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Doku "iHuman":Die Macht der Intelligenz

Der permanent, überall und bis in die Tiefen seiner Persönlichkeit überwachte Mensch ist eine Horrorvision für weite Teile der Gesellschaft. Aber wie weit KI bereits gehen kann, zeigt die Doku iHuman.

(Foto: Yip Siu Ki)

Eine erhellende Doku zeigt, wie gefährlich KI sein kann. Und stellt wichtige Fragen.

Der gläserne Mensch, der nichts mehr verheimlichen kann - ein grausiges Bild der Zukunft, das durch neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) gar nicht mehr so abwegig erscheint. Die Doku iHuman der norwegischen Regisseurin Tonje Hessen Schei zeigt auf, zu was KI heute schon in der Lage ist. Und was uns in nicht gar so ferner Zukunft erwarten könnte.

Zu Wort kommt eine Vielzahl an Techni-kern, Menschenrechtlern und Wissen-schaftlern, die KI aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und Fachrichtungen beleuchten. Trotz der Vielzahl von Auftretenden ist keiner von ihnen überflüssig. Vielmehr entsteht ein umfassendes Gesamtbild, sodass der Zuschauer am Ende das Gefühl hat, das Für und Wider zur KI ziemlich gut zu kennen. Sie alle zeichnen jedenfalls - auch wenn sie der Technologie nicht alle per se negativ gegenüberstehen - insge-samt ein vorwiegend düsteres Bild und rufen dazu auf, bereits jetzt Regeln festzulegen, denen sich die KIs beugen müssen.

"Autonome Wesen mit eigenen Zielen", die an sich "eine gute Sache" seien und viele bestehende Probleme lösen könnten, erwarten uns, erklärt beispielsweise der Informatiker Ilya Sutskever von OpenAI. Aber im gleichen Atemzug verweist er auf die neuen Probleme, die durch sie geschaffen würden: Fake-News-Schwemmen, Cyber-Attacken, komplett autonome KI-Waffen und sogar "endlos stabile Diktaturen" seien durch KI zu befürchten. Bereits jetzt können künstliche Intelligenzen vieles, was auch wir Menschen können. Gefährlich werde es dann, wenn das "Ziel aller menschlichen Forschung" erreicht ist, wie Sutskever sagt: Die "generelle Künstliche Intelligenz", die keine Menschen mehr braucht, um Neues zu erlernen, sondern selbst alles verstehen und sich alles beibringen kann. Dann könnte der Mensch überflüssig werden.

Unvorstellbar? Gut, dass die Doku, als ob sie dafür einen Ausgleich schaffen möchte, mit vielen vergleichenden Bildern arbeitet, ohne aufdringlich zu sein. Ist von Datenströmen die Rede, sieht man Menschenmassen in Bahnhöfen oder auf Kreuzungen. Gleichzeitig beweist sie auch Sinn für Kontrast, und präsentiert einige der Experten in einer natürlichen Umgebung, beispielsweise in einer Bergbahn in Lugano. Damit gibt sie dem Zuschauer Raum, sich auf dieses komplexe und abstrakte Thema einzulassen.

Wenig greifbar ist auch der Umgang Chinas mit der Technologie. Dort werden KIs jetzt schon in einem hierzulande kaum vorstellbaren Maß eingesetzt. iHuman beschreibt, wie durch KI beispielsweise Massenüberwachung möglich ist oder Menschen mit Sozialpunkten klassifiziert werden können. Was wäre, wenn KIs in der Lage wären, anhand von Gesichtern vorherzusagen, ob jemand mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Straftat begeht? Fertige Antworten auf die vielen ethischen Fragen, die sich daraus ergeben, gibt die Doku nicht. Wie sollte sie auch? Eine Frage, die EU-Kommissarin Věra Jourová stellt, lässt einen denn auch nicht mehr los: Was würde Mengele mit einem solchen Instrumentarium anstellen?

iHuman, Arte, Dienstag, 21.45 Uhr und in der Arte-Mediathek bis zum 20. Juli 2020.

© SZ vom 21.04.2020
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