Wer spricht mehr? Schwätzer und Schweiger

Eine amerikanische Studie belegt: Männer und Frauen reden gleich viel.

Von Werner Bartens

Wissenschaft kann grausam sein. Zumindest dann, wenn sie liebgewonnene Vorurteile zerstört. Als gesichertes Alltagswissen gilt etwa, dass Frauen viel mehr reden als Männer. Millionenfache tägliche Erfahrung scheint das zu bestätigen. Ob in Sketchen von Loriot, seriöser Literatur oder sogenannten Beziehungskomödien - das Stereotyp von der geschwätzigen Frau und dem schweigsamen Mann ist in der westlichen Kultur fest verankert.

Sei doch mal still - ich will auch mal zu Wort kommen!

(Foto: Foto: iStock-Photos)

Der weibliche Redeschwall gilt neuerdings sogar als Ausweis sprachlicher, sozialer und sonstiger Kompetenz. Die Psychiaterin Louann Brizendine aus Kalifornien hat den kleinen Unterschied in Zahlen gefasst: Demnach kommen Frauen auf durchschnittlich 20.000 Wörter am Tag. Männer hingegen bringen nur etwa 7000 Wörter täglich über die Lippen.

Diese Zahlen werden immer wieder in den Medien zitiert, etwa um zu beweisen, dass Männer nie zuhören. Das Problem an der Statistik: Niemand hat sie überprüft und nachgezählt. Psychologen aus den USA haben sich jetzt aber diese Mühe gemacht: In der an diesem Freitag erscheinenden Ausgabe des Fachmagazins Science kommen sie zu dem Ergebnis, dass Frauen keineswegs die größeren Plaudertaschen sind, sondern dass Männer genauso viel reden. "Wir haben auch keinen Hinweis dafür gefunden, dass Frauen über einen ausgefeilteren Wortschatz verfügen", schreiben die Autoren um den Psychologen Matthias Mehl von der University of Arizona in Tucson.

Der Unterschied ist kleiner als vermutet

In der Studie kamen die angeblich verschlossenen Männer auf durchschnittlich 15.669 Wörter am Tag. Die ach so schwatzhaften Frauen brachten es täglich auf 16.215 Wörter - ein statistisch nicht bedeutsamer Unterschied. "Die Ansicht, dass Frauen mitteilsamer sind als Männer, wird zwar ständig wiederholt, doch jetzt erweist sie sich als unbegründetes Vorurteil", sagt der amerikanische Psychologe James Pennebaker.

Wie gesprächig die Geschlechter im Alltag sind, hat das Team um Matthias Mehl mit Hilfe elektronischer Aufnahmegeräte untersucht. Sechs verschiedene Gruppen mit insgesamt 400 Teilnehmern aus den USA und Mexiko bekamen Rekorder, die bis zu zehn Tage lang alle zwölf Minuten Geräusche aufzeichneten, ohne dass die Probanden es bemerken konnten. Auf diese Weise wurden 17 Stunden lang täglich die Gespräche registriert - Partygeplauder und Liebesschwüre ebenso wie Streitereien oder berufliche Besprechungen.

Sprechen, so lange er noch zuhören kann

Ein Kritikpunkt an der Studie ist, dass alle Teilnehmer jünger als 30 Jahre waren. Aus zahlreichen Einzelfallbeobachtungen ist wissenschaftlichen Laien jedoch bekannt, dass die Frauen in ihrem Umfeld mit zunehmendem Alter eher gesprächiger als schweigsamer werden. Eine gängige Erklärung dafür ist, dass Frauen um die geringere Lebenserwartung ihrer Männer wissen. Wenn manche Gattin zur Quasselstrippe wird, folgt sie allein der Devise: Sie will ihm unbedingt alles erzählen, was sie beschäftigt, so lange er noch zuhören kann.

Dass es Frauen gibt, die partout nicht den Mund halten können, weiß auch die Wissenschaft. "Es gibt natürlich extreme individuelle Unterschiede", sagt Matthias Mehl. Die Rekorde in dieser Studie stellten allerdings die Männer auf. Der größte Schwätzer unter ihnen kam auf unglaubliche 47 000 Wörter am Tag. Soviel redete keine Frau. Ein anderer Mann hingegen - offenbar ein großer Schweiger und ein Vorbild für effektive Kommunikation - brachte gerade mal 500 Wörter am Tag heraus.