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40 Jahre "Titanic":Balsam für die wunde Seele

Man darf niemals unterschätzen, was dieses "endgültige Satiremagazin" für die mentale Verfassung der waidwunden Linken in Deutschland war. Gefeiert wird mit einer Ausstellung in Frankfurt und einem Bildband.

Ende der Siebzigerjahre hing die Stimmung linker Intellektueller in der alten Bundesrepublik auf der anderen Seite von Champagnerlaune. Aller Aufbruch war verflogen, verraten und gescheitert. In Westberlin gönnte sich die "undogmatische" Szene, so sagte man damals, darum im Jahr 1978 einen dreitägigen "Kongress", der "als großes Abschiedsfest auf der Titanic" angekündigt und mit "Tunix" überschrieben war. Man wollte es noch einmal entspannt krachen lassen. Tunix wurde dann aber so etwas wie das "Wacken Open Air" der linken Gesinnung: ein Hardcore-Festival für erschlaffte Undogmatiker aus ganz Deutschland. Viel Zulauf und allerletzte Arbeitskreise zu Themen wie: "Selbstversorgung und Aufbau einer eigenen Nahrungsmittelkette", "Überleben im Stadtteil", "Linke Kneipen: Gegenöffentlichkeit oder Abfüllstation?". Musikalisch begleitet vom "Mobilen Einsatzorchester".

Man war also definitiv reif für ein bisschen Freude, ein wenig Sarkasmus. Denn klar war der lidschweren Linken ja weiterhin: Es gibt ein kapitalistisches "System", einerseits. Und andererseits nur uns, die "kleinen Rebellen", die sich dieses Systems bauernschlau erwehren müssen. Die Welt blieb supersauber geordnet in die beiden Fressbuden der "Freak-adellen" (der zerzausten Linken) und der "Bulle-tten" (der uniformierten "Anderen" der Staatsmacht), um es mit einer damals populären Karikatur von Gerhard Seyfried zu sagen. Doch dann erschien 1979 die Frankfurter Titanic.

Man darf nie, nie, niemals unterschätzen, was dieses "endgültige Satiremagazin" für die mentale Verfassung der waidwunden Linken war. Selbst die im selben Jahr gegründete taz kommt balsamtechnisch da nicht mit. Die Titanic-Auflage schnellte denn auch bald auf über 100 000 Exemplare. Heute liegt sie - laut Impressum - nur geringfügig darunter.

Titanic befreite das dionysische Linkenlachen aus der kapitalistischen Krämerhölle der BRD, das Magazin war ein Vademecum gegen die geistig-moralische Wende ins Kleinkarierte, die man wie deren prominentesten Vertreter, Helmut Kohl, verachtete. Er wurde "Birne" getauft. Auf den Titeln des aus der Satirezeitschrift Pardon hervorgegangenen Magazins wurden lustvoll die Tabus der "Anderen" gebrochen: Sex, Nazis, Papst und Tiere. Gerne auch in Kombination und erweitert nach dem Mauerfall um das Personal der neuen Bundesländer. So antwortet der Titel: "Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt" vom April 1992 auf: "Zonen-Gabys erste Banane" vom November 1989.

Nicht Journalisten kredenzten die Satiresäure des Heftes, sondern bildende Künstler, Zeichner, Cartoonisten. Die Gründerfiguren Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, F. W. Bernstein, F. K. Waechter, Hans Traxler waren Zeichner der Neuen Frankfurter Schule und Apologeten eines handfest skurrilen Individualismus, Leute mit ausgefallenerem Humor und Gespür fürs Böse. Kein Wunder, dass Titanic fast im Ausgaben-Takt Anwaltsschreiben provozierte und zu einem Brevier wurde, dem die Kirche und ihre Vertreter, Religion sowieso, überhaupt alles, was heute auf dem Minenfeld der Political Correctness weiträumig umfahren würde, herzhaft egal waren. Der Vorschlag zur Bundespräsidentenwahl: "Warum nicht mal ein Neger?", der Roberto Blanco zeigte (Oktober 2003), käme nicht einmal mehr in den Möglichkeitspool für einen Titel-Entwurf.

Dieser Titanic, dem Sturmgeschütz des Demokratie-Humors, ist anlässlich ihres Jubiläums eine "Endgültige Titel-Ausstellung" im Frankfurter Caricatura-Museum (noch bis 2. Februar) und ein Bildband mit nahezu allen Frontseiten gewidmet ("40 Jahre nur verarscht!", 400 Seiten, Kunstmann, 40 Euro). Die Geschichte von Gentschman und Gottschalks Buntstiftlutscher fehlen nicht. Wie auch? Humor ohne Titanic wäre ganz einfach nicht die alte BRD.