dominik Graf

"Wir sind Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren. Wir schreiben Filme. Ohne unsere Geschichten gibt es weder Serien noch Kinofilme noch TV-Movies. Wir erschaffen die Figuren, die Plots, die Twists, die Dialoge, aus denen bewegte und bewegende Bilder werden. Unsere Bücher sind die Basis und das Herz eines jeden Films. Diese zentrale Position der Autorin und des Autors findet hierzulande jedoch weder in den Verträgen noch im Prozess der Filmherstellung einen angemessenen Widerhall. Das wollen wir ändern."

Dies ist die Einführung zum "Kontrakt 18", jenem neuen Regelvorschlag der deutschen Drehbuchautoren und -autorinnen. In sechs Paragrafen folgen auf diese Vorrede Forderungen, die jedoch weniger die Filmproduzenten und -produzentinnen sowie Redakteure und Redakteurinnen als Verantwortliche (ich verzichte im Nachfolgenden der Kürze wegen auf die Genderschreibweise) erwähnen für den Ärger derjenigen, die mit ihrem Schreiben die Filme erst entstehen lassen. Stattdessen wird die Schuld für die jahrzehntelange Demütigung und Marginalisierung der Autoren wie mit einer verbalen Planierraupe den Regisseuren zugeschoben. Nicht den Redakteuren wollen die Unterzeichner an den Karren fahren, nicht bei der Wahl des Produzenten für ihre Skripts mitreden, sondern: bei der "Auswahl der Regie".

Manche Produzenten tönen: "Bei mir kommt kein Regisseur mehr in den Schneideraum."

In Kenntnis der deutschen Produktionszusammenhänge liegen die in der Debatte häufig erwähnten "Allmachtsfantasien" in unserer Branche oft woanders als bei "der Regie". Beispielsweise war die skandalöse Praxis der Nicht-Zulassung der Autoren beim Fernsehpreis immer einzig und allein eine Produzenten- und Funktionärs-Entscheidung. Eine, gegen die von Anfang an protestiert wurde. Die aktuell gängige Verfahrensweise vieler Produktionen und Redaktionen, Regisseure erst spät ins Boot zu holen, wenn Drehbuch, wichtige Besetzungen und auch Mitarbeiter bereits entschieden sind, verdankt sich ja offenbar der Furcht vor zuviel unheilbringendem Einfluss der Regie. Und nach dem Drehen tönen manche deutsche Produzenten: "Bei mir kommt kein Regisseur mehr in den Schneideraum." Final Cut, also die endgültige Szenenmontage, obliegt nur sehr selten uns Regisseuren. Ein weiteres gebräuchliches Produktions-Zitat: "Irgendeiner muss ja mit den Schauspielern reden." Die im "Kontrakt 18" beschworene Bestie Regie kommt also eigentlich recht gezähmt daher. Warum also richtet sich die Kritik der Drehbuchautoren ausgerechnet dagegen?

Von den Produzenten und Redakteuren kommt das Geld. Womöglich betreibt der Kontrakt aus finanziellem Selbstschutz seiner Berufsgruppe absichtlich Etikettenschwindel? Und lenkt die Debatte in eine falsche Richtung. Einige Produzenten stellen sich den Autoren nun als Robin Hoods zur Verfügung. Oliver Berben formulierte auf einer Autoren-Veranstaltung beim Münchner Filmfest, der deutsche Film sei "regiehörig". Es folgte anhaltender Beifall, hieß es im SZ-Bericht. Berben stellte auch die These auf, ein richtig gutes Drehbuch benötige nur einen mittelmäßigen Regisseur. Wieder Beifall. "Umgekehrt wirds schwierig", sagte er, soll heißen, ein richtig guter Regisseur kann auch ein mittelmäßiges Drehbuch nicht retten.

Das ist eine offensichtlich unprofessionelle Darstellung der Dinge. Ist denn der mittelmäßige Regisseur einem wirklich guten Buch überhaupt gewachsen? Häufig nicht, sonst gäbe es nicht etliche Fälle, in denen brillante Autoren ihre Namen aus misslungenen Filmen zurückziehen, und zwar eben deshalb, weil Regie und Produktion das Drehbuch nicht bewältigt haben.

Klatschen Drehbuchautoren gerade Beifall für eine Orgie des Mittelmaßes?

Oder ist das gute Buch, das Berben meint, gar nicht wirklich so gut, weil es a) hierzu ohnehin mal Geschmacks-Nachhilfe bedürfte und/oder weil es b) nur ein lediglich brauchbares ist? Ein Buch, das zur Abnahme und Förderung taugt, ist noch lange nicht großartig. Vielleicht also klatschten die Autoren in München Beifall für eine Orgie des Mittelmaßes? Tun sie sich damit einen Gefallen? Und im Fall eines tatsächlich mittelmäßigen Buchs (ja, die gibt es) sollte nicht irgendjemand etwas tun, um es aus seinem Mittelmaß herauszuführen? Oder ist das gar nicht gewollt?

