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"Charlie Hebdo":Aus Gründen der Sicherheit

A man reads the latest edition of French weekly newspaper Charlie Hebdo with the title 'One year on, The assassin still on the run' on a cafe terrasse in Nice

Die Leser von Charlie Hebdo halten das Blatt mit großzügigen Spenden und Abos über Wasser.

(Foto: Eric Gaillard/Reuters)

Der Haupteigner der Satirezeitschrift ändert die Besitzverhältnisse. Und erweitert so das Führungsgremium um drei Mitglieder.

Neben dem Aushecken der Themen für die nächste Nummer sind die Redaktionssitzungen bei Charlie Hebdo auch zum Feixen im Insiderkreis gut. Dies geschieht allwöchentlich hinter verschlossenen und seit dem Attentat von 2015 gut bewachten Türen. Soziologen, Ökonomen, Journalisten, Literaten, Psychoanalytiker und Karikaturzeichner wetteifern dort mit satirischen Bonmots über den Lauf der Dinge draußen in der Welt. Gegenwärtig gibt es aber auch eine interne Aktualität zu kommentieren.

Laurent Sourisseau, als Zeichner unter dem Namen "Riss" bekannt und mit 66,7 Prozent der Anteile zugleich Hauptinhaber und damit Chef des wöchentlich erscheinenden Satireblatts, hat bekanntgegeben, dass fortan drei weitere Redaktionsmitglieder dem Führungsgremium angehören würden. Der Wirtschaftspublizist Gilles Raveaud, der Psychoanalytiker Yann Diener und der Karikaturist Pierrick Juin sind neue Teilhaber geworden.

Sollte ihm persönlich etwas zustoßen, erklärte Riss, der beim Terrorattentat im Januar 2015 verletzt worden war, müsse die Führung an eine Generation übergehen, die das Drama nicht selber miterlebt habe. Je eine Aktie haben die drei neuen Führungsmitglieder vorerst erworben. Zu welchem Preis, ist unbekannt. Das spielt aber keine Rolle, denn finanziell sind die Anteile offenbar ohnehin nichts wert. Nicht nur redaktionell, sondern auch unternehmerisch ist das Ausgefallene und Schräge Charlie Hebdo auf den Leib geschrieben.

Laut Statuten müssen die Teilhaber des Blattes Mitarbeiter des Unternehmens sein. Der andere bisherige Inhaber neben Riss, der das verbleibende Drittel der Aktien besitzt, ist der ehemalige Geschäftsführer Eric Portheault. Wegen Meinungsdifferenzen ist dieser aber Anfang 2018 ausgeschieden. Konsequenterweise wollte er seine Anteile abgeben. Nur konnte man sich dabei auf keinen Preis einigen. Die 1,8 Millionen Euro, die Portheault dem Vernehmen nach verlangte, lehnte Riss ab mit der Begründung, diese Summe habe man bei Charlie Hebdo nicht locker und im Übrigen solle Schluss sein mit dem Spekulieren über die Charlie-Anteile. "Diese Aktien sind wertlos", betonte der Patron noch einmal. Und die Affäre Portheault harrt seither auf eine gerichtliche Regelung.

Ganz so mausarm ist das Blatt jedoch nicht. Aus spontanen Spenden und Solidaritätsabonnements sind nach dem Attentat 15 Millionen Euro zusammengekommen. Dieses "Geld der Toten", um das zunächst heftig gestritten worden war, wurde als unantastbare Reserve für schwierige Zeiten hinterlegt. Tatsächlich kriselt es bei der 1970 gegründeten Zeitung mit ihren gut vierzig bezahlten Mitarbeitern seit Jahren, wenn ihr nicht gerade beleidigte Fundamentalisten mit Gezeter, Drohungen oder Terroraktionen Aufmerksamkeit und neue Käufer verschaffen. Im letzten Jahr lag der Umsatz bei 8,5 Millionen Euro, das sind 23 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zeitung bewegt sich wieder im roten Bereich. Die wöchentliche Auflage liegt derzeit bei 50 000 verkauften Exemplaren. Überdies muss Charlie Hebdo jährlich anderthalb Millionen Euro für seine Sicherheitsvorkehrungen aufbringen. In der Redaktion hofft man, dafür demnächst Staatshilfe zu bekommen.

Tatsächlich grenze die Situation an Schizophrenie, gab Riss nach Bekanntgabe der Kapitalöffnung für die drei neuen Teilhaber ohne Umschweife zu. Auf der einen Seite müsse man freche Zeichnungen machen, auf der anderen habe man darauf zu achten, dass die Kasse stimmt. Gibt es aber bei Charlie überhaupt eine Kasse? Jedenfalls keine, aus der man reich werden kann. Deshalb reißt man sich unter den Mitarbeitern nicht um Kapitaleinlagen. Der symbolische Gewinn, als Publizist zur Runde von Charlie Hebdo zu gehören, ist höher als der Ertrag eines Wertpapiers ohne bezifferbaren Wert, das, wie böse Zungen mutmaßen, womöglich gratis an Interessierte abgegeben wird.