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Filmkritik:Zerstörte Existenz

Rufmord

Aufrecht: Luisa Jobst (Rosalie Thomass, li.) und Rektorin Katharina Weil (Johanna Gastdorf) beim Elternabend.

(Foto: Hendrik Heiden/ZDF)

Das ZDF-Drama "Rufmord" erzählt vom Verschwinden einer Lehrerin, die auf der Suche nach einem besseren Leben in die Provinz gezogen ist - und da die Hölle findet.

Von David Denk

Beneidenswert, diese Frau. Luisa Jobst ist jung, attraktiv, idealistisch und beliebt bei ihrer Klasse an der Grundschule in der neuen bayerischen Wahlheimat. Der eine oder andere Vater gehört auch zu ihren Fans, etwa Bauunternehmer Georg Bär (Johann von Bülow), dessen Zuneigung allerdings spürbar erkaltet, als Jobst (Rosalie Thomass) sich weigert, Bärs renitenten Sohn fürs Gymnasium vorzuschlagen. Kurz darauf taucht auf der Schulhomepage ein Nacktfoto von ihr auf, gemacht von ihrem Ex, später auch in sämtlichen internen Mailverteilern. Jobst wird so zum Stadtgespräch - mit weitreichenden Folgen.

An den Anfang des ZDF-Dramas Rufmord haben die Drehbuchautorinnen Claudia Kaufmann und Britta Stöckle sowie Regisseurin Viviane Andereggen allerdings die Suche nach der spurlos verschwundenen Lehrerin gestellt. In der verwaisten Wohnung wird ihr Blut sichergestellt sowie ein benutztes Kondom. Angesichts dieser Spuren rechnet niemand damit, Luisa Jobst lebendig wiederzusehen. Vermissen werden sie nur wenige - wird höchste Zeit, dass wieder Ruhe einkehrt im Ort. Kommissarin Baumann (Verena Altenberger) kommt von auswärts und ermittelt unverdrossen: Mit wem hatte Jobst Sex kurz vor ihrem Tod? War das auch der Mörder?

Doch Rufmord gelingt das Kunststück, souverän durch wechselnde Zeitebenen springend und mit ihnen spielend (Schnitt: Constantin von Seld), die Erwartungshaltung der Zuschauer zu unterlaufen, die ja häufig binäre und daher leicht verdauliche Täter-oder-Opfer-Zuschreibungen serviert bekommen. Nicht nur das ehemals so blühende Erscheinungsbild von Luisa Jobst wird im Lichte der Ereignisse zunehmend in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch die gesamte Wahrnehmung ihrer Person.

Zunächst einmal aber legen die Macherinnen präzise die Dynamiken offen, die zu einer Hexenjagd wie der auf Jobst führen, die mehr und mehr eskaliert. "Der Schock sitzt tief, und das Misstrauen gerät außer Kontrolle, während Luisa einen einsamen Kampf um ihre Würde führt", sagt Regisseurin Viviane Andereggen. "Der Zusammenhalt, die Freundschaft, die Solidarität: alles Illusionen. Die Gesellschaft ist keine Konstante, sie wird leicht verrückt, Menschen können aus Unsicherheit, Dummheit, Feigheit heraus ein Leben ruinieren. Statt Unschuldsvermutung gilt plötzlich Schuldvermutung."

Getragen wird Rufmord von einem kleinen, exquisiten Ensemble: Rosalie Thomass spielt Luisa Jobst als Aufrechte, die vom Glauben an ihre Mitmenschen abfällt und notgedrungen in den Verteidigungsmodus umschaltet. "Wie weit wird sie gehen, um sich und ihr Leben zu verteidigen?", habe sie sich gefragt, so Thomass. Johann von Bülow legt seinen Bauunternehmer als Neureichen an, der gewohnt ist, dass alle nach seiner Pfeife tanzen, und in Jobst seine Nemesis findet, die sich nicht unterdrücken lässt wie Ehefrau Marianne (Ulrike C. Tscharre). Eine Existenz - so viel sei verraten - ist am Ende von Rufmord tatsächlich zerstört.

Rufmord, ZDF, 20.15 Uhr.

© SZ vom 01.04.2019
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