Weihnachtsgrüße aus Santa Fu "Knast ist nicht cool"

In der Hamburger JVA Fuhlsbüttel sitzen schwere Jungs. Doch die Straftäter beteiligen sich aktiv an der Wiedergutmachung: Sie treffen sich als "Kreative Zelle" und produzieren schöne Dinge für einen guten Zweck.

Von Mirja Kuckuk

Weihnachten in Santa Fu: Es wird Rindergulasch geben und zum Nachtisch Stollen. Ein Festtagsessen. Doch der Heilige Abend wird früh enden. Denn während auf der anderen Seite der Gefängnismauern die Geschenkpapierschlacht beginnt, wird in der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel keine feierliche Ausnahme gemacht: Um 18.30 Uhr ist Einschlusszeit. Das wird auch am ersten Weihnachtsfeiertag so sein, nach der halben Ente mit Rotkohl, Semmelknödeln und der Waffelmischung zum Dessert. Nach dem Mahl geht es zurück in die Zellen.

In der anstaltseigenen Druckerei Glasmoor produzieren die Häftlinge die T-Shirts der Marke "Santa Fu".

(Foto: Foto: JVA Fuhlsbüttel)

Nun scheint Mitleid fehl am Platze, befinden wir uns schließlich in Santa Fu, Deutschlands berüchtigtem Gefängnis, in dem keine Autodiebe einsitzen, sondern Gewaltverbrecher. Doch auch von dort ist Weihnachtliches zu vernehmen: ein Stück Wiedergutmachung ist das Anliegen der Insassen - und das nicht nur zum christlichen Fest.

Mit der Knastmarke "Santa Fu" haben Gefangene ein Projekt gestartet, das Resozialisierung und Wiedergutmachung zugleich ist. Häftlinge aus Haus IV, wo sich die Sozialtherapie befindet und Gewalt- und Sexualstraftäter einsitzen, haben sich zur "Kreativen Zelle" zusammengeschlossen. Seit 2006 vertreiben sie Produkte ihrer eigens erfundenen Hausmarke "Santa Fu": T-Shirts mit dem Aufdruck "lebenslänglich" oder "endlich frei", Mützen namens "Cap der guten Hoffnung"; ein Memoryspiel mit den Tattoos von Häftlingen oder das Pflegeset "Bleib sauber" mit echter Knastseife und Rasierschaum.

Das mag spielerisch klingen, die Marke "kultig" wirken, doch dahinter steckt Arbeit, die Gutes bewirken soll - ein Teil des Erlöses fließt in die Opfer-Hilfsorganisation Weißer Ring e.V. Einmal pro Woche bekommt die Kreative Zelle Besuch: Die privaten Partner aus einer Hamburger Design- und einer Werbeagentur setzen sich mit den rund zehn Gefangenen zusammen und besprechen neue Ideen und deren Umsetzung. In der JVA Glasmoor werden die T-Shirts bedruckt, in der Druckerei und Buchbinderei der JVA Fuhlsbüttel, wo auch alle Broschüren der Freien und Hansestadt Hamburg in Auftrag gegeben werden, entstehen Bücher und Spiele. 2006 wurde die kreative Knastgemeinschaft von Horst Köhlers Initiative "Deutschland - Land der Ideen" ausgezeichnet.

Mama Mälzer kocht mit

"Knast ist nicht cool", sagt Kathrin Sachse von der Hamburger Justizbehörde, "wir wollen mit der Marke nichts verharmlosen. Vielmehr wollen wir mit dem Projekt neue Betätigungsfelder für die Gefangenen schaffen. Jemand wie Sven Brauer kann - neben der allgemeinen Arbeit in der Anstalt - endlich wieder kreativ tätig werden."

Sven Brauer ist gefangener freischaffender Künstler, Insasse von Haus IV. Gerade ist ein neues Santa-Fu-Produkt erschienen, an dem der 46-jährige Grafiker maßgeblich beteiligt war: Das Kochbuch "Huhn mit Handschellen". Brauer hat das Buch grafisch gestaltet. Seine stilvoll getuschten Zeichnungen illustrieren Gerichte wie "Pasta Depressiva", "Knackis Liebste" oder eben "Huhn mit Handschellen". Das Kochbuch hat eine Schirmherrin gefunden, die eine gute Portion Publicity beisteuert: Christa Mälzer, Gastronomin und Mutter des Hamburger Starkochs Tim Mälzer. Einen Abend lang haben Oliver P., Nasir Rasikh, Michael M. und Sven Brauer für Frau Mälzer gekocht und ihr mit afghanischen Hackröllchen und Affenbrot gezeigt, dass man aus ihren Phantasie-Rezepten ein Kochbuch machen kann.

Ein fernsehreifes Kochgelage wie es Sohn Tim regelmäßig hinlegt, wird dieser Abend für Frau Mälzer nicht gewesen sein. Die Insassen können nur alle zwei Wochen frische Zutaten einkaufen, das Kühlfach, das jedem zusteht, hat die Größe eines Schuhkartons. Die Küche, abseits der Großküche, hält nicht immer alle Utensilien parat. Das Resultat: durchaus kreative Gerichte. Zu jedem Rezept gibt es in dem Buch eine kleine Geschichte über seine Entstehung oder Assoziationen der Häftlinge über ihr Leben hinter Gittern. So erfährt man - neben den nötigen Mengenangaben - einiges aus dem Knastalltag. Denn zwischen den flapsigen Zeilen im Knacki-Jargon schwingen auch nachdenkliche Töne mit.

"Im Knast hat man nicht viel Freude", weiß Besucherin Christa Mälzer, "deshalb geben sich die Gefangenen beim Kochen besonders viel Mühe." "Partys für den Gaumen" nennen die Häftlinge ihre regelmäßigen Treffen, bei denen Italiener Deutschen zeigen, wie man Pizzateig knetet und der asiatische Zellengenosse Soja- statt Tomatensoße dazu vorschlägt. Man sitzt zusammen, probiert aus, stößt mit Leitungswasser an und trennt sich um 18.30 Uhr wieder.

"Das Projekt in Haus IV gehört zur Sozialtherapie in Fuhlsbüttel", sagt Kathrin Sachse, "die Gefangenen haben im Leben selten Zuspruch erfahren. Auf ihr Gemeinschaftswerk sind sie aber ziemlich stolz." Die Produkte vertreibt die JVA über die Internetseite www.santa-fu.de und in einigen ausgewählten Geschäften der Stadt. Doch auch innerhalb der Mauern finden sie Abnehmer: das neue Ausbrecher-Spiel "Alaarm!" spielen selbst die Vollzugsbeamten gern mit. Vielleicht ist das auch eine Idee für Heiligabend - nach der Geschenkpapierschlacht jenseits der Mauern.

"Wieder frei"

mehr...