Fanzine Raus aus dem Biotop

Das digitale Klassikmagazin "VAN" erscheint jetzt jede Woche im Netz, mit rebellischen Debattenbeiträgen, kuratierten Playlists und scheintoten Clowns - irgendwo zwischen Fun und Ludwig van Beethoven.

Von MICHAEL STALLKNECHT

Hundert Jahre alt sei der älteste in seinem Besitz befindliche Zeitungsausschnitt mit der Klage, dass klassische Musik ausstirbt, sagt der Geiger Pekka Kuusisto im Gespräch mit dem Onlinemagazin VAN. An der Klage hat sich seitdem nichts geändert - an der Stabilität des Klassikbetriebs aber auch nicht. Die Zahl klassischer Konzerte ist in den vergangenen Jahren sogar noch gestiegen, die Umsätze sind ähnlich wie bei Popkonzerten. Nur nimmt die Klassik gern einen eigentümlichen Tiefstaplerstatus ein: Ich bin nicht ganz auf der Höhe der Zeit, bitte helft mir überleben.

Dass VAN genau darauf nicht setzen will, verrät schon der Name des Digitalmagazins: irgendwo zwischen Fun, also Spaß, und dem Mittelstück in "Ludwig van Beethoven". Seit etwa einem Jahr gibt es das Fanzine für klassische Musik als App fürs Tablet mit vier Ausgaben im Jahr. Aber da Klassikliebhaber nun mal nicht die Speerspitze der Technisierung bilden - jede Ausgabe wurde etwa 5000 mal heruntergeladen -, kann man VAN jetzt auch im Netz lesen, jeden Mittwoch soll die Seite aktualisiert werden (www.van-magazin.de).

"Als Fan von klassischer Musik hat mich oft gestört, dass die Berichterstattung so fixiert ist auf Stars und Hochglanz", sagt Hartmut Welscher, einer der beiden Herausgeber. VAN gehe es darum, "Musik in ihrer ganzen Breite abzubilden", sich auch an die zu richten, "die vielleicht eher popkulturell sozialisiert, aber neugierig sind, gerade auf neue Musik aller Art". Dass Welscher gern von außen auf die Klassik schaut, hat auch mit seiner Biografie zu tun: Vor VAN hat er zehn Jahre lang in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet. Der Geiger Pekka Kuusisto, der finnische Volksmusik in seine Arbeit integriert, passt da perfekt zum Profil. Ebenso der Komponist Moritz Eggert, der auf dem Leipziger Wave-Gotik-Festival beobachtet, wie scheintote Clowns und adlige venezianische Fräulein auf Klassik reagieren: gut nämlich, es ist schließlich ihre Epoche.

Dabei erweckt der Onlineauftritt angenehmerweise nicht den Eindruck, vom vitaleren Image anderer Musiksparten profitieren zu wollen. Bei VAN kann die Klassik gut für sich einstehen. Man tut auch nicht so, als sei sie immer voraussetzungsfrei konsumierbar. Auf unnötige Distinktionsmanöver und In-Talk will man aber verzichten. Auch Konzertneulinge dürfen aufschreiben, wie ihr erstes Mal war. Das Design geriert sich bunt, aber nicht ranschmeißerisch oder pseudolässig.

In viele Artikel sind Klangbeispiele eingefügt, Künstler werden gebeten, persönliche Playlists zu entwerfen. Über mehr Formate dieser Art könnten die Macher den Wiederkennungswert noch erhöhen. Auch bei der Nutzerbeteiligung besteht Nachholbedarf, als eifrige Kommentatoren erweisen sich die Klassikfans bislang nicht.

Der Ton ist rebellischer als sonst im Klassikjournalismus

Umso erstaunlicher, dass VAN schon einige Wahrnehmungsschwellen durchbrochen hat. Das Onlinekulturmagazin Perlentaucher etwa zitiert es regelmäßig neben den großen Zeitungen und Zeitschriften. Das liegt sicher auch am Ton, der rebellischer ist als sonst im Klassikjournalismus. Weil VAN die Klassik nicht als Naturschutzgebiet versteht, wird hier mit allen Mitteln des öffentlichen Diskurses gekämpft.

So kann man einen aktuellen Text des Herausgebers zur Münchner Konzertsaaldebatte fast nur als Frontalangriff auf den Bayerischen Rundfunk lesen. Welscher kritisiert da, dass die Diskussion um die Akustik des alten mit der um einen neuen Saal vermischt werde. Im Grunde gehe es dem BR aber nur um einen eigenen Konzertsaal. "Und so wird Lobbyismus verhüllt unter dem Mantel der allgemeinen Fürsorge." Grund dafür? Die "Wagenburg-Mentalität" der Klassik, in der es immer um Geld gehe "und darum, dass es einem zusteht". Man muss diesen Standpunkt nicht teilen und kann das alles sehr anders sehen - aber es macht zweifellos Fun, das zu lesen.