Deutsche Serie Im Konfetti-Bunker

Federn lassen in Berlin: Jannis Niewöhner (vorne) spielt den Partypromoter Robert „Beat“ Schlag.

(Foto: Amazon)

Amazon versucht sich mit "Beat" an einem Thriller aus der Berliner Techno-Szene. Womöglich lockt die Serie mit Jannis Niewöhner und Karoline Herfurth noch mehr Party-Touristen an. Die könnten dann aber enttäuscht sein.

Von Jan Kedves

Exploitation-Filme, das weiß jeder Kinofan und auch Wikipedia, versuchen "oft ebenso bemüht wie erfolglos, für die reißerischen Darstellungen eine vernünftige Erklärung in der Handlung zu liefern", sie genießen aber "aufgrund der daraus entstehenden unfreiwilligen Komik unter Fans von B-Movies oft einen hohen Kultstatus". In diesem Fall geht es um eine Serie, aber die Sache mit dem unfreiwilligen Kultstatus könnte sich bewahrheiten. Denn in Beat wird ein derart bizarrer Cocktail aus Techno-Club-Fantasien, Vollwaisen-Psychodrama, Geheimdienst-Thriller und Mafia-Klischees gemixt, dass einem spätestens nach der dritten Folge der Film reißt. Ist das Drehbuch druff?

Es geht um Drogen und Techno in Berlin, unfreiwillig komisch wird es aber vor allem, weil auch der Zusammenhang zwischen Sich-Verlieren (freiwillig, eskapistisch) und Verloren-Sein (unfreiwillig, tödlich) irgendwie beleuchtet werden soll. Hohe Philosophie, oder wie. Robert "Beat" Schlag (Jannis Niewöhner) ist der polytoxikomanische Protagonist der sieben Folgen: ein Techno-Party-Promoter, den die Maske gut auf "durch" geschminkt hat, und der als Vollwaise natürlich ein riesiges innerliches Loch hat, in das er jede Menge Substanzen und manchmal auch ein Buch von Hans Magnus Enzensberger reinkippen muss. Beat ist so liebenswert, wie vor zehn Jahren Paul Kalkbrenner als DJ Ickarus im Film Berlin Calling liebenswert war. Wer kennt sie nicht, die Party-Wracks, die in ihrer Verstrahltheit doch erstaunlich viele blitzscharfe Momente haben? Dramaturgisch ist so ein Beat ein Glücksfall. Selbst im Vollrausch erkennt er sofort, dass der Geheimdienst, von dem er sich gerade - vertreten durch Agentin Karoline Herfurth - als Informant hat anwerben lassen, ihm eine falsche Oma vorsetzen will (über die er sich als Vollwaise sonst ja gefreut hätte).

Rätselhaft könnte vielleicht sein, warum der Geheimdienst ausgerechnet Interesse an einem Techno-Promoter hat. Die Erklärung: Der alte Weltkriegs-Bunker, in dem Beat seine Party organisiert, hat drei Meter dicke Betonwände, das heißt, der Club ist abhörsicher. Das gefällt dem neuen stillen Teilhaber (Alexander Fehling) und dessen Freunden von der russischen Mafia, die hier ihre Waffenlieferungen und andere fiese Deals besprechen.

Und die unfreiwillig Verlorenen: Sie sind Geflüchtete aus Libyen, die nach ihrer gefährlichen Passage über das Mittelmeer den Menschenhändlern von Alexander Fehling in die Hände fallen und auf einen baufälligen Gutshof im südlichen Havelland gebracht werden. Eine paramilitärische Organhandel-Klinik. Dort zerlegt man die Opfer in teuer verkäufliche Einzelteile, und weil es so schön unauffällig ist, fahren in die Einrichtung ständig schwarze Range Rovers und amerikanische Vans rein und wieder raus, und nachts leuchten die Flutstrahler, damit niemand wegrennen kann. Logisch.

Die Berliner Techno-Kultur hält sieben Folgen von solchem Serien-Trash locker aus

In der Berliner Clubszene darf man jedenfalls aufatmen. Dort hatte man sich wohl einige Sorgen wegen der Serie gemacht (Regie: Marco Kreuzpaintner; Buch: Norbert Eberlein). Man hat doch immer Angst vor der Kommerzialisierung des Untergrunds, oder vor zu viel Aufmerksamkeit für die zarten und harten Geheimnisse der Nacht von der falschen Seite. Abgesehen davon, dass die Berliner Techno-Kultur seit den Neunzigerjahren aber professionalisiert genug ist, um sieben Folgen Serien-Trash locker auszuhalten, hat Beat auch gar nicht den Anspruch, ein realistisches Bild der Szene zu zeichnen. Das wird schon darin deutlich, dass der Beruf des Club-Promoters nur ein einziges Mal wirklich verstanden wird - nämlich als Beat versucht, eine Bookerin zu überreden, ihm für eine Nacht ihren Star-DJ zu überlassen. So einfach geht das natürlich nicht. Erst soll Beat mal ein paar andere, weniger bekannte DJs buchen, auf die er gar nicht heiß ist!

Ansonsten hagelt es ein überzeichnetes Klischee nach dem anderen. Wenn die Tür aufgeht, regnet es Konfetti und der Türsteher wird von der wartenden Schlange mit Applaus begrüßt. Man soll hier möglicherweise an Sven Marquardt denken, den legendären Berghain-Türsteher. Überhaupt soll man in Beat viel ans Berghain denken - wo man natürlich aufgrund der grundsätzlichen Medienverweigerung des Clubs nicht drehen durfte. Der Türsteher ist hier allerdings eine Türsteherin, oder: Türsteher-Transperson. Miss Sundström. Sie trägt Lippenstift und High-Heels und wird gespielt von Carlo Ljubek. Wieder mal eine Gelegenheit für einen männlichen Schauspieler, eine Trans-Rolle zu "meistern". Und wieder mal eine verpasste Chance, solch eine Rolle im Fernsehen von einer echten Trans-Person spielen zu lassen.

Tolle Momente gibt es auch ein paar. Lustig zum Beispiel ist die Vorstellung, dass es irgendwo in Berlin wirklich so etwas geben könnte wie von der Russenmafia ausgerichtete, superdekadente, mit Maschinengewehren bewachte Nutten-Orgien-Afterhours, für die komplette Hotel-etagen abgesperrt werden und bei denen zu Beethovens Neunter die Möpse nur so fliegen und die Kokslinien röhrchengerecht auf Silbertabletts gereicht werden. Nur: Warum läuft da Kostja Ullmann verirrt durchs Bild? Er spielt eine Art Joker und dekoriert gleich zu Beginn die Decke des Club-Bunkers mit zwei ausgeweideten Mädchenleichen, die ekligen Schleim auf die Tanzfläche tropfen. Blöderweise wird er danach vom Drehbuch immer wieder vergessen, so dass man sich, wenn er mal wieder auftaucht, fragt, warum er für die Handlung eigentlich wichtig ist? Vielleicht muss man Beat dafür zu Ende gucken.

Die Serie wird auch außerhalb Deutschlands gestreamt werden. Gut möglich, dass sie gar nicht so abschreckend wirken, sondern noch mehr Partytouristen nach Berlin locken wird. Die könnten sich dann darüber wundern, dass in den Clubs keine Leichen hängen und man insgesamt einen etwas unspektakuläreren Umgang mit Drogen pflegt. Gerade hat der Senat 150 000 Euro für ein Modellprojekt zur Verfügung gestellt, das testen soll, wie in Berlin Drug-Checking funktionieren könnte - eine Möglichkeit, bereits gekaufte Pillen und Pulverchen vor dem Konsum auf ihre Inhaltsstoffe zu testen. In der Schweiz ist das legal. Partys könnten so etwas gesünder werden, vor allem würde man Dealern und Mafiabossen, die ihre Ware mit allerhand gefährlichen Substanzen strecken, das Handwerk erschweren. Konstruktive Party- und Präventions-Politik. Für Beat wäre das natürlich viel zu langweilig gewesen.

Beat, bei Amazon.