Herbert-Riehl-Heyse-Preis "Gepfefferte Realität"

Martin Staudinger, 50, leitet gemeinsam mit einem Kollegen das Auslandsressort des Wiener Nachrichtenmagazins Profil. Er berichtete bereits aus vielen Kriegs- und Krisengebieten.

(Foto: Robert Haas)

Der österreichische Journalist Martin Staudinger erhält die Auszeichnung für einen Text, der heute aktueller ist, als bei seiner Veröffentlichung 2017.

Von Laura Hertreiter

Geschichten, die nach dem Rotweinprinzip mit den Jahren besser werden, sind im Journalismus eher selten. Noch seltener sind Geschichten, die nach einer Weile obendrein aktueller werden. Der österreichische Journalist Martin Staudinger hat Anfang 2017 eine solche geschrieben. Eine recht konkrete Anleitung zur Zersetzung von Demokratien, einen Text, der mit Witz und Schmäh Drastisches erzählt.

Am Dienstag ist Martin Staudinger für "In vier Schritten zur Alleinherrschaft" im Deutschen Museum in München mit dem Herbert-Riehl-Heyse-Preis ausgezeichnet worden. Sein Ratgeber richtet sich an Politiker, die sich "in ihrem Machtanspruch durch die lästigen Spielregeln des Rechtsstaats eingeschränkt" fühlen. Stufe eins: Unzufriedenheit schüren, Feindbilder identifizieren. Stufe zwei: unliebsame Medien schwächen, Justiz auf Linie bringen. Stufe drei: durchgreifen, auch in der Zivilgesellschaft. Stufe vier: finalisieren, etwa durch Festnahmen und Folter. So lautet der Fahrplan der Entdemokratisierung, den Staudinger mit Beispielen aus der Politik von Jarosław Kaczyński, Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdoğan illustriert.

Fast zwei Jahre nachdem die Persiflage im Wiener Nachrichtenmagazin Profil erschienen ist, konnte ganz Österreich im Mai dabei zusehen, wie der damalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache den Ratgeber in einem in einer Villa auf Ibiza aufgenommenen Video, nun ja: in Teilen nachspielte.

Der Text habe "mit dem Strache-Skandal eine gepfefferte Realität bekommen", sagte Heribert Prantl, Juryvorsitzender des Riehl-Heyse-Preises und bis vor Kurzem Mitglied der Chefredaktion der SZ, bei der Verleihung. Der Preis wird alle zwei Jahre vergeben, er ist von den Gesellschaftern des Süddeutschen Verlages gestiftet und mit 10 000 Euro dotiert.

Stephan Steinlein, der Chef des Bundespräsidialamtes, betonte die Bedeutung von Texten wie diesem, die "für Leser, nicht für Nutzer" geschrieben sind, die unterhalten und bilden. Denn "ohne gute Texte trocknet die Demokratie von innen aus".

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter sagte über das Siegerstück, "so oder so ähnlich" hätte sich womöglich auch der 2003 verstorbene Chefreporter Herbert Riehl-Heyse des Themas angenommen, der die Süddeutsche Zeitung in Ton und Humor bis heute prägt. Dessen Tochter Katharina Riehl, Leiterin des SZ-Gesellschaftsressorts, hob in ihrer Laudatio hervor, der Text sei auf kluge Weise lustig, zudem merke man jedem Satz an, wie genau der Autor wisse, worüber er schreibt.

Martin Staudinger, 50, ist der Leiter des Auslandsressorts beim Profil und berichtete aus Afghanistan, Syrien, Libyen, Venezuela, Tschad, dem Kongo und der Ukraine. Er nahm die Auszeichnung "im Namen aller Journalistinnen und Journalisten seines Landes" entgegen. Die arbeiteten nicht nur wegen politischer Attacken gegen die Medien unter "unannehmbaren Rahmenbedingungen", sondern auch in einer Besetzung, "wie sie Redaktionen in anderen Ländern im Nachtdienst haben".

Obwohl das Ibiza-Video mitunter Straches Pläne zur Kontrolle von Medien offenbart hat, genau wie sie Staudingers lange zuvor verfasster Entdemokratisierungsratgeber beschreibt, ist dieser vorsichtig optimistisch. Nachdem die "politische Wohlstandsverwahrlosung" in seinem Land journalistisch enthüllt worden sei, habe es in Österreich immerhin Rücktritte von Politikern gegeben und ein gesellschaftliches Aufbegehren.