"Hart aber Fair" Die Lehre der Zitrone

Johannes Hillje ist Politik- und Kommunikationsberater.

(Foto: Erik Marquardt)

Nach der Debatte um die aktuelle Folge: Was ist eigentlich "Framing"? Kommunikationsberater Johannes Hillje klärt auf.

Interview von Jakob Biazza

Frank Plasberg hat mit seiner jüngsten Ausgabe von Hart aber fair in der ARD größere Diskussionen ausgelöst. Kritiker halten vor allem die Sendungsankündigung für eine unreflektierte - oder gar gezielte - Übernahme populistischer Positionen, weil die dort gestellten Fragen so suggestiv sind: "Flüchtlinge und Kriminalität - Die Diskussion! Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften - für viele hierzulande Grund zu Sorge und Angst. Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?" Johannes Hillje arbeitet als Politik- und Kommunikationsberater in Berlin und Brüssel, davor war er bei der UN und beim ZDF, 2014 leitete er den Wahlkampf der Europäischen Grünen Partei. Sein aktuelles Buch Propaganda 4.0: Wie rechte Populisten Politik machen hat die zentrale These: Schon lange bevor die AfD in den Bundestag eingezogen ist, hat sie öffentliche Debatten dominiert und die Themenagenda mitbestimmt, weil ihre Problembeschreibungen und Deutungsansätze von Medien und anderen Parteien aufgegriffen werden.

SZ: Herr Hillje, Frank Plasberg hat angekündigt, Alexander Gauland nicht mehr zu Hart aber fair einzuladen. Wenn man sich das Thema der jüngsten Sendung ansieht, könnte man aber wohl sagen: Zumindest inhaltlich ist der AfD-Politiker trotzdem noch dabei, oder?

Johannes Hillje: Ein zentraler Erfolg der AfD in den vergangenen Jahren - und damit auch ein zentraler Misserfolg der anderen Parteien - ist es, dass der Einfluss der Rechtspopulisten auf unsere öffentlichen Debatten deutlich größer ist als ihre politische Relevanz, gemessen an den Wahlergebnissen. Selbst wenn die AfD nicht in Talkshows sitzt, sind ihre Inhalte oft omnipräsent. Das Entscheidende ist hierbei: Die AfD setzt gar nicht unbedingt die Themen, aber sie beeinflusst sehr stark, wie wir über ein Thema reden. Es geht also nicht darum, ob wir über den Themenkomplex Migration in einer Talkshow reden, sondern über das "Wie". Als Kommunikationswissenschaftler nenne ich das "Second-Level Agenda-Setting". Konkret: Dank der AfD führen wir eine Desintegrations- statt der nötigen Integrationsdebatte. Auch deshalb liegt die Partei heute in Umfragen über ihrem Ergebnis der Bundestagswahl. Die AfD hat nicht die Fähigkeit, Probleme zu lösen, aber sie zu definieren.

Gehen wir die Ankündigung also vielleicht einzeln durch: Der Titel erscheint noch eher offen - "Flüchtlinge und Kriminalität - Die Diskussion!". Danach kommen Fragen, die sehr assoziativ wirken.

Diese Fragen hat Plasberg am Anfang der Sendung noch mal live im Fernsehen ausgesprochen: "Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?" Das sind Suggestivfragen, bei denen eine ganz bestimmte Interpretation schon mitgeliefert wird. Vor zwei Jahren standen die Suggestivfragen oftmals noch im Titel von Talksendungen. Dahingehend war der Titel von gestern eine kleine Verbesserung. Bei den nachfolgenden Fragen wurden alte Fehler wiederholt.

Was lösen solche Formulierungen aus?

Das Tückische an diesen Formulierungen ist, dass sie als Fragen daherkommen, aber dem Publikum schon eine Denkrichtung vorgeben. Man spricht hierbei von "Framing".

Eine Art Deutungsrahmen, in dem die Fragen zu beantworten sind.

Exakt. Framing funktioniert über Assoziationen mit unseren persönlichen Erfahrungen: Wenn ich "Zitrone" sage, denken Sie vermutlich "sauer" oder "gelb". Sage ich "Flüchtlingswelle", sehen Sie wahrscheinlich eine sehr große Menschenmenge auf sich zukommen. Die Formulierung entscheidet darüber, welche Assoziierungen wir zu einem Thema vornehmen. Im Fall der Sendungstitel lautet die Assoziierungskette: Flüchtlinge, Integrationsunvermögen, Unsicherheit.

Frames lenken dann also Meinungen und Gefühle, weniger Fakten?

Richtig. Ein Beispiel aus der Forschung zur Berichterstattung über die Kriminalitätsstatistik: Wenn Sie Kriminalität mit der Metapher "Virus" umschreiben, sind Menschen als Gegenmaßnahmen eher für die Prävention von Verbrechen. Bezeichnen Sie Kriminalität als "Monster", neigen Menschen dazu, Verbrecher möglichst einfach und lange wegzusperren. Auch wenn die Fakten die gleichen sind.

Auf ihrem Twitter-Account hat sich die Sendung gegen den Framing-Vorwurf verwehrt. Dort steht: "Framing? Als Journalisten können wir mit diesem Begriff wenig anfangen. Wir versuchen das, was Menschen beschäftigt, so darzustellen, wie es ist."

Das ist ein großes Missverständnis über den eigenen Beruf. Was die Redakteure von Hart aber fair übersehen: Das Publikum "framed" das Gehörte ganz automatisch, um zu verstehen.

Hält die Framing-Theorie die Menschen nicht für dümmer als sie sind? Kann ich nicht "Flüchtlingswelle" sagen und mir darunter trotzdem keine Bedrohung vorstellen? Weil ich die Zahlen ja kenne.

Das ist ein Trugschluss. Framing passiert im Unterbewusstsein. Es nimmt auf unsere Meinungsbildung Einfluss, ohne dass wir es bewusst reflektieren. Dazu noch ein Beispiel: Meines Erachtens haben wir in unserer Gesellschaft zum Beispiel auch deshalb ein so schlechtes Verhältnis zu Steuern, weil wir diesen Beitrag zum Gemeinwohl, für den wir öffentliche Güter als Gegenleistung zurückbekommen, als etwas Abscheuliches framen. Als Steuerlast. Orte, wo wir dieser Belastung entgehen können, bezeichnen wir als Sehnsuchtsorte, nämlich Steueroasen oder -paradiese. Derart über ein zentrales Instrument zur Funktionsweise unseres Gemeinwesens zu reden, ist reichlich grotesk.

Wie schafft man es, dass bestimmte Begriffe in der Debatte verfangen?

Politische Sprache ist dann effektiv, wenn sie an den persönlichen Kontext von Menschen und deren Werte andockt. Dann kann Sprache nicht nur verfangen, sondern sogar Handlungen verändern. Ein Beispiel aus Texas: Der Bundesstaat hatte lange Zeit ein immenses Problem mit Umweltverschmutzung. Die Menschen warfen ihren Müll auf die Straße, ohne darüber nachzudenken. Eine Gegenkampagne hatte den Slogan "Don't mess with Texas". Weil die Texaner besonders lokalpatriotisch sind und die Umweltverschmutzung als Missbrauch ihrer Heimat geframed wurde, sank die Umweltverschmutzung signifikant.