Crowdfunding-Projekt Positiver Journalismus soll Leser zufriedener machen

Die Macher von Perspective Daily: Maren Urner, Bernhard Eickenberg (r) und Han Langeslag.

(Foto: dpa)

Auf ihrer Website "Perspective Daily" wollen drei Wissenschaftler aus Münster vor allem "konstruktive" Geschichten erzählen. Lässt sich dadurch wirklich unser Weltbild verbessern?

Von Fabian May

Nachrichten sind nichts für Feiglinge. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel zum Beispiel hat diese Haltung schon immer recht gut zu vermarkten gewusst, wozu dessen aktueller Imagefilm passt, in dem von Journalisten in Kriminalmetaphern wie "Forensiker des Geschehens" gesprochen wird. Einer sagt: "Du wirst getrieben von einer Empörung, wenn du bestimmte Dinge beobachtest, wo du meinst: Das kann einfach so nicht sein, da laufen Dinge schief, die musst du zumindest darstellen." Es folgt ein Claim, der dann beinahe schon therapeutisch anmutet: "Keine Angst vor der Wahrheit".

Was die Wahrheit ist und was die Rolle des Journalisten, darüber gibt es naturgemäß unterschiedliche Auffassungen. Für die Neurowissenschaftlerin Maren Urner vom journalistischen Start-up Perspective-daily.de zum Beispiel ist die Wahrheit, dass zu viele deutsche Medien zu viel Naming and Shaming betreiben: Probleme werden beschrieben, die Verantwortlichen benannt. Das Projekt von Urner und ihren Kollegen Han Langeslag und Bernhard Eickenberg darf man in dieser Hinsicht durchaus als Absage an das klassische journalistische Geschäft verstehen.

Mehr Dänemark in Deutschland

Die Neurowissenschaftlerin, der Psychologe und der Naturwissenschaftler aus Münster und die sechsköpfige Redaktion haben sich dem "konstruktiven Journalismus" verschrieben. Seit Anfang dieser Woche haben sie die ersten 12 000 zahlenden Mitglieder für ein erfolgreiches Crowdfunding ihres neuen Onlinemediums beisammen. Die Idee zu ihrem Start-up beruht auf folgender Diagnose: Es gebe zwar in vielen Medien Beiträge, die Themen zur Gänze analysieren und mögliche oder gar erprobte Problemlösungen aufzeigen. Man müsse sie aber suchen. Im Mittel führe das dazu, "dass die Menschen ein zu negatives Weltbild haben und sich von den Medien abwenden", sagt Urner. Ihr Gegenmittel: Von Ende Mai an werden fünf "konstruktive" Artikel pro Woche online gehen.

Einen ersten haben sie im März veröffentlicht. Darin stellt Urner etwa klar, dass die Kindersterblichkeit weltweit gesunken und die Alphabetisierungsquote gestiegen ist. Zwei Fakten, die laut dem "Unwissenheitstest" der Gapminder Foundation den meisten Befragten aus westlichen Industrieländern unbekannt sind.

Weitere Artikel sollen von Ende Mai an zum Beispiel erzählen, was man kulturgeschichtlich über Geld wissen sollte, welche Alternativen es inzwischen zur knappen Ressource Bausand gibt oder was man im Persönlichen wie im Politischen aus dem aktuellen Forschungsstand über Gewohnheiten lernen kann. Die Themenwahl von Perspective Daily soll sich dabei nicht daran orientieren, was anderswo auf Seite eins steht, sagen die Gründer, sondern daran, was ihrer Meinung dort stehen sollte.

Die Vision der drei Forscher-Journalisten, die noch bis Juli von einem Gründerstipendium aus Bundes- und EU-Geld zehren: ein bisschen mehr Dänemark in Deutschland. Dänemark, wo laut UN-Glücksreport die meisten zufriedenen Menschen leben - und wo Ulrik Haagerup 2015 sein Buch Constructive News schrieb.

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