Wir sind Wikipedia Spitzname: Schlau

Hip-Hop, keimfreie Räume und Schriftstellerinnen - vier Wiki-Autoren erzählen, warum sie bei der Plattform mitarbeiten. Vier Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten.

SDKmac, Student

(Foto: Josef Kelnberger)

"Als Schüler habe ich oft bei Wikipedia abgeschrieben. Die Lehrer haben nichts dagegen gesagt. Wie hätten sie das auch verbieten sollen? Wikipedia ist ja meist die erste Quelle, sie ist schon zuverlässig, aber besser ist es, noch andere Quellen zu verwenden. Ich habe mich vor vier Jahren bei einem Schulprojekt zum ersten Mal näher mit der Webseite beschäftig und schrieb dann einen Artikel über unsere Schule. Jetzt studiere ich Geowissenschaften, doch mein Spezialgebiet sind Jugendthemen und Musik: Techno, Hip-Hop, Rap. Ein Dutzend Artikel habe ich geschrieben, einige beschäftigen sich mit Alben von Deutsch-Rappern. Sobald sie in den Charts Nummer eins sind, sind sie "relevant", also wichtig genug für Wikipedia. Es geht schon sehr viel Zeit mit der Arbeit drauf, aber die meisten meiner Freunde finden gut, dass ich das mache."

RudolfSimon, Ingenieur

(Foto: Josef Kelnberger)

"Meine Kinder sind schon groß, sie lesen meine Artikel und motivieren mich weiterzumachen. Von meiner Frau bekomme ich allerdings manchmal zu hören, ich würde zu viel Zeit darauf verwenden. Meine Meinung ist: Die Zukunft hängt vom Wissen ab. Ich selbst hatte eine gute Ausbildung und konnte deshalb einen guten Beruf ergreifen. Jetzt möchte ich der jungen Generation etwas zurückgeben. Ich habe vor zehn Jahren angefangen, Artikel für Wikipedia zu schreiben, weil ich dort zu wenige Artikel über Ingenieurstechnik gefunden hatte. Wer etwas von mir lesen will, kann zum Beispiel unter 'Reinraum' nachsehen. Da steht: 'ein Raum, in dem die Konzentration luftgetragener Teilchen sehr gering gehalten wird'. Schwer zu verstehen? Es geht um keimfreie Räume, die sind zum Beispiel wichtig, um Arzneimittel herzustellen."

Kritzolina, Sozialpädagogin

(Foto: Josef Kelnberger)

"Ich liebe Gedichte, deshalb ist das auch mein Spezialgebiet bei Wikipedia. Meinen ersten Artikel habe ich vor drei Jahren über eine Münchner Schriftstellerin geschrieben. Nur 16 Prozent der Wikipedia-Gemeinschaft sind weiblich, daran liegt es auch, dass es über manche bekannte Frauen immer noch keine Artikel gibt. Wikipedia hat oft noch einen männlichen Blick auf die Welt. Es klingt wie ein Vorurteil, aber in Texten über Kriege kann man gut sehen, wer welche Passagen geschrieben hat: Männer sind eher fasziniert von Panzern und Flugzeugen, Frauen schauen auf die Opfer und was auf so ein Ereignis folgte. Es ist gut, wenn mehr Frauen bei Wikipedia schreiben."

Braveheart, Informatiker

(Foto: Josef Kelnberger)

"Meinen echten Namen halte ich geheim, denn ich schreibe bei Wikipedia über Rechtsextremisten, das sind Leute, die Adolf Hitler mochten oder finden, dass Ausländer wegmüssen. Diese Leute versuchen, Texte bei Wikipedia umzuschreiben und ihre eigene Meinung reinzubringen. Das ist manchmal unangenehm. Manche Kollegen von mir haben schon Drohbriefe bekommen. Als ich anfing, hat es häufig noch gereicht, wenn ein Autor einfach nur aufgeschrieben hat, was er zu einem Thema weiß. Mittlerweile muss man für jeden Artikel hart recherchieren, muss benennen, woher man was weiß. Das ist viel Aufwand, deshalb hören manche Autoren auf, was ich schade finde. Wikipedia will, dass ein Thema von allen Seiten beschrieben wird, ohne Meinung. Niemand soll dort Werbung für sich oder sein Anliegen machen. Etwa eine Stunde täglich bin ich in meiner freien Zeit für die Webseite tätig. Und häufig geht der Urlaub drauf. Aber das ist mir die Sache wert."