Der Regieverband hat sich unter dem Eindruck sich verschärfender Hierarchie-Kämpfe vor einiger Zeit eine Berufsdefinition gegeben, in der steht: "Regisseur oder Regisseurin sind bei der Entstehung eines Films von der Vorbereitung bis zum fertigen Werk die entscheidende künstlerisch-gestaltende Kraft. Sie sind nicht nachschaffende Interpreten eines vorbestehenden Werkes, sondern Gestalter einer originalen Schöpfung." Das ist natürlich ausformulierte Hybris. Wir sind also "nicht nachschaffende Interpreten"? Aha. Und wenn wir ein tolles Drehbuch - also ein "vorbestehendes Werk" - in die Hand bekommen (mir ist das glücklicherweise häufig passiert), soll ich daraus dann dringend meine eigene "originale Schöpfung gestalten"? Wozu? Ich werde den Teufel tun.

Dominik Graf, 65, ist preisgekrönter Regisseur und Drehbuchautor (Tatort, Hotte im Paradies, Die geliebten Schwestern). Im Angesicht des Verbrechens (2010) gilt als frühe deutsche Variante des neuen Serienfernsehens.

(Foto: Robert Haas)

Normalerweise hab ich in einem solchen Fall alle Hände voll zu tun, das Drehbuch im Detail zu beschützen, adäquat umzusetzen und zum Leben zu erwecken. Denn es gibt leitende Mitarbeiter zur Genüge beim Film, die die Qualität eines Drehbuchs gar nicht wirklich beurteilen können aber dringend den Anspruch darauf erheben. Und Geldgeber, die kategorisch Kürzungen der besten Szenen fordern. Über all diese Eingriffe und Attacken hinweg muss ich ein wirklich starkes Buch bis zum Ende der Produktion verteidigen. Das ist die Aufgabe als Regisseur.

Allerdings ist dazu nicht nur "nachschaffende" Beamtenmentalität nötig, sondern schon auch eine permanente Kreativität, nennen wir das Ganze mal künstlerisch-handwerkliches Reaktionsvermögen, um dem sensationell gelungenen Buch, seinen Figuren und seinen im Bestfall faszinierenden Erzählformen auch unter Druck höchste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Manchmal hat man verständnisvolle Produktionspartner dafür, manchmal muss man sich aber auch gegen Amtsanmaßungen bizarrster Art in den EntscheiderEtagen durchsetzen.

Mein Berufsverband hat inzwischen dem "Kontrakt 18" eine Verlautbarung entgegengestellt, die sich erheblich weniger auktorial anhört als die obige Definition. Darin findet sich der Begriff der "künstlerischen Handschrift". Das ist eine interessante Sache, denn diese Forderung kollidiert mit den vermeintlich notwendigen neuen Hierarchien der Serienherstellung wie sie aus den USA lautstark herüberschwappen. Und sie kollidiert auch mit dem deutschen Produzenten-Trauma des Autorenfilms.

Berben macht mit dem Begriff "regiehörig" ein Fass auf, das seit Jahrzehnten in der deutschen Branche vor sich hin gärt. Inzwischen beteiligen sich auch junge Fernsehkritiker bundesweit an der Hetze auf "Regiekünstler". Dieses Gift entströmte schon immer dem Kleinbürgertum, das jede Form von künstlerischer Avantgarde- - auch oder gerade in den populäreren Genres - hasst wie etwa die atonale Musik.

Der "Kontrakt 18" ist aber nicht nur eine Kampagne gegen die Regie, sondern auch eine wichtige und überfällige Solidarisierungsbemühung der Autoren untereinander. Ihre massive Beschwerde ist an sich absolut berechtigt. Ich selbst hätte aus den ersten 15 Jahren meiner Filmografie viele drastische Erlebnisse in punkto Autoren- und Drehbuch-Destruktionen zu erzählen.

Aus diesen Erfahrungen habe ich gelernt, dass Regisseur und Drehbuchautor gemeinsam Teile eines zentralen Teams sind - das nur aus den beiden besteht. Um sie herum gibt es, muss es geben: Unterstützer, Dramaturgen, Leute mit möglichst gutem Geschmack. Aber fast immer zeigen sich Gegner, die ein außergewöhnliches Buch und seine erzählerische Kraft, sowie auch die Frage der filmischen Form, in der man diese Kraft sichtbar und spürbar machen kann, nicht verstehen. Und oft auch gar nicht verstehen wollen.

Um Filme zum Leben zu erwecken, müssen sich Autor und Regie austauschen

Sollen wir uns also nun auseinanderdividieren lassen? In den Debatten, die der Veröffentlichung des "Kontrakt 18" im Internet nachfolgten, ging es in noch aggressiverem Ton zwischen den Vertretern der beiden wichtigsten Kreativkräfte beim Filmemachen weiter. "Regiehengste" seien diejenigen, die in maßloser Selbstüberschätzung die Bücher der Autoren zerstörten, schrieb eine Autorin.

Aber Filmemachen ist keine Beamtentätigkeit. Man kann nicht einzelne Punkte des Drehbuchs, der Vorbereitung, der Besetzung und so weiter einfach abhaken. Einen Film zum Leben zu erwecken - die Formulierung mag noch so pathetisch sein- ist primär eine Frage vitaler Kommunikation zwischen Drehbuch und Regie. Diese muss stattfinden, zu zweit. Bis zur Schmerzgrenze, zu zweit. Es gilt hier, wie so oft, das fundamentale Gesetz von Gyula Lóránt, Trainer bei Bayern München in den Siebzigern: "Entweder es geht oder es geht nicht. Und wenn es nicht geht - dann muss es gehen."