Welt-Aids-Tag 2006 Mit roter Beete gegen die Seuche

Sechs Millionen Menschen in Südafrika sind HIV-positiv. Doch noch immer wollen viele nicht glauben, dass es diese Krankheit wirklich gibt.

Von Stefan Hippler

Knoblauch, rote Beete, afrikanische Kartoffel - wer bei der Weltaidskonferenz in Toronto vor drei Monaten den Pavillon der südafrikanischen Regierung besuchte, der rieb sich verwundert die Augen, welche "Medikamente" gegen Aids dort empfohlen wurden.

Aids-Patientin in Afrikas größtem Slum Kibera in Nairobi.

(Foto: Foto: AFP)

Es war umso verwunderlicher, weil ja Südafrika eines der am stärksten von der Seuche betroffenen Länder ist.

Seine Bevölkerung wird von Aids regelrecht dezimiert. 800 bis 1000 Menschen sterben daran und zwischen 1500 und 2000 Menschen infizieren sich neu - und das täglich.

Teile des Gesundheitsministeriums konstruieren daraus einen Erfolg - und führen an, die Todesrate bei Aids sei doch zurückgegangen. Sie machen sich einen makabren statistischen Effekt zunutze: Wenn die Zahl der Neu-Infizierten größer ist als die Zahl der Toten, dann steigt zwar die Zahl der Todgeweihten - die Todesrate unter den Infizierten aber sinkt.

Das Sterben wird also weitergehen

Sechs Millionen Menschen in Südafrika sind HIV-positiv. Nicht einmal jeder zwanzigste von ihnen hat Zugang zu Medikamenten.

Auch wenn man berücksichtigt, dass nicht jeder positiv getestete Mensch sogleich Therapie benötigt, so sind es doch eine Million Menschen, die auf Medikamente angewiesen wären. Aber nur etwas mehr als 200.000 Menschen erhalten sie. Das Sterben wird also weitergehen.

Dabei gibt es auch in Südafrika viele vernünftige Menschen, die das in ihrer Macht Stehende versuchen, um Not, Leid und Neu-Infektionen zu verhindern.

In der Provinz Western Cape mit der Hauptstadt Kapstadt ist die Zusammenarbeit unserer Hilfsorganisation "Hope Cape Town" mit den Behörden von Vernunft und Einsicht geprägt. Wir kümmern uns um Aufklärung, Behandlung, die Arbeit mit traditionellen Heilern sowie um die Vernetzung von Aids-Initiativen.

Aber: Regie-Anweisungen gehen in der afrikanischen Tradition immer von oben nach unten - da können sich auch Vertreter einer südafrikanischen Provinz nicht allzu offensichtlich der nationalen Politik widersetzen, wollen sie in ihren Ämtern bleiben

In einem Land, in dem Menschen traditionell auf die "Leader", die Führer von Gemeinden und sozialen Strukturen, hören, hat eine Politik, die rote Beete und Knoblauch propagiert, fatale Konsequenzen. Menschen sind verwirrt, ob das, was Ärzte, Krankenschwestern oder Vertreter von Hilfsorganisationen erzählen, wirklich wahr sein soll: Gibt es denn wirklich dieses Virus?

Und kann es wirklich durch die westliche Medizin behandelt werden? Oder ist die traditionelle Medizin nicht weitaus besser?

Und so werden immer wieder Behandlungen abgebrochen und Vitamine und Naturheilmittel anstelle von Medikamenten genommen - mit der Folge, dass Menschen sterben.

Das Virus "abgeduscht"

Wenn dann noch ein Politiker wie Jacob Zuma, der sich berechtigte Hoffnungen macht, der nächste Präsident Südafrikas zu werden, in einem Gerichtsverfahren öffentlich erklärt, dass er sich nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer HIV-positiven Frau das Virus "abgeduscht" habe, dann hat das beim einfachen Volk vor allem eine Konsequenz: dass es Warnungen in den Wind schlägt.

Intellektuelle mögen über Zumas Behauptungen lachen - viele nicht so gebildete Menschen glauben ihm so etwas. Ich habe in diesem Jahr vor Farmarbeitern einen Kurs zur Aids-Verhütung abgehalten.

Die Teilnehmer sprachen die Frage des Duschens an, aber nicht nur die. Sondern sie vertraten auch die traditionellen Ansichten, dass Krankheiten keine biologische Ursache haben, sondern entweder ein Ruf der Ahnen sind oder eine Strafe dafür, dass bestimmte Rituale nicht eingehalten wurden.

Auch dass Hexerei im Spiel ist, gilt immer wieder als ernsthafte Ursache für die Infektion.

So kommen also viele Gründe zusammen, warum in Südafrika sechs Millionen von 44 Millionen Einwohnern inzwischen HIV-positiv sind: eine verfehlte Politik, der gleichzeitige Glaube der Menschen an Autoritäten, eine missglückte Präventionskampagne - und dies alles in einer Gesellschaft, in der sexuelle Aktivität schon im Alter von zwölf oder gar noch weniger Jahren beginnt und in der auch Vergewaltigungen innerhalb von Familien leider nicht unüblich sind.

Die Tragik wird dadurch verschlimmert, dass die Gesellschaft infizierte Menschen mit einem Stigma versieht. Das Leben mit dem Aids-Virus ist nicht so einfach. Menschen, die es in sich tragen, leben und sterben einsam.

Ausgestoßen von Familien und Gemeinschaften

Sie werden aus Familien und Gemeinschaften ausgestoßen - selbst die Benutzung von Gemeinschaftstoiletten kann ein Problem werden, wenn die Infektion sich herumgesprochen hat.

Ich kenne sogar einen Fall, wo ein Mitglied einer katholischen Gemeinde gebeten wurde, doch bitte die Gemeinde zu wechseln, weil ja offensichtlich der moralische Lebensstil dieses Mitgliedes zu wünschen übrig lasse. Um einander bloß nicht zu offenbaren, haben Ehepaare, bei denen ein Partner positiv, ein anderer negativ ist, ungeschützten Geschlechtsverkehr miteinander.

Vergangene Woche machte eine Meldung in den südafrikanischen Medien Schlagzeilen: Eine Familie hatte einen Arzt verklagt, weil er "Aids" als Todesursache auf den Totenschein geschrieben hatte.

Und das Kondomverbot der katholischen Kirche richtet natürlich auch mehr Schaden als Nutzen an - gerade in einem religiös geprägten Land, in dem Pfarrer noch echte Autoritäten sind.

Macht unter all diesen Umständen die Arbeit einer Hilfs-Organisation überhaupt Sinn? Ja - weil Veränderung immer nur von unten kommen kann. Sie macht Sinn, weil es möglich ist, das Leben einzelner Menschen zu erreichen, zu ändern, ihnen Hoffnung und Zukunft zu geben.

Die 23 Mitarbeiter von "Hope Cape Town", die in den Townships von Kapstadt arbeiten, kommen jährlich mit mehr als 350.000 Menschen in Kontakt. Und haben dabei immer wieder Erlebnisse, die zum Optimismus Anlass geben:

Da ist zum Beispiel die Abiturientin, die seit Jahren von "Hope" ihre Medikamente finanziert bekommt sowie von unserer Ärztin betreut wird. Ihr Wunsch ist es, Medizin zu studieren - und sich quasi dafür zu revanchieren, dass ihr das Leben ermöglicht wurde.

Oder das Mädchen Nobathembu, das halb tot in die Klinik gebracht wurde und der kaum eine Überlebenschance gegeben wurde - inzwischen ist es ein aufgewecktes und fröhliches Kind.

Und da sind die vielen Mütter und Väter, die nun ihre Kinder heranwachsen sehen werden - jede einzelne Familie, jeder einzelne Kranke ist all der Anstrengung wert. "Verändere das Leben eines Menschen, und du veränderst die Welt"; dieser Spruch mag alt und abgedroschen sein. Aber er ist wahr.

Der katholische Pfarrer Stefan Hippler, 46, aus Deutschland stammend, ist einer der bekanntesten Aids-Aktivisten in Südafrika. Er leitet in Kapstadt die Hilfsorganisation "Hope".