Film und Umwelt Auf dem grünen Teppich

(Foto: Shutterstock/SZ-Grafik)

Kulissen aus Pilzen statt aus Styropor, kein Fleisch beim Drehbuffet, Anreise mit dem Zug - es gibt Ideen für umweltfreundliche Drehs. Doch die Branche streitet, wie viel Einsatz nötig ist.

Von Jasmin Siebert

Statt in der Limousine fuhr der Schauspieler Alexander Scheer in der Elektro-Kehrmaschine zur Berlinale vor. Die Schauspielerinnen Marie Nasemann und Meret Becker schritten in Kleidern aus Plastiktüten beziehungsweise Tetrapaks über einen Teppich, der so rot wie immer schimmerte. Hergestellt worden war er in diesem Jahr aber aus Plastikmüll und Fischernetzen. Umweltschutz in der Filmbranche ist plötzlich das Thema, über das alle sprechen. Nicht nur die Grünen veranstalteten ein Fachgespräch, auch das Bundesumweltministerium lud während der Berlinale Filmschaffende ein, um über nachhaltige Filmproduktion zu sprechen.

Könnten die Figuren nicht die Vesperbox auspacken, statt Sushi in der Plastikdose zu kaufen?

"Film ist eine der umweltschädlichsten Branchen überhaupt", sagt Philip Gassmann, auch wenn dieser Umstand oft vom Glamour verdeckt werde. Der Produzent und Nachhaltigkeitsmanager ist einer der Pioniere, die sich dafür einsetzen, dass es am Set ökologischer zugeht. Weil es mit Porzellan und Spülmaschine statt Wegwerfbecher nicht getan ist, bietet Gassmann Workshops zum Thema "Green Shooting" für die verschiedenen Gewerke wie Kameraleute, Beleuchter und Ausstatter an. "Grüne Filmproduktion ist ein kompletter Ansatz, Filme neu zu denken", sagt Gassmann. Natürlich spielt das Catering eine Rolle: Kein Plastikgeschirr, möglichst wenig Fleisch, dafür saisonale Bio-Zutaten, idealerweise fair gehandelt aus der Region. Auch Naturkosmetik in der Maske und recycelfähige Kulissen bringen Pluspunkte in der Ökobilanz. Doch die weitaus größeren Effekte aufs Klima haben Transport und Energieverbrauch durch elektrische Geräte und Beleuchtung. Manchmal fällt auch der Begriff "Green Storytelling", damit ist der Check des Drehbuchs gemeint: Könnten die Filmfiguren auch auf dem Fahrrad sitzen statt im Auto oder eine Vesperdose auspacken statt Sushi in der Plastikbox zu kaufen?

Spätestens wenn es um Eingriffe in den Inhalt geht, bekommt so mancher Filmschaffender Schnappatmung, handelt es sich doch um einen veritablen Beschränkung der künstlerischen Freiheit. Daher spielt die Nachhaltigkeit des Sujets bei den meisten Produktionen eine eher untergeordnete Rolle. Gleichwohl werden nicht nur Umweltdokus über Plastik in Meerestiermägen nach grünen Kriterien gedreht, sondern auch Tatort-Folgen und so unterschiedliche Filme wie Buddy oder Sauerkrautkoma.

Bei den Geldgebern wächst das Umweltbewusstsein - aber nur langsam. Immerhin hat die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein 2012 den "Grünen Drehpass" eingeführt, seitdem aber nur 140 Stück vergeben. Die MFG Filmförderung Baden-Württemberg startete 2015 ihre Nachhaltigkeitsinitiative mit dem Freiburger Tatort "Fünf Minuten Himmel". Das Pilotprojekt wurde wissenschaftlich begleitet. Heraus kam, dass durch die Filmproduktion 80 Tonnen CO2-Ausstoß entstanden sind, ohne die Ökomaßnahmen wären es 139 Tonnen gewesen. Der Ergebnisbericht zeigt auch, dass kurioserweise Hotelübernachtungen neben Fliegen die negativsten Auswirkungen haben. Die MFG bietet Workshops an und fördert einen Ökomanager am Set inzwischen mit bis zu 5000 Euro.

Der TV-Sender Sky hat seine Serien Acht Tage und Der Pass nach Kriterien des Grünen Drehpasses gedreht. Zur Premierenvorstellung von 8 Tage Mitte Februar im Münchner Arri ist auch Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen, gekommen. Sie sagt, dass die Grünen schon einige Anträge zur Förderung grüner Filmproduktionen in den Landtag eingebracht hätten - leider bisher erfolglos. Sie wünsche sich eine neue Kategorie beim Bayerischen Film- und Fernsehpreis: der beste grün-fair Film.

Regisseur Lars Jessen: "Wir haben die verdammte Pflicht, uns vernünftig zu verhalten."

Tatsächlich ist der Privatsender Sky Vorreiter in Sachen Umweltbewusstsein. Vor zwei Jahren startete das Sky Ocean Rescue Projekt in Partnerschaft mit dem WWF. Bei Veranstaltungen immer dabei ist der Plasticus, ein zehn Meter langer Wal aus Plastikmüll. 250 Kilogramm ist er schwer - das ist das Gewicht der Plastikmenge, die pro Sekunde in die Weltmeere gelangt. Neben vier Dokus zu Plastikmüll gibt es eine Kochshow, in der nur Zutaten verwendet werden, die ohne Plastikverpackung gekauft werden können. Doch das Engagement geht über singulär öffentlichkeitswirksame Aktionen hinaus: Der Firmensitz in Unterföhring wird mit Wärme aus Geothermie beheizt, Einwegplastik soll bis nächstes Jahr komplett verschwinden, und alle Produktionen folgen verpflichtenden grünen Standards. "Freiwillig ist schön, zwingen ist besser" sagt Alexandra Coffey, Nachhaltigkeitsbeauftragte von Sky Deutschland, mit einem Lächeln. Bei Auftragsproduktionen ist die Zahlung der letzten Rate an die Erfüllung von Nachhaltigkeitskriterien gebunden: So dürfen zum Beispiel alle Beteiligten erst ab 400 Kilometern Distanz zum Drehort fliegen.

Doch auch wenn gerade alle darüber reden, im Mainstrem ist Öko-Bewusstsein deshalb noch lange nicht angekommen. Das wird auch bei der Podiumsdiskussion im Bundesumweltministerium zum Thema deutlich. Es sei der immer gleiche kleine Kreis von Leuten, der sich mit "Plastikbechern, Fleisch und Fliegen" befasse, ätzt Lars Jessen. Er hat bei mehreren Tatorten Regie geführt und sitzt an diesem Abend im grünen Wollpulli auf der Bühne. Auch Moderatorin Birgit Heidsiek gehört zu den Figuren, denen man immer wieder begegnet, wenn man sich mit Nachhaltigkeit in der Filmbranche befasst. Heidsiek sagt, sie sei schon immer "öko" gewesen. Im Februar kam zum siebten Mal ihr Magazin Green Film Shooting heraus. Die Journalistin schreibt nicht nur fast alle Texte selbst, manchmal zitiert sie sich mangels anderer Experten auch gleich selbst. Ihr Themenspektrum ist weit: Es geht genauso um Filmkulissen aus Pilzen statt Styropor wie um klimaneutrale Kinos oder umweltverträgliche Filmproduktionen in der finnischen Wildnis.

Auf der Ministeriumsbühne sitzen neben Heidsiek vier Männer und drei Frauen im Wechsel auf der Bühne - ein Hinweis darauf, dass Nachhaltigkeit neben ökologischen auch soziale Aspekte wie Geschlechtergerechtigkeit, faire Arbeitsbedingungen und Bezahlung umfasst.

Regisseur Jessen berichtet von frustrierenden Erfahrungen: Weil es bei Dreharbeiten unter freiem Himmel unkomplizierter ist, stellten die meisten Kollegen lieber ein Dieselaggregat ohne ausreichenden Partikelfilter auf, statt einen Stromanschluss zu beantragen. Auch Mitarbeiter sähen Umweltaspekte oft als überflüssige Last an. Schauspieler jammerten, wenn es nicht jeden Tag Fleisch am Buffet gebe, obwohl sie bei Jessens "Fleischumfrage" angeben, nur zwei-, dreimal die Woche Tiere zu essen. Jessen beklagt, dass der Einsatz umweltfreundlicher Beleuchtung, Fahrzeuge oder Generatoren sein "Privatvergnügen" sei. Die Energieeinsparungen würden sich nicht positiv auf die Ausgaben auswirken, weil die Miete ungleich teurer sei.

Viele Flüge und Fahrten werden erst durch den sogenannten Fördertourismus erforderlich

"Wir haben die verdammte Pflicht, uns vernünftig zu verhalten", mahnt Jessen. Er fordert endlich gesetzliche Regelungen, "für Freiwilligkeit ist es zu spät". Um Schauspieler vom Fliegen abzuhalten, zahlt er ihnen die Bahnfahrt zum Casting. Manche zahlten den Flug dann aber privat, "er war ja so billig", habe eine Schauspielerin zu ihm gesagt. "Ich habe sie dann nicht genommen", sagt Jessen und schiebt lachend hinterher: "Aber nicht wegen des Fluges." Doch unnötige Fliegerei stört Jessen gewaltig. Nach dem offiziellen Teil erzählt er, dass er gerne eine Kampagne starten würde, bei der Prominente öffentlichkeitswirksam aufs Fliegen verzichten. Ziel: Das Jetset-Leben soll ähnlich verpönt werden wie der Coffee-to-go-Becher. In Schweden sorgte "Flygskam" (auf Deutsch: Flugscham) im vergangenen Jahr dafür, dass der innerschwedische Flugverkehr zurückging und Nachtzüge gefragter wurden.

Flüge und Autofahrten werden aber auch durch den sogenannten "Fördertourismus" verursacht. Oft finanzieren mehrere Fördertöpfe eine Produktion, das heißt, wer Geld von der Bayerischen Filmförderung bekommt, muss auch mindestens eine Szene in Bayern drehen. Und so kann es passieren, dass ein ganzes Filmteam für Aufnahmen an einer 0815-Tankstelle einmal quer durch die Republik reist. Um derartigen Irrsinn zu verhindern, sollten Bundesländer Produktionen nicht mit Minimalbeträgen fördern, findet Carl Bergengruen, Geschäftsführer der MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Doch insgesamt sei es ein "schwieriges Thema", das sagen auch viele andere. Schließlich möchte niemand auf die kulturelle Bereicherung verzichten, die insbesondere durch internationale Kooperationen entsteht. Und die gäbe es ohne Reisen nicht. Claudia Steffen, Produzentin bei Pandora Film, erntet viel Applaus für ihre Aussage, dass sie sich gegen noch mehr Berater, Bürokratie und den dahinterliegenden Erziehungsgedanken sträube. "Ich produziere auch so nachhaltig", sagt sie, lässt aber offen, was genau das für sie heißt.

Die einen fordern Regeln, die anderen fürchten Zwang - Utopisten gegen Realos: Das unterstreichen auch zwei Wortmeldungen aus dem Publikum. Ein Produzent fordert, man müsse "realistisch sein", viele Verleiher böten ökologische Lampen und Stromgeneratoren gar nicht an. Ein anderer Zuschauer fährt seinen Vorredner an: "Sie stehen für alles, was überwunden werden muss!" Man sieht, in der Filmbranche geht es auch nicht anders zu als im Rest der Gesellschaft.