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Am Kiosk:Trickreich

Listen für alle Lebenslagen: die Erstausgabe von Genial einfach.

(Foto: Funke)

Das neue Magazin "Genial einfach" besteht großteils aus nummerierten Listen. Fünf Dinge, die das Heft über die Medienbranche aussagt.

Der Funke-Verlag hat ein neues Magazin an die Kioske gelegt. Genial einfach besteht großteils aus nummerierten Listen - und sagt einiges über die Medienbranche aus. Zum Beispiel folgende fünf Dinge.

1. Das Internet beeinflusst Print-Magazine. Wenn Artikel einzig aus Aufzählungen bestehen (wie dieser), nennt man das ein "Listicle". Das ist eine Wortkombination aus "Liste" und "Article". Im Internet hat das Portal Buzzfeed diese Aufzählungsartikel populär gemacht. Sie sollen einen leichten Zugang zu Themen liefern - ohne dass man lange Fließtexte lesen muss. Das Konzept Listicle suggeriert Überblick und Vollständigkeit, ohne große Anstrengung. Das Magazin Genial einfach druckt dieses Konzept jetzt auf Papier aus. Das Heft versammelt auf 132 Seiten 27 nummerierte Aufzählungen und noch mal so viele Listen, die ohne Zahlen auskommen. Die Inhalte der sieben Ressorts sind äußerst zufällig gemischt und bieten sogar für Anhänger der Idee, ein Magazin wie eine Wundertüte zu denken, erstaunliche Überraschungen.

2. Es gibt eine Sehnsucht nach Rezepten. Auch für Dinge, die man nicht essen kann. Im vorderen Heftdrittel sind die Listen klassischer Kochrezepte ("Tipp: Nicht gleich aus dem Kühlschrank essen"), weiter hinten überträgt das Heft diese Form der klaren Vorgabe auf weitere Lebensbereiche. Aus allen Listen quillt der Eindruck, man könne auch außerhalb der Küche leicht verständlichen Rezepten folgen. Auch dabei bedient sich das Heft eines aus dem Netz stammenden journalistischen Prinzips: des Lifehack-Journalismus. Als Lifehack werden kleine Alltagstricks bezeichnet, mit denen man ohne großen Aufwand Probleme lösen kann. Wer zum Beispiel schnell Getränke kühlen muss, weil plötzlich Besuch kommt, sollte die Flaschen mit nassem Küchenpapier umwickeln und sie ins Kühlfach legen, lernt man in Genial einfach.

3. Das Geschäftsmodell ändert sich. Im Heft steht der Trick mit dem Küchenpapier auf Seite 30. Im Internet müsste er auf der ersten Seite stehen: Auf der ersten Seite der Suchmaschinenanfragen zum Thema "Getränke schnell kühlen". Denn im Netz sind diese Lifehacks deshalb so populär, weil viele Menschen häufig danach suchen und man dann Anzeigen - etwa für Küchenpapier - direkt neben dem Kühltrick schalten kann. In Genial einfach gibt es solche Umfeldanzeigen nicht. Aus Sicht der klassischen Magazinvermarktung kann man sogar sagen: Das Heft ist nahezu werbefrei. Es muss sich also einzig durch die Einnahmen aus dem Kioskverkauf tragen. 100 000 Exemplare hat der Funke-Verlag nach eigenen Angaben gedruckt. Es hängt also nahezu alles davon ab, ob Leser bereit sind, 4,95 Euro für das Heft zu bezahlen.

4. Tricks, nach denen man nicht gefragt hat, können Spaß machen. Die Wette, die der Verlag mit dem neuen Heft eingeht, ist spannend. Denn in Wahrheit sind die allermeisten Tricks nicht so geheim, wie das Heft behauptet. Sie sind nicht nur Chefköchen, Friseuren oder Personal Trainern bekannt, man wird sie mit ein wenig Suchen auch irgendwo im Netz finden. Aber das ist der erstaunliche Reiz am Blättern in dem Heft: Man findet Dinge, die man gar nicht gesucht hat. Das macht mehr Spaß, als man annehmen möchte, aber eben nicht, weil es "genial einfach" wäre, sondern etwas kompliziert, aber eben überraschend.

5. Die Zukunft bleibt ungewiss. Ob das für weitere Ausgaben reicht? Das Magazin selbst sendet widersprüchliche Signale. Es wird zwar eine Sommerausgabe angekündigt, aber ohne Datum. Und auch sonst tut das Heft wenig dafür, Bindungskraft zu entfalten. Keine Website, keine Social-Media-Kanäle, nur eine Telefonnummer, als Kontakt zur sehr kleinen Redaktion. Ein einziger Textredakteur ist im Heft aufgeführt.