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Ende der Mittelwelle:Und dann wird es still

Der Deutschlandfunk schaltet seine letzten Sendeanlagen in der alten Technik ab - im deutschen Hörfunk endet die Ära der Mittelwelle. Nachruf auf ein Radio, das als erstes Massenmedium Geschichte schrieb.

Hilversum, Kalundberg, Beromünster: Ortsnamen, die einem im Erdkundeunterricht nie untergekommen sind und die doch eine spannende Landkarte Europas gezeichnet haben: die der Mittelwellen-Sender. Die Namen waren abzulesen an den Skalen alter Radiogeräte. Für ein Kind der Siebziger- und Achtzigerjahre war das ein Spielzeug im Bastelkeller des Vaters, denn dorthin war das alte Radio ausgelagert worden. Drehte man den Sendersuchlauf, rauschte und quietschte es, manchmal hörte man etwas in einer fremden, ulkigen Sprache. Fürs eigene Radiohören waren Zahlenkombinationen wichtiger - die UKW-Frequenzen, auf denen die Fußball-Bundesliga-Konferenzen liefen und die Radio-Shows von Gottschalk und Jauch.

Vom neuen Jahr an wird es jetzt nur noch rauschen in dem alten Radio. Dann schaltet der Deutschlandfunk seine letzten Mittelwellen-Sendeanlagen ab. Die ARD-Anstalten haben den Schritt bereits vollzogen. Damit endet die Ära dieser Übertragungstechnik im deutschen Hörfunk.

Auf der Mittelwelle hat alles begonnen: Ende Oktober 1923 wurde aus dem Vox-Haus in Berlin erstmals ein regelmäßiges Radio-Programm ausgestrahlt. Doch bereits in den Fünfzigerjahren baute der Hörfunk ein UKW-Netz auf. Auf der Ultrakurzwelle ist das Signal klarer (dafür nicht so weitreichend), die Tonqualität besser - und der Einsatz von Stereotechnik möglich. Bedeutsam blieb die Mittelwelle nur dort, wo Sender keine ausreichenden UKW-Frequenzen hatten oder wo die Ultrakurzwelle nicht mehr hinreichte: Nur über Mittelwelle konnte Rias Berlin in die DDR senden. Sichtbares Relikt dieses bedeutsamen Sendungsbewusstseins war der 160 Meter hohe Sendemast in Berlin-Britz. Er ist im Sommer gesprengt worden. Und selbst für den Seewetterbericht gibt es längst zeitgemäße Alternativen: den digitalen Standard DAB+ sowie Streams und Apps.

Mittelwelle-Sendeanlagen sind nur mit hohem Energieaufwand zu betreiben. Die Öffentlich-Rechtlichen hat das bis zuletzt eine Millionensumme gekostet. Fortan liegen die Frequenzen brach. Man kann sie technisch nicht umwidmen, etwa zum Telefonieren. Aber sie haben das erste Massenmedium ermöglicht. Und dass die Blütezeit der Mittelwelle in die Jahre des Nationalsozialismus gefallen ist, in der das Radio gleichgeschaltet und als Hetzmedium missbraucht worden ist, kann man nicht der Technik vorhalten.

© SZ vom 30.12.2015
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