Fernsehserie Flucht aus dem Nagelstudio

(Foto: BBC Pictures)

Wenn die BBC eine Frau in den Krieg ziehen lässt, muss nicht erst erklärt werden, dass die Truppe nicht nur Brunnen baut. Arte zeigt "Die Frau an der Front" mit Lacey Turner in der Hauptrolle.

Von Benedikt Frank

Bei Molly zu Hause ist es immer laut, nicht nur an ihrem 18. Geburtstag. Eine Handvoll Geschwister tobt herum, die Mutter, schon wieder schwanger, versucht sie zu zähmen. Dazu poltert der Stiefvater, ein Trinker und Rassist, durch das enge Reihenhaus im Osten Londons. Nichts wie raus also. Am Abend werden die Haare hochtoupiert, im Club soll der Alltag hinter sich gelassen werden. Doch Mollys Freund betrügt sie mit ihrer besten Freundin auf der Toilette. Am nächsten Tag will sie sich das Tattoo mit seinem Namen überstechen lassen. Schließlich landen sie und ihr Brummschädel vor dem Rekrutierungsbüro der Royal Army. Nichts wie raus, denkt Molly, jetzt aber wirklich.

Arte bringt mal wieder eine BBC-Serie ins deutsche Fernsehen. In Großbritannien lief Our Girl 2013 zunächst als Fernsehfilm, der nachträglich zu Folge eins erklärt wurde, als später eine darauf aufbauende Serie folgte. Jetzt wurde eine zweite Staffel angekündigt. Arte nennt all das nun in Eine Frau an der Front um und zeigt sieben Episoden an zwei Abenden. Der englische Titel hatte die Perspektive noch offen gelassen: Unser Mädchen könnte sowohl Tochter oder Freundin sein, als auch für das kollektive Ideal "unserer" Soldaten stehen. Im Deutschen ist wohl nur wichtig, was die Frau tut: Sie tauscht ihren Job im Nagelstudio gegen einen als Kämpferin im Krieg.

Molly qualifiziert für die Armee zunächst nur, dass sie arm, ungebildet und willig ist. Der Drill verwandelt sie dann von einem klischeehaften Unterschichtenmädchen in eine etwas weniger klischeehafte, weil eher aufmüpfige Soldatin. Die Armee wird ihre Ersatzfamilie. Das könnte so auch als Werbefilm für die Streitkräfte Ihrer Majestät funktionieren. Immerhin verkompliziert sich die Situation schnell, nachdem Molly als Sanitäterin nach Afghanistan geschickt wird und sie dort die Realität des Krieges erfährt.

Derzeit steht Afghanistan weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die ISAF-Truppen zogen Ende 2014 ab, für die nachfolgende NATO-Mission sind weniger Soldaten im Land, und der Bürgerkrieg in Syrien ist derzeit viel näher. Our Girl wirkt daher heute etwas fehl am Platz. Interessant, wenn auch nicht aktuell, ist aber, dass das Bild der Briten von ihrer Armee offenbar ein ganz anderes ist als jenes, das deutsche Fernsehfilme mit ähnlicher Thematik von der Bundeswehr zeichnen. Dort müssen die Autoren nicht erst etablieren, dass der vornehmliche Zweck der Truppe nicht Brunnen bauen, sondern kämpfen ist.

Lacey Turner, die Molly spielt, wurde mehrfach ausgezeichnet für ihre Rolle als die bipolare Stacey Slater in der Seifenoper East Enders, die für das britische Fernsehpublikum in etwa so wichtig ist, wie die Lindenstraße für das deutsche. An ihrer Seite taucht Iwan Rheon auf, den Game-of-Thrones-Fans als den Sadisten Ramsey Bolton kennen. Auch in Our Girl spielt Turner hervorragend, vor allem wenn sie am Anfang noch herrlich undiszipliniert ist. Doch die so ähnlich schon zu oft erzählte Geschichte rettet auch sie nicht.

Eine Frau an der Front, Arte, 20.15 Uhr